Vor einem Jahr eröffnete Hans Jürgen Schwinn aus Güttersbach die Themenabende als neues Format von Dorfleben e.V., mit einem Bericht über seine Allein-Wanderung vom Bodensee nach Oberstdorf. Mit 7 weiteren Veranstaltungen, jeweils am zweiten Montag im Monat, zu unterschiedlichen Themen sind sie im Laufe des Jahres zu einem gut besuchten Treffpunkt geworden. Sehr erfreulich, dass den Einladungen auch zunehmend Interessierte aus den anderen Ortsteilen Mossautals folgen und auch Referenten aus der Region gerne vortragen, wie z.B. beim Themenabend Streuobstwiesen im September 2025 oder eben aktuell Traude und Henner Dietl aus Reichelsheim, die von ihren Erlebnissen auf Jakobsweg-Etappen 2010-2011 berichteten.
Erste Etappe: 1380 Höhenmeter 25 Tageskilometer im Frühjahr Mai/Juni Das Landesinnere Spaniens liegt auf 700 – 1100 Metern Höhe über dem Meeresspiegel im Vergleich dazu Güttersbach bei ca. 280 m und trotzdem:
Drei Beerfelder im Templer-Orden von Pamplona getroffen!
„Musthave“-Pilger-Foto No. 1 in Alto del Peron auf dem „Berg der Vergebung“ – haben sich Traude und Henner Dietl in das Pilgerdenkmal eingereiht.
Saure Wein-Quelle in Logronto am Ebro im Riocha-Weinanbaugebiet doch nicht ausgetrunken! Im cantabrischen Küstengebirge ziehen die Nebel von der
Biscaya über die „Tafelberge“.
Morgens wirft man lange Schatten und abends übernachten in der Einraum-herberge mit 92 Betten bei geschlossenem Fenster (wegen der Stechmücken!) mit Schnarchkonzert inclusive.
Einmal Schuhreparatur beim Zapato ( Schuster) in Meseta, der Kornkammer Spaniens …und zwei Tage später Selbstreparatur mit Silicon. – später in Galicien, Palloza, keltische Steinsiedlungen und ein indischer Pilger in der Gegenrichtung mit Flip-Flops!
5 km/h ist die Pilgerdurchschnittsgeschwindigkeit: Blasendoktoren mit Nadel und Faden und Physiotherapeuten bieten ihre Dienste ambulant in den Pilgerherbergen an.
Die Kathedrale von Santo Domingo De la Calzeda beherbergt zwei lebende Hühner in einem Käfig – in Erinnerung an das Hühnerwunder von anno… und es gibt dazu beim Bäcker Motiv-Blätterteigwaren: Der Erhängte!
Burgos: Junge Leute demonstrieren gegen Arbeitslosigkeit und Korruption.
Castro Leritz ist „so lang wie Mosse!“ - der Stempelgeber für den Pilgerausweis studiert Medizin in Heidelberg.
Vom Canal de Castilla mit Getreidehafen sind es noch 436 km bis Santiago und es gibt Lehmhäuser und Wohnungen unter der Erde, die wohl als Vorlage für die Hobbit-Hütten im Herrn der Ringe gedient haben, - nicht unattraktiv bei -20 C im Winter und +40 C im Sommer.
Leon: 125 bunte Glasfenster und wieder Jugenddemos.
Und immer wieder Blüten-Meere am Wegesrand.
Entlang der Via del Plata – ehemalige Silberminen. „Riecht es in Astorga nach Zimt“, Dank einer Großbäckerei, beschreibt HaPe Kerkeling in seinem Bestseller von 2006: „Ich bin dann mal weg!“ - mit dem er samt Verfilmung 2015 den Camino richtig populär machte – anziehend auch der Bischofspalast von Antonio Gaudí.
Und in Foncebadon englische Herbergseltern mit Teatime und Gebäck, in Ruitelan ein buddhistischer Herbergsvater: Weckruf mit Glöckchen und dem “Ave Maria“, gesungen von Maria Callas zu einem Poster des Dalai Lama.
Das kleine Compostella bietet kranken Pilgern die Absolution, später den Ablass – für vergangene und zukünftige Sünden! – Martin Luther zweifelte, ob man entweder ein toten Gaul oder ein Hühnerskelett im Schrein des heiligen Jakobus in Santiago de Compostella finden würde: jedenfalls ist die Öffnung streng verboten!
Ab 100 km zu Fuß und 200 per Rad bis Santiago wird „die Compostella“, die Urkunde für all die Anstrengungen, erteilt. Sie soll in Spanien auch die Aus-sichten bei Bewerbungen verbessern.
Pilger-Ritual: Einen Stein von zuhause mitnehmen und an diesem Ort von sich werfen und damit seine Last loslassen.
Pilger-Motive: Marianne aus Genf ist 1000 km bis hier her gelaufen, nachdem ihr Mann kurz vor der geplanten Pilgertour starb. Geschwister haben die gemeinsame Pilgertour ihrem verstorbenen Vater versprochen. Einige sind frisch geschieden - oder verrentet…: Von Monte do Gozo aus kann man Santiago des Compostella schon sehen. Das älteste Hotel der Welt, ein imposanter Bau mit vier Innenhöfen, beherbergt heute das Luxushotel Parador, in dem mittags 20 Pilgermahlzeiten umsonst ausgegeben werden.
Der Weihrauchkessel in der Kathedrale von Santiago de Compostella wiegt über einen Zentner und wird von sieben Mann in Schwung gebracht. Wenn man die Statue des Heiligen Jakob, die auf einem Schrein steht von hinten umarmt, ist die Pilgerreise beendet.
Traude und Henner Dietl sind aber noch weitergewandert bis zum Cap Finistere an der Costa del morte: Dort, am „Ende der Welt“ verbrennen Pilger ihre Kleider, Traude hat dort ihre Fleece-Jacke verschenkt und Henner seinen Wanderstock ins Meer geworfen: 780 km in 31 Tagen!
Sie sind den Camino Frances und den Camino del Norte gelaufen, der dritte, der Portuges hat nur 200 km: „Einen Versuch wär´s wert, findet Traude!“ und Henner wird dieses Jahr erst mal 80!
Vielen Dank für den wunderbar kurzweiligen, informativen und humorvollen Vortrag, persönlich und mit Tiefgang.
Live-Protokoll am 10.02.26 von E. Breuer (Ohne Gewähr für die Richtigkeit der spanischen Namen oder auch die eine oder andere Zuordnung).