Titelblatt zu den 12 Artikeln des Bauernaufstandes, Memmingen 1525
Die staatliche und kirchliche Herrschaft dieser Zeit
Der Gemeinde Nesselwang wurde auf Grund der wirtschaftlichen Bedeutung und der Lage im Raum vom Landesherrn schon 1429 das Marktrecht verliehen. Der Landesherr war zudem hier an zusätzlichen Einnahmen interessiert. Nesselwang gehörte zum Hoheitsgebiet des Hochstifts Augsburg. Dieses Herrschaftsgebiet entstand zwischen dem 11. und 13. Jhd.. Das Hochstift war bis 1803 zugleich staatlicher Herrschaftsbereich (Bischof als Landesherr) und Teil des größeren Bistums Augsburg als kirchlicher Seelsorgebereich. Der Bischof war in Personalunion als Kirchenoberer und Landesherr sehr mächtig.
Mit der Rodungssiedlung Nesselwang entstand zwischen 1100 und 1250 die Nesselburg über dem Wasserfall. Sie war Sitz der bischöflichen Vögte (stammt von >advocatus<) und diente auch dem Schutz der Straße von Reutte nach Kempten und dem Generieren von Zolleinnahmen.
Die unterste Verwaltungseinheit im Hochstift war die Gemeinde. Wie heute zu einem Landkreis gehörten die Gemeinden seinerzeit zu einer Vogtei. Der Gerichtsammann war als Stellvertreter des Vogtes der zweite Beamte des bischöflichen Landesherrn vor Ort.
Im Nesselwanger Amtsbezirk des Vogtes (später Pflegamt) entwickelten sich ab 1300 neben Nesselwang sechzehn kleine, landwirtschaftlich geprägte Ortschaften wie Gschwend, Hirschbühl, Hollen oder Hertingen. Die benachbarten Pflegämter waren Füssen, (Markt-)Oberdorf und Rettenberg-Sonthofen. Die Wertach bildet in einem Abschnitt die Grenze zum Herrschaftsgebiet der Kemptener Fürstäbte.
Der Bauernkrieg 1525
1525 erlebte das Allgäu den größten Volksaufstand in seiner Geschichte. Die Bauern rebellierten gegen ihre Obrigkeit und kämpften für Freiheit, Gerechtigkeit und Mitbestimmung. Sie formulierten ihre Forderungen im Jahr 1525 in Memmingen in zwölf Artikeln. Diese zwölf Artikel gingen als eine der ersten Menschenrechtserklärungen Europas in die Geschichte ein.
Auch Nesselwanger mischten kräftig mit
In Kriegsjahr 1525 unternahm auch die genossenschaftlich orientierte Marktgemeinde zu Nesselwang, vertreten durch den Dorfvierer und die Beisitzer des Dorfgerichts (Zwölfer), einen letzten Versuch, sich politisch gegen den stetig wachsenden Einfluss der hochstiftischen Landesherrschaft zu stellen. Diese hatte versucht, durch die hochstiftischen Ämter unter anderem das Hoch- und Niedergericht, das Steuer- und Waffenrecht, Gesetzgebungsrechte, Forst- und Wildbannhoheit, Erbhuldigung, Zoll- und Geleitaufsicht gegen die alten lokalen Rechte durchzusetzen. Zudem waren im Vorjahr 1524 im Urbar u.a. größere Auflagen und Steuererhöhungen für die Nesselwanger fixiert worden.
Revolutionäre Ziele
Die Forderung nach Veränderung dieser Situation, wobei sich die Bauernführer auf göttliches Recht beriefen, umfasste auch revolutionäre Ziele, wie zum Beispiel die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Verweigerung der Zehent-Abgabe und der Besitzveränderungsgebühren, den unumschränkten „blumenbesuch“ (= Weiderechte) im Herrschaftswald, die Ausdehnung der Allmende (= genossenschaftliche Weide), die freie Pfarrerwahl und den Zusammenschluss der Bauern in einer kooperativ-bündischen Verfassung. Dabei dienten die nahegelegene Schweiz und Tirol als Vorbilder.
Der Nesselwanger „Haufen“ war gefürchtet
Die Nesselwanger Bauernschaft wurde 1525 von den Hauptleuten Thomas Bertlin und Michael Kempf angeführt. Sie vereinigten sich mit den Bauern der Pflegämter Rettenberg-Sonthofen und Füssen (ohne die Stadt) im „Allgäuer Bund“. In Nesselwang, das zeitweise sogar das Hauptquartier der Aufständischen mit bis zu 8000 Bauern bildete, schlossen sich auch Teile der niederen Beamtenschaft dem Kampf an. Die Nesselburg wurde geplündert und angezündet.
So drohte zum Beispiel Nesselwangs Gerichtsammann Peter Vogt der Füssener Stadtbevölkerung, die als nichtaufständischer Ort Beistand sowohl beim Hochstift als auch bei Erzherzog Ferdinand I. von Tirol Schutz suchte: > so werden sie die stadt bis auf den grund umkehren und das kind im mutterleib nicht schonen <.
Auch der Propst des bayerischen Steingaden zeigte sich über eine von Nesselwang ausgehende Gefahr beunruhigt, als er sich am 5. Mai 1525 hilfesuchend an die Stadt Schongau wandte: > es ist mir zu dieser stunde zugeschrieben worden, die bauern sammeln sich zu Nesselwang und wollen über den Lech ins Bairland‘.
Die Sache der aufständischen Bauern, die an der Uneinigkeit und schlechten Führung der Bewegung krankte, führte zu einer bislang unbekannten staatlichen, auch gewalttätigen Entschlossenheit gegen sie, die sich im Schwäbischen Bund unter dem Feldhauptmann Georg Truchseß von Waldburg zeigte. Als „Bauernjörg“ wurde dieser Georg vor allem durch seine Rolle im Bauernkrieg berühmt und wegen seines grausamen und erbarmungslosen Durchgreifens gegen die aufständischen Bauern gefürchtet.
Der Bauernkrieg endete mit der Niederschlagung des „Allgäuer Bundes “. An der rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der Bauern änderte sich auch in Nesselwang nichts. Der Abbau der Leibuntertänigkeit der Bevölkerung erfolgte erst während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648). Die im Bauernaufstand dem Hochstift abtrünnigen Anwesen mussten pro Haus 6 Gulden Brandsteuer bezahlen, die im Gerichtsbezirk Nesselwang von 145 Anwesen geleistet wurde. Die Rädelsführer ließ Truchseß von Waldburg zu Durach/Haldenwang und (Unter-) Thingau am 26. Juli 1525 im Namen der Staatsgewalt enthaupten.
Die Nesselburg wurde wieder hergerichtet und ist bis zum Brand 1595 vom Hochstift genutzt worden. Dann zog der Pfleger (Vogt) in ein Amtsgebäude im Ortskern herunter.