Am 10. September 2026 wird unsere Pfarrkirche 120 Jahre alt. Viele Besucher schätzen sie auf Grund ihrer Ausstattung viel älter. Die Geschichte einer Kirche geht laut einer Legende bis ins Jahr 950 zurück als der St. Gallener Missionar Magnus eine Betzelle errichtete. (Er wird auch als Apostel des Allgäus genannt.) Im Lauf der Jahrhunderte gab es weitere Kirchen die zum Teil einem Feuer zum Opfer gefallen sind und wieder aufgebaut wurden. Die Bausubstanz wurde immer schlechter und die Kirche auch zu klein.
1904 beschloss der damalige Pfarrer Anton Waggin mit Bürgermeister Eberle eine Neue Pfarrkirche zu planen. Der Vorstand des Landbauamtes Kempten, der königliche Bauamtmann Ferdinand Schildhauer erhielt den Auftrag zur Planung und Ausführung des Kirchenbaues. Kommerzienrat Adolf Riefler wollte sogar sein Wohnhaus gegenüber als Pfarrhof zur Verfügung stellen, wenn man die Kirche etwas drehen und den Kirchturm anders bauen wollte damit man einen freieren Marktplatz bekommt. Aber die Ost-Westrichtung musste erhalten werden und der Turm bestehen bleiben. Um die Kosten für eine Notkirche einzusparen wurde die neue Kirche um den alten Bau herum gebaut.
Am 16. August 1904 wurde mit dem Bau begonnen und 500.000 Ziegelsteine wurden verbaut. Die Ziegelsteine mussten noch mit dem Pferdefuhrwerk vom Bahnhof geholt werden, wozu der Nachbar,Brauer und Kronenwirt Stolz, für die Bauzeit ein zweispänniges Fuhrwerk zur Verfügung stellte.
Am 9.10.1904 war die Grundsteinlegung. Nach einer Winterpause begann man am 2. Mai 1905 mit dem Abbruch der alten Kirche. Mit dem Abbruchmaterial wurde das Entenmoos aufgefüllt.
Die Sonntagsgottesdienste wurden auf Maria Trost und am Werktag im Spital und in der Friedhofskapelle abgehalten. Nach der Benedicierung am Portiunkulasonntag 6. August 1905 konnte der Sonntagsgottesdienst wieder in der neuen Pfarrkirche abgehalten werden.
Am 10. September 1906 war der große Tag der Einweihung. Für den Augsburger Bischof Maximilian von Lingg war es eine besondere Ehre, die neue Pfarrkirche seiner Heimatpfarrei einweihen zu dürfen. Durch die Opferwilligkeit und freiwilligen Helferstunden der Nesselwanger waren bei der Schlüsselübergabe die Baukosten von 300.000 Gold Mark bezahlt. Die Innenausstattung gleicher Stilrichtung dauerte noch bis 1910.
Leider wurden zur Finanzierung des Kirchenbaus wertvolles Inventar verkauft, so der Palmesel von 1450, der heute in einem Strassburger Museum steht. Pfarrer Anton Waggin und Bürgermeister Andreas Eberle erwarben sich beim Kirchenbau große Verdienste. Eberle erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Die neue Kirche ist im Äußeren im Stil des italienischen Barock und im Inneren im Neurokoko erbaut. Durch die engen Grundstücksverhältnisse entstand eine ungewöhnliche Form des Innenraumes, die durch reiche Lichtführung und Weiträumigkeit die feinen Stuckaturen erst recht zur Geltung bringt. Die Gemälde am Hochaltar und an der Decke stellen Szenen aus dem Leben des Kirchenpatron St. Andres dar.
Einige wertvolle Kunstgegenstände wurden aus der alten Kirche übernommen.
Die Zunftzeichen der Nesselwanger Handwerker (zwischen 1670-1720) die zu den schönsten Süddeutschlands zählen, den Taufstein von 1500 und 1708, die Ölberggruppe von 1675, die 15 Rosenkranzgeheimnisse des Rettenbergers Franz Xaver Weiß aus dem Jahre 1778 und das Altarbild des Rosenkranzaltars vom gleichen Maler.
Überragt wird diese schöne Kirche, von einem mächtigen Turm der 1748 nach dem Entwurf von Hans Kleinhans seine heutige Form erhielt. Der untere Teil ist noch viel älter.
Wie bei einem Wohnhaus stehen auch bei einer Kirche immer wieder Renovierungen an. Große Innenrenovierungen fanden 1954 und 1995 statt. Bei der letzten Innenrenovierung wurde der Chorraum erweitert und ein neuer Volksaltar eingebaut. Bei der Turmrenovierung 2019 wurde die Holzkonstruktion der Kuppel erneuert und neu mit Kupferblech eingedeckt.
Auch die Orgel wurde schon restauriert und 1957 erweitert, so dass sie wieder zur Ehre Gottes voll erklingen kann und auch Orgelkonzerte mit namhaften Künstlern stattfinden können.
Nicht zu vergessen sind auch die fünf Kirchenglocken die uns immer wieder zum Gebet und zum Gottesdienst rufen. Im 1. Weltkrieg mussten vier Glocken zu Rüstungszwecken abgeliefert werden, die 1924 aus Hamburg wieder zurückkamen. Im 2. Weltkrieg mussten wieder vier Glocken abgeliefert werden wovon zwei wieder 1947 zurückkamen und weitere zwei wurden 1950 neu gegossen, geweiht und jeweils von den Schulkindern wieder auf den Turm hochgezogen.
In diesen 120 Jahren waren 10 leitende Pfarrer mit ihren Kaplänen, Diakonen und Aushilfspriestern für die Seelsorge unermüdlich im Einsatz. Dazu mussten sie sich auch um Renovierungen und andere Baumaßnahmen kümmern. Möge der Heilige Andreas weiterhin seine schützende Hand über Nesselwang halten, damit das Gotteshaus immer ein Mittelpunkt für die Gläubigen bleibt.
Text zusammengestellt aus Berichten aus der Nesselwanger Chronik von 1954, Zeitungsberichten und Pfarrbrief von der 75 Jahrfeier 1981.
Text und Bilder: Albert Haug