Die 40 Tage vor Ostern nennen wir in der katholischen Kirche Fastenzeit, die evangelische Kirche spricht von Passionszeit. Beide Begriffe verbinden wir – leider etwas einseitig – mit Verzicht. Viele verzichten bewusst auf Dinge, die besonders gut schmecken, die ein wenig ungesund oder irgendwie besonders sind. Dabei bietet diese Zeit einen besonderen Luxus: Es wird ja Frühling und der Blick in die Natur zeigt uns, wie alles neu wird, aus Grau wird wieder Grün, aus dunkel wird wieder hell und bunt. Die Fastenzeit lädt uns ein, dies aufmerksam wahrzunehmen. Wenn in der Natur alles zu neuem Leben erwacht, sind wir eingeladen, achtsam mit uns selbst zu sein und uns mit uns selbst zu versöhnen.
Versöhnung geschieht im innersten Bereich unserer Seele, egal ob mit anderen oder mit uns selbst. Versöhnung bedeutet die Wiederentdeckung der inneren Einheit. Versöhnt ist, wer mit sich selbst im Reinen ist. In unserer von Technik und Effizienz dominierten Welt sind wir doch sehr auf das Erreichen vorgegebener Ziele ausgerichtet. Das Planbare und Messbare bestimmt unser Handeln, wie wir bewertet werden und wie wir uns selbst bewerten. Unser Sein in der Welt wird durch Ziele und Werte vorgegeben, die wir uns nicht selbst gesucht haben. So entsteht eine Trennung von Sinn und Sein. Oft ist diese Trennung so verfestigt, dass sie wie ein Panzer wirkt. Sie lässt uns erstarren und lähmt unsere schöpferischen Kräfte. Zu diesen Panzern gehören das Streben nach Vermehrung von Besitz, von Anerkennung durch andere Menschen, die Eigendynamik von Kampf und Konkurrenz. Dadurch werden wir daran gehindert zu erkennen was unseren unveräußerlichen und eigentlichen Wert ausmacht und was unser Leben sein könnte, würden wir uns auf den Prozess der Versöhnung einlassen.
Ein großes biblisches Vorbild haben wir in Abraham (1. Buch Mose, Kap. 13/14). Als wohlhabender Mann verließ er seine Heimat und ging ins Unbekannte. Er lässt bewusst sein bisheriges Leben mit allen Annehmlichkeiten zurück, um zu seiner wahren Berufung zu finden. Diese bewusste Entscheidung für das Unbekannte macht ihn frei, empfänglich aufnahmebereit für seine eigentliche Berufung. Sein Weg führt vom „ich will“ zum „es sei“.
Diese Art der Versöhnung ist keine Flucht, sondern ein Ja zur Welt. Sie führt vom Haben zum Sein. Sie ist kein Rückzug in den inneren Kokon, sondern eine Öffnung zur tatsächlichen Weite der Welt, in der auch Gegensätze und bunte Vielfalt ihren Sinn haben und als bereichernd erfahren werden. Eine solche Versöhnung mit sich selbst und mit der Welt ist die Voraussetzung für jeglichen echten Frieden.