Ich bin vor 80 Jahren geboren. Meine Geburtsstadt war, wie viele Städte damals, eine Trümmerwüste. Wir sehen seit Jahren in unseren Medien wieder Bilder, die uns den Schrecken zerstörter Städte vor Augen führen, sei es aus dem Gaza-Gebiet oder aus der Ukraine. Das sind Bilder der „Hölle“. Seit Jahrtausenden machen Menschen solche traumatischen Erfahrungen von Zerstörung. Trümmerfelder sind Orte des Todes und der Hoffnungslosigkeit. Es gibt dazu ein Gegenbild: der Garten. Gärten sind Orte des Lebens, wenn auch oft mit einer gewissen Mühe verbunden. Viele Religionen haben dieses Bild vom Garten in ihr unbewusstes gemeinsames Gedächtnis aufgenommen. So kommt es, dass ein Garten am Anfang der Menschheitsgeschichte steht: Das Paradies steht am Anfang unserer Zeit, so kennen wir es aus unserem Religionsunterricht. Dieses Bild wird in einem Alter vermittelt, in dem wir für solche Bilder sehr empfänglich sind. Für viele Menschen meiner Generation und geprägt von den Zumutungen der Städte und Großstädte sind mit dem Paradies Vorstellungen von einem Leben in Harmonie und Geborgenheit verbunden, als wohltuender Gegensatz zu unserem Alltag. In vielen Religionen ist das Paradies aber auch der Ort nach dem Ende des Lebens auf Erden, oft verbunden mit der Vorstellung von Belohnung für ein rechtschaffenes Leben.
Es gibt demnach eine innere Sehnsucht nach dem Paradies als einem Ensemble von Erfahrungen, Wünschen und Erzählungen. Zu den Merkmalen des Paradieses gehören viel freier Raum, keine Entfremdung durch Arbeit, ein freier Himmel über sich. Wir versuchen uns auf die eine oder andere Weise diesen Traum zu erfüllen und das, was wir so erreichen, wollen wir schützen und bewahren. Dies vor allem angesichts des Gegensatzes zu den Trümmerfeldern und der Zerstörung, mit denen wir auch ständig konfrontiert werden. Diese Spannung lässt sich nicht aufheben, sie ist in unserem Alltag gegenwärtig. Ich glaube, wir sollen die Botschaft der Natur als Botschaft Gottes wahrnehmen. Die Schöpfung mit ihrer großen Vielzahl an Lebewesen, die wir gar nicht überschauen, geschweige denn wertschätzen können, vermittelt uns ein Gespür für die Verletzlichkeit des Lebens. Der Traum vom Paradies ist durchaus berechtigt, denn er gibt uns den Mut und die Kraft, um gegen Gedankenlosigkeit und Bosheit anzukämpfen.