Es regnet Bindfäden. Aus den Wäldern rund um Argentat steigt Nebel auf. Die grauen Wolken hängen tief. Auf der Dordogne bilden die dicken Tropfen Kreise. Die Enten, die den sonst so ruhig dahinziehenden Fluss bevölkern, lassen sich davon aber nicht beeindrucken; sie ziehen auf dem bewegten Wasser ihre Bahn.
Der Blick aus dem Fenster unserer Unterkunft in der Rue Ste-Claire lässt frösteln. So haben wir unsere Partnerstadt Argentat-sur-Dordogne selten erlebt. Aber wird deshalb die Partnerschaftsbegegnung, zu der wir am 3. Juni 2026 in die Corrèze gefahren sind, buchstäblich ins Wasser fallen? Das wäre schade, denn in diesem Jahr sind mehr als fünfzig Reisende, Mitglieder des Partnerschaftskomitees und zahlreiche weitere Bad Königer in unser gastfreundliches Nachbarland gefahren. Darunter sind auch einige mit dem eigenen Auto gekommen, weil sie nach dem längst traditionellen Treffen die Regionen Frankreichs noch auf eigene Faust erkunden wollen. Und die Franzosen haben sich wieder einmal viel einfallen lassen, um die Gäste aus dem Odenwald zu unterhalten.
Nun, zum Glück hat das Wetter bald ein Einsehen. Zwar muss der für den ersten Tag unseres Besuchs eingeplante Bummel über den Wochenmarkt auf das Notwendige beschränkt werden, weil es weiter wie aus Kübeln gießt, aber einen Eindruck von der Vielfalt der hier angebotenen regionalen Produkte - Käse, Würste, Fleisch - kann man trotzdem gewinnen. Das Angebot an den Ständen lässt das Wasser im Munde zusammenlaufen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dem Wetter durch eine ihm angepasste Gestaltung der Aktivitäten zu trotzen. Jean-Claude und Francoise, unsere Gastgeber, schlagen uns einen Besuch von Tulle und des dort angesiedelten Akkordeon- und Regionalmuseums vor.
Tulle ist Sitz der Präfektur des Départements Corrèze und des Conseil Général de Corrèze, also des Départementrates, des obersten gewählten Kollegialorgans eines französischen Départements. Die am westlichen Rand des Zentralmassivs gelegene Stadt hat gegenwärtig knapp 14.000 Einwohner, ist Bischofssitz und Standort eines Akkordeonherstellers; früher unterhielt der französische Staat hier auch eine Waffenfabrik. Bekannt ist Tulle auch wegen der hier hergestellten Tüllspitze, der die Stadt auch ihren Namen gab. Im Zweiten Weltkrieg war Tulle Schauplatz eines von der Waffen-SS verübten Massakers an der Zivilbevölkerung. Zahlreiche als Geiseln genommene Bewohner wurden damals ermordet. Das Museum, dem unser Besuch gilt, bietet zu allen diesen Produkten zahlreiche Ausstellungsobjekte:
Handfeuerwaffen, Spitzenklöppelei und vor allem eine große Zahl an Akkordeons, darunter viele ältere Modelle. Zur Besichtigung einer Ausstellung von Gemälden des Malers Charles Féola kommen wir allerdings zu spät; sie endete am 31. Dezember 2025. Ich erwähne sie trotzdem, denn immerhin war Féola (1917 - 1994), der „Bohème von Argentat“, auch schon in Bad König zu Gast. Außerdem hat er eine Reihe von Gemälden mit Motiven von Argentat hinterlassen, darunter solche, die unsere Partnerstadt im Winter und unter einer allerdings dünnen Schneedecke zeigen. Womit wir wieder beim Wetter angekommen sind.
Das wurde nun tatsächlich besser. Die Strohhüte, die das Comité de Jumelage von Argentat beim Empfang der Odenwälder verteilt hatte, kommen nun zum Einsatz.
Pünktlich zum Besuch der Jardins Sothy, der vom Gründer der Kosmetikfirma Sothy, Bernard Mas eingerichteten Gartenanlage nahe seiner Geburtsstadt Auriac, hört der Regen endlich auf. Man kann sich also in dem fast vier Hektar großen Gelände unbeschirmt ergehen und zum Beispiel die Escapade des roses mit ihren verführerischen Düften, eine von feuchten Nebeln besprühte Urwaldlandschaft oder einen Teich mit kurz vor der Blüte stehenden Seerosen auf sich wirken lassen. Nur hin
und wieder zieht noch eine dunkle Wolke auf, aber Regen fiel nicht mehr.
Im Gegenteil brennt am Nachmittag, als der Besuch der Tours de Merle ansteht, die Sonne vom Himmel, was manchen Besucher davon abhält, den holprigen und in den Felsen gehauenen Weg zu der in eine Flussschleife der Maronne gebauten Burg zurückzulegen. Mehr als achthundert Jahre ist die Anlage mit ihren vielen Türmen alt, in denen mehrere adlige Familien mal mehr, mal weniger einträchtig lebten. Wer es auf sich nimmt, über manchmal recht unregelmäßig hohe und steile Steintreppen auf einen der Türme zu kraxeln, wird von einer imposanten Aussicht belohnt. Gelegentlich muss man aufpassen, nicht auf eine der hier lebenden Eidechsen zu treten, die die Sonne aus den Ritzen des Mauerwerks gelockt hat. Dass die Türme auch eine Heimstatt für zahlreiche Fledermäuse sind, können die Besucher an den Boden und Treppen bedeckenden Kotresten erkennen.
Da sind die Alpakas, die wenige Kilometer von der Burgruine entfernt auf einer weitläufigen Farm gehalten werden eher um Reinlichkeit besorgt, denn sie haben ihre festen Plätze, an denen sie ihre Notdurft erledigen. Darüber unterrichtet uns der Chef der Alpaka-Farm, der auch sonst einiges zu erzählen hat. Die Alpakas zählen zu den kamelartigen Tieren und haben mit Schafen und Ziegen nichts zu tun. Bei den uns zugeführten Tieren handelt es sich um weibliche Alpakas und deren Junge. Die Herde wird nämlich in getrennten Gruppen gehalten, um Inzucht zu vermeiden, denn Alpakas haben keine Brunftzeit. Eine Deckung wäre also jederzeit möglich, was die Gesundheit der weiblichen Tiere, deren Tragezeit mehr als elf Monate dauert, denn doch allzu sehr belasten würde. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass die so erzwungene Enthaltsamkeit bei einigen Besuchern ein von Bedauern ausgelöstes Stirnrunzeln bewirkt. Natürlich ist die Alpaka-Zucht auch mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden. Die bei der jährlichen Schur gewonnenen Fasern (weil an den Haaren der Tiere kein Fett, kein Lanolin und keine anderen Rückstände haften, werden sie nicht als Wolle bezeichnet) werden nach dem Waschen und der Trocknung zu einem Garn verarbeitet, das für hochwertige Textilien Verwendung findet.
Man sieht, die französischen Gastgeber hatten für unseren Besuch an der Dordogne wieder ein interessantes, auch belehrendes und abwechslungsreiches Programm ausgearbeitet. Die damit verbundenen Mühen können nicht genug gewürdigt werden.
Dabei soll nicht vergessen werden, dass nicht nur ein touristisches Angebot vorzubereiten war, denn in Frankreich kommt dem gemeinsamen Mahl erst recht Bedeutung zu. Mit der Beschreibung der den Besuchern aus Bad König aufgetischten Menüs wären ganze Seiten zu füllen, aber ich will mich hier auf einen zusammenfassenden Überblick beschränken. Nach dem Besuch der Jardins Sothy versammelten sich Franzosen und Deutsche im kleinen Ort St. Privat, wo zum Kalbfleisch ein vorzüglicher Rotwein gereicht wurde. Es handelte sich um einen Pécharmant, für den Trauben der Rebsorten Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Malbec und Merlot gekeltert werden. Das Anbaugebiet liegt bei der Stadt Bergerac am rechten Ufer der Dordogne und umfasst etwa 400 Hektar. Die uns kredenzte Marke führt den Namen „Le sourire de Cyrano“, auf Deutsch „Das Lächeln des Cyrano“, womit an Cyrano de Bergerac erinnert wird, der zwischen 1619 und 1655 lebte und als einer der Vorläufer der Aufklärer des 18. Jahrhunderts gilt. Er war Soldat und später Verfasser von utopischen Romanen, in denen er Reisen zum Mond und zur Sonne schilderte. Cyranos Leben machte der Schriftsteller Edmond Rostand im Jahr 1897 zum Gegenstand des romantisch-komödiantischen Versdramas „Cyrano de Bergerac“, das mehrmals verfilmt wurde, zuletzt mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle. Das komödiantisch aufgefasste Leben Cyranos mag die Idee für den Namen des Weins geliefert haben.
Bleiben wir noch einen Augenblick beim Kulinarischen. Das unseren Besuch abschließende „Freundschaftsmahl“, das seit einigen Jahren den „offiziellen Abend“ ersetzt, fand in diesem Jahr in der Domaine de Meilhac, einem Landgut etwa 15 Fahrminuten von Argentat, statt. Nach einem großes Lob verdienenden Coq à la bière (statt „au vin“) hatten die beiden Bürgermeister der Partnerstädte Gelegenheit zu kurzen Ansprachen. Für beide stellte das französisch-deutsche Treffen eine Premiere dar. Bad Königs Bürgermeister Frank Hofferbert, der mit Frau und Kind zum ersten Mal Argentat besuchte, versprach wie sein französischer Amtskollege Francis Lafon, sich für die Partnerschaft nach Kräften einzusetzen. Monsieur Lafon, dessen Liste erst am 15. März 2026 mit einem Vorsprung von 15 Stimmen vor der Liste des bisherigen Bürgermeisters Sébastien Duchamp gewählt wurde, unterstrich die Bedeutung der Jumelage für ein friedliches Zusammenleben der Völker Europas, in dem Frankreich und Deutschland eine zentrale Rolle spielen sollten. Die beiden Vorsitzenden der Partnerschaftskomitees, Nicole Farges und Ellen Nisch, die sich ebenfalls an die zum gemeinsamen Essen versammelten Gastgeber und ihre Gäste wandten, konnten zufrieden sein. Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf unsere Partnerstadt selbst. Argentat-sur- Dordogne (oder Argentat sus Dordonha, wie man neuerdings auf den auch in okzitanischer Sprache beschrifteten Ortseingangsschildern lesen kann) ist eine lebenswerte Stadt mit neuen Wohnvierteln und einer anheimelnden Altstadt rund um die Kirche aus dem 19. Jahrhundert. In den engen Gassen des älteren Teils stößt der Besucher immer wieder auf Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Auf ihre Geschichte weisen immer wieder an den Mauern angebrachte Erläuterungstafeln hin. So erfährt der Besucher etwa manch Interessantes über ein altes Gerichtsgebäude in der Rue Ste-Claire oder eine alte Poststation in der Rue des Condamines. Alte Bausubstanz kann, soll sie erhalten werden, viel Arbeit verursachen, und nicht jeder möchte in einem Haus mit engen Treppen und kleinen Räumen leben. Aber auch das hat seinen Reiz. Die Immobilienmakler jedenfalls scheinen in Argentat nicht arbeitslos zu sein. Beim Gang durch das Städtchen fallen die vielen Immobilienbüros ins Auge. Der Tag der Abreise kommt viel zu schnell. Inzwischen kennen viele Mitreisende die Strecke, aber die Aussicht auf die Berge der Auvergne, darunter den alles überragenden Vulkan Puy de Dome (1.465 m), beeindruckt immer wieder. Für viele Freunde der Partnerschaft wird das nicht die letzte Reise nach Argentat gewesen sein, da ist man sich im Bus, der gen Deutschland fährt, schnell einig. Und weil in diesem Jahr auch einige jüngere Leute mit von der Partie sind, lässt das für die Zukunft der Partnerschaftskomitees und für den Bestand der Freundschaft hoffen. Aber wie haben die jungen Leute die Begegnung erlebt? Ich frage einfach mal nach. Johanna, 17 Jahre alt, war zum ersten Mal in Argentat. Mit der deutsch-französischen Geschichte hat sie sich schon vorher beschäftigt; Geschichte ist eines ihrer Lieblingsfächer in der Schule.
Das Essen hat sie „geliebt“, lässt sie mich wissen, auch wenn der „Schimmelkäse“ - Bleu d´Auvergne - erst einmal gewöhnungsbedürftig war. Dafür hat ihr der Cantal gut geschmeckt. Und wie war die Verständigung? Natürlich ist das mit einer fremden Sprache immer so eine Sache, aber wenn die Vokabeln fehlen, helfen auch Gesten.
In diesem Alter weiß man sich zu helfen. Ich bekomme aber auch Kritisches zu hören: Der Altersunterschied, meint meine Gesprächspartnerin, sei schon „extrem“ gewesen.
Es hätten zu wenige Gleichaltrige teilgenommen. Und das Programm sei auch nicht gerade auf die Interessen von Jugendlichen zugeschnitten gewesen. Obwohl, so höre ich dann, der Besuch bei den Tours de Merle sei schon „cool“ gewesen, und auch die Alpaka-Farm war interessant. Stoff zum Nachdenken also für die Planer der nächsten Begegnung!
Und dann kommt unser Odenwälder Kurstädtchen in Sicht. Grund genug für Ellen Nisch, die Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, allen Mitreisenden zu danken, zur Arbeit im Komitee einzuladen und den beiden Busfahrern der Fa. Wissmüller ein dickes Lob zu spenden, die uns umsichtig und sicher nach Argentat und zurückgebracht haben.