Den Alltag hinter sich lassen und einfach in eine andere Welt eintauchen, so erleben viele Menschen den Besuch einer Ausstellung, eines Museums, einer Kirche oder eines Schlosses. Selbst in einen anderen Raum kommen mit seiner jeweiligen Stimmung, in eine besondere Stille oder aber eine Geräuschkulisse, die anders ist als im Alltag.
Solch eine Erfahrung habe ich im Museum „Unterlinden“ in Colmar gemacht. Dort, in einem ehemaligen Kirchenraum, werden Figuren und Bilder, die zu einem alten Flügelaltar gehören, als Einzelbilder ausgestellt. Der Maler dieser Altarbilder, in seiner Gesamtheit des „Isenheimer Altars“, war Mathias Grünewald. Obwohl in diesem großen Raum immer viele Besucher sind, herrscht andächtige Stille. Die meisten Besucher haben die Erklärungen zu den Bildern in einem kleinen Prospekt dabei, sie lesen darin und gehen betrachtend von Bild zu Bild. M.Grünewald hatte zwischen 1512 und 1516 diesen besonderen Altar für Menschen gemalt, die zum Sterben in das ehemalige Kloster der Antoniter gekommen sind. Sie litten unter dem sog. „Antoniusfeuer“, ausgelöst durch eine Vergiftung mit Mutterkorn, was zu der Zeit nicht wirklich medizinisch behandelt werden konnte. Die Schmerzen der Menschen müssen unsäglich gewesen sein. Diesen Menschen zum Trost malte M. Grünewald vor dem Hintergrund einer eindrucksvollen Landschaft und in zurückhaltenden Farben ein großes Kreuz mit dem sterbenden Christus, auf den von rechts her Johannes der Täufer mit ausgestrecktem Zeigefinger weist. Zur Linken des Kreuzes stehen der Jünger Johannes und Maria, Jesus' Mutter. In dieser Bildkomposition liegt eine Kraft, eine Dynamik, die den Betrachter in seinen Bann zieht, weil man in eine Beziehung zu den dargestellten Personen gelangt.
Die Menschen auf den verschiedenen Altarbildern sind in der Kleidung der damaligen Zeit dargestellt. Auch die Häuser, die Fuhrwerke und die Alltagsgegenstände führen uns in diese frühere Epoche. Mit diesem Blick zurück wird der Begriff „Fortschritt“ greifbar. Der Blick in das Leben zu dieser Zeit sensibilisiert uns auch für unsere heutige Zeit.
Die Universität Dresden hat 2025 eine interessante Studie veröffentlicht, in der darüber berichtet wird, dass von Depressionen betroffene Menschen mit Demenz durch das Betrachten dieser Bilder an Lebensqualität gewannen. Die Studie besagt, dass die Wirkung der Bilder stärkte war als die von Medikamenten. In Kanada, Großbritannien und Frankreich werden Museumsbesuche als Heilbehandlung verordnet.
Bestimmte historische Gemälde großer Künstler haben also eine heilende Kraft. Wer der Studie nicht glaubt, kann es ja mal selbst ausprobieren und sich dem eigenen Erleben aussetzen. Öffnen wir uns dem, was Joh. W. v. Goethe in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ schreibt: „Alle Tage ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und wenn möglich einige vernünftige Worte sprechen“.