Am Anfang eines neuen Jahres fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in gewisser Weise zusammen. Zu Beginn des neuen Jahres sind die Gedanken stark vom Vergangenen geprägt. Über dem Kommenden liegt noch Ungewissheit, auch Unsicherheit. Pläne werden gemacht und man spürt den Zauber, der in allem Anfang liegt. Gerne macht man die Vergangenheit auch etwas strahlender, um die Angst vor dem Unbekannten der Zukunft zu bannen. Bei diesen Blicken zurück und nach vorne wird leicht übersehen, worauf es ankommt: auf das „jetzt“. Um sich für das Handeln im richtigen Augenblick zu entscheiden braucht es die Gewissheit, dass die Zeit reif ist.
Die Welt der Werbung suggeriert uns, dass jetzt, und nur jetzt, die eine letzte Gelegenheit da ist.
Oft haben wir Angst Nachteile zu haben, wenn wir diese Chance nicht ergreifen. Auch wenn sich der Kauf im Nachhinein als Reinfall entpuppt will man es doch wenigstens versucht haben.
Die Frage nach dem richtigen Augenblick bestimmt unser Leben immer, besonders wenn wir gebraucht worden wären; wenn es auf uns angekommen wäre, wir aber nicht helfen konnten oder wollten. Solche Erfahrungen können uns lange belasten. Manch einer kann sich damit und mit denen, für die man nicht da sein konnte, nur schwer versöhnen.
Die Frage nach dem richtigen Augenblick beschäftigt die Menschheit schon seit der Zeit der klassischen griechischen Mythologie. Dort gibt es zwei zentrale symbolische Gestalten dafür: den „Chronos“ und den „Kairos“. Chronos ist der „Zeitfresser“, dargestellt als Mensch, der ein Kind auffrisst: Die Zeit, die sich mühsam dahinzieht. Kairos wird meist kahlköpfig mit einem langen Haarschweif dargestellt, was wir mit der Redewendung „eine Sache beim Schopf packen“ verbinden.
Die Gunst der Stunde kann man auch mit dem Begriff der Gnade verknüpfen. In der Bibel zeigen viele Begebenheiten, wie Jesus diesen Zeitpunkt zu gestalten weiß. Ein Beispiel ist seine Begegnung mit dem Zöllner Zachäus (Lukasevangelium 19,1). Weil er klein war, aber auch neugierig und mit allen Wassern gewaschen, hat sich Zachäus auf einem Baum versteckt, um Jesus besser sehen zu können. Der entdeckt ihn und ruft im zu: „Komm schnell runter, ich muss heute bei dir einkehren!“. In diesem „heute“ lag für beide die Gunst der Stunde. Jesus hat die Situation beim Schopf gepackt, Zachäus gibt bei der persönlichen Begegnung mit Jesus sein ergaunertes Vermögen zurück und kann mit sich und seiner Umwelt wieder versöhnt weiterleben.