Bild links: So lag der Grabstein von Anton Hergert jahrelang da: in Bruchstücke zerfallen, überwachsen von Moos. Bild rechts: Die Fragmente des Grabsteins nach der Reinigung, aber noch vor der Restaurierung.
Bild links: Denise Ullrich von der Firma Ullrich Naturstein Design setzt den Grabstein von Anton Hergert auf dem Friedhof von Altglashütten wieder ein. Bild rechts: Thomas Helfrich und Denise Ullrich vor dem restaurierten Grabstein von Anton Hergert auf dem Friedhof von Altglashütten.
Mehrere überwucherte Steinbrocken auf dem Friedhof von Altglashütten gaben mir lange Rätsel auf. Dank meiner akribischen Recherche ist es mir nun gelungen, einem vergessenen Grab wieder einen Namen zu geben. Dies ist die Geschichte meiner Spurensuche.
Steinbrocken, überwachsen von Moos, mitten auf dem Friedhof von Altglashütten. Niemand wusste lange Zeit, wozu sie gehörten. Für mich war dieser Grabstein anfangs ein absoluter Trümmerhaufen. Doch genau dieser wurde zum Ausgangspunkt einer kleinen Detektivgeschichte, die mich tief in die Geschichte eines verschwundenen Dorfes führte.
Altglashütten wurde 1938 mit der Errichtung des Truppenübungsplatzes Wildflecken zwangsweise geräumt. Der Friedhof blieb zwar übrig, verwilderte aber über Jahrzehnte. Als Ende der 1990er Jahre auf Initiative der Reservistenkameradschaft Wildflecken und ihres damaligen Vorsitzenden - und heutigen Ehrenvorsitzenden - Adolf Kreuzpaintner mit den Aufräumarbeiten begonnen wurde, tauchten diese Steinbrocken auf und wurden zusammengetragen. Das Moos setzte wieder an, die Steine überwuchsen erneut.
2025 wurde unter meiner Leitung der Friedhof grundlegend saniert. Da meine eigenen Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert (Nikolaus Wiegand, Glashüttenmeister, * um 1650) nach Altglashütten zurückreichen, ist diese Erinnerungsarbeit für mich seit Jahren eine echte Herzensangelegenheit und mein persönlicher Antrieb.
Bei der Sanierung nahm ich mir auch der Steinbrocken an. Zunächst versuchte ich wenigstens die Inschrift zu entziffern. Ich wollte unbedingt wissen welcher Text auf dem Stein stand.
Der Stein wurde fachgerecht von der Firma Ullrich Naturstein Design aus Altengronau gereinigt, das Moos abgekratzt und Algen und Ablagerungen mit einer speziellen Flüssigkeit entfernt. Und dann der Durchbruch: Den Namen „Anton Hergert“ konnte ich plötzlich entziffern.
Der Name kam mir sofort bekannt vor. Mein Sohn Florian hatte im Jahr 2013 meinen Vater Hermann Helfrich über seine Schulzeit befragt. Mein Vater wurde 1926 in Altglashütten geboren und verbrachte seine Kindheit im Tal der Kleinen Sinn. Florian hatte seinen Opa damals gefragt, wie es früher so gewesen sei. Seine Aufzeichnungen existieren bis heute bei mir zu Hause. Ich nahm sie zur Hand, blätterte sie durch und wurde tatsächlich fündig.
Im Absatz über seine Schulzeit erinnert sich mein Vater an einen Franz Hergert: „Der Hergerts Franz hat jeden Doach sein Oarsch voll griecht.“ Er erzählte darin auch, dass das Schicksal die Familie Hergert schwer getroffen hatte. Franz Hergerts Vater Anton war beim Hausbau ums Leben gekommen: „Der hat Longeentzündung griecht, un is do dro gestorwe, weil der in der Scheuer geschloffe hat, im Stroh.“ Danach waren die Witwe und ihre Kinder auf sich allein gestellt. Die Mutter Carolina hatte nach den Erzählungen meines Vaters einen Arm, an dem die Hand fehlte und musste damit auch einen Stall voll Kühe versorgen.
Es war eine kinderreiche Familie, oder wie mein Vater sagte: „Es warn en Haufe Käuz.“ Franz war wohl der Jüngste. Er ging gemeinsam mit meiner Tante Maria (Jahrgang 1920) in Altglashütten zur Schule.
Mit diesem neuen Wissen nahm ich das Buch „Die Hödde“ zur Hand. Dieses Buch hatte der mittlerweile verstorbene Matthias Elm im Jahr 2019 unter anderem mit meiner Hilfe veröffentlicht. Es dokumentiert Altglashüttens Geschichte von der Gründung bis zur Absiedlung.
Im Kapitel „Häuser- und Familienbuch“ fand ich den entscheidenden Hinweis: Eine Familie Hergert bewohnte damals das Haus Nummer 9. Anton Hergert und seine Frau Carolina, geb. Wiegand, waren die letzten Eigentümer. Anton Hergert wurde am 28.12.1876 geboren und verstarb am 03.09.1927. Seine Ehefrau Carolina, (geboren am 12.11.1882) wurde bei der Absiedlung als Witwe geführt; sie verzog nach Parkstetten bei Straubing.
Für mich steht fest: Bei dem Fundstück handelt es sich um den Grabstein von Anton Hergert. Die Daten decken sich nämlich exakt mit den noch lesbaren Resten auf dem Stein.
Ich habe die Bruchstücke daraufhin von der Firma Ullrich Naturstein Design aus Altengronau wieder zusammensetzen lassen. Die Inschrift wurde ausgebessert und komplett erneuert. Nun steht der Grabstein wieder auf dem Friedhof, für den er einst gemacht wurde. Und er hat endlich wieder einen Namen.
Was aus Franz Hergert, seiner Mutter Carolina und den weiteren Geschwistern nach der Absiedlung wurde, weiß ich aktuell noch nicht. Meine erste Internetrecherche ergab lediglich, dass in den 1950er-Jahren bei der örtlichen Feuerwehr und der SPD von Parkstetten ein Mann namens Alfons Hergert aktiv war. Ich versuche nun, mögliche Nachfahren ausfindig zu machen.
Von Franz Hergert ist uns dank der Aufzeichnungen meines Vaters noch eine letzte, schmunzelnde Erinnerung überliefert: „So blöd war der ja a net. Der hat sich ein Kösse in de Hosebode nei gestoppt. Da konnt der Schullehrer drauf gebläu so lange wie er wollt, das war dem Franz egal.“
Damit endet die Spur der Hergerts in Altglashütten. Doch der Grabstein hält ihr Andenken ab jetzt wach. Ich freue sich riesig, dass es mir gelungen ist, dieses kleine Mosaik der Geschichte zusammenzufügen, damit unsere Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.
Artikel: Thomas Helfrich