„Jetzt beginnt der Winter.“
Wenn ich diesen Satz im Juli ausspreche, blicke ich oft in erstaunte Gesichter. Draußen summt und blüht es, die Tage sind lang und warm. Für ein Bienenvolk beginnt jetzt jedoch bereits die Vorbereitung auf den nächsten Winter.
Die letzten Honigräume werden abgenommen, die Varroamilbe muss in Schach gehalten und die Wintervorräte angelegt werden. Vor allem aber wachsen nun jene Winterbienen heran, die das Volk bis ins nächste Frühjahr tragen werden.
Ob ein Volk gesund aus dem Winter kommt, entscheidet sich nicht erst im Februar, sondern genau jetzt.
Mich fasziniert jedes Jahr aufs Neue, mit welcher Weitsicht die Bienen handeln. Sie sammeln nicht für den Augenblick. Alles, was sie jetzt tun, dient einer Zukunft, die noch gar nicht sichtbar ist. Ohne Hast, ohne Hektik – Wabe für Wabe, Tag für Tag.
Vielleicht ist genau das eine ihrer größten Stärken.
Auch wir Menschen richten unseren Blick oft auf das Hier und Jetzt. Doch vieles, was uns später trägt, entsteht lange vorher. Gute Entscheidungen brauchen Geduld, Verantwortung und den Mut, heute etwas zu investieren, dessen Erfolg erst Monate später sichtbar wird.
Genau deshalb begeistert mich die Imkerei. Sie erinnert mich daran, dass nachhaltiges Handeln nicht bedeutet, möglichst viel zu nehmen, sondern die richtigen Voraussetzungen für die Zukunft zu schaffen. Das gilt für die Versorgung der Bienenvölker ebenso wie für die Zucht. Gute Bienen entstehen nicht durch Höchstleistungen, sondern durch ein ausgewogenes Wesen – gesund, sanft und an ihre Umwelt angepasst.
Wenn im nächsten Frühjahr die ersten Bienen wieder ausfliegen, beginnt ihre Geschichte nicht mit den ersten warmen Sonnenstrahlen.
Sie beginnt mitten im Juli.