Am 27. Februar 2024 präsentierte das Projektteam im OMA-Haus in Arzberg seine Forschungsergebnisse zu Alltagsmobilität in ländlichen Regionen.
Dem vorausgegangen war ein knapp einjähriger Forschungsprozess, in dem die Forschenden zunächst die beiden Fallstudienregionen Arzberg (Landkreis Nordsachsen) und Johanngeorgenstadt (Erzgebirgskreis) auswählten. In Gesprächen mit Politiker:innen auf Landkreis- und Kommunalebene erlangten sie einen Überblick über die lokale Situation sowie spezifische Herausforderungen und Potenziale. Im Juli 2023 folgte der erste Mobilitätsworkshop vor Ort, in dem Bürger:innen offen ihre Erfahrungen teilten und Problemstellen sowie Wünsche kartierten. Um das Verständnis über Alltagsmuster und -strategien zu vertiefen, führten die Forschenden anschließend Expert:inneninterviews mit lokalen Institutionen sowie biographische Interviews mit Bewohner:innen durch. Parallel dazu untersuchten sie bestehende und neue Datenquellen zum Thema Mobilität. Das resultierende umfassende Wissen sollte nun beim Ergebnisworkshop vorgestellt und diskutiert werden.
Zunächst präsentierten die Forschenden Einflussfaktoren der Alltagsmobilität: Sowohl Landschaftscharakteristika als auch administrative Grenzen prägen das Mobilitätsverhalten. So wird beispielsweise die Elbe von vielen nicht nur als geographische, sondern auch als mental wirksame Grenze zum westelbischen Raum Sachsens wahrgenommen. Ebenso wirkt sich die Grenzlage zum Nachbarbundesland Brandenburg auf Jugendliche aus, die dort zur Schule gehen. Aufgrund spärlicher und unzuverlässiger grenzüberschreitender Busverbindungen ist es für sie schwierig, dort auch nach der Schule Freunde zu besuchen. Der Arzberger Bürgerbus hingegen versucht, diese Grenzen aktiv aufzuweichen und bedient auch medizinische Anlaufstellen in Brandenburg.
Mithilfe von Pendel-, Mobilfunk- und Gesundheitsdaten konnte PeriMobil das Mobilitätsverhalten in und aus Arzberg umfassend abbilden. Sie visualisierten, an welchen Orten die meisten Arzberger:innen arbeiten (Torgau, Beilrode, Leipzig), und zu welchen Uhrzeiten Bewegungen aus und nach Arzberg stattfinden – hilfreich, um Mobilität auch jenseits von Pendelfahrten darzustellen. Die Anwesenden unterstützten mit ihrem Lokalwissen dabei, Erklärungen für Spitzenwerte finden, zum Beispiel, wenn um 16 Uhr Hort und Kindergarten schließen, was sich in einem hohen Ausschlag der Daten zeigt.
Darüber hinaus wurde über Strategien der Alltagsbewältigung gesprochen. Viele Anwesende sahen sich in den Ergebnissen der Interviews gespiegelt, die von Fahrgemeinschaften bis zur Bündelung von Wegzwecken reichten. Die Anwesenden verwiesen auch auf die enge Nachbarschaftshilfe im ländlichen Raum, sodass die Nachbarin auch mal das fehlende Stück Butter vom Einkauf mitbringt.
Bei der Einschätzung der eigenen Handlungsmacht in Bezug auf die Mobilitätssituation waren unterschiedliche Haltungen zu beobachten: Einige Anwohner:innen waren durch erfolglose Verbesserungsbemühungen, zum Beispiel im Kampf für neue Radwege, resigniert und angesichts des Bürokratieaufwands entmutigt. Andere wiederum sahen sich durch die Veranstaltung motiviert, (wieder) aktiv zu werden und Änderungen anzuregen.
Zentral wurde auch die Rolle des Bürgerbusses in Arzberg diskutiert: Obwohl dieser mit großem Zuspruch angenommen wird und für viele Senior:innen eine große Unterstützung darstellt, betonten die Mitglieder, dass es keine ausschließliche Lösung sein kann, den ÖPNV ehrenamtlich zu tragen. Zum einen hängt das Angebot des Bürgerbusses immer davon ab, ob sich genügend Freiwillige finden. Andererseits ist das Angebot auf die Bedürfnisse von Älteren zugeschnitten – Zielgruppen wie junge Menschen ohne Führerschein müssen aber genauso berücksichtigt werden.
Insgesamt herrschte großes Interesse an den Ergebnissen des Forschungsinstituts und reger Austausch unter den Teilnehmenden. Die Anwesenden fühlten sich gut repräsentiert von den erhobenen Daten und dargestellten Ergebnissen. Gleichzeitig wurde der Wunsch nach nächsten Schritten laut, um die Ergebnisse an verantwortliche Planungsstellen weiterzuleiten und Änderungen anzuregen. Dies wird von PeriMobil umgesetzt, wenn im Mai bei einem Politik- und Planungsworkshop die Ergebnisse erneut präsentiert und verhandelt werden. Auch die vollständigen Ergebnisse des Forschungsprojekts werden dann in einem Ergebnisbericht veröffentlicht.
Wir danken den Beteiligten für ihr Engagement und die gute Zusammenarbeit!