Getreideernte im Krippener Elbtal
Gerd Englick, geb. 1941, aus meinen persönlichen Kindheitserlebnissen.
Nach der Flucht im eiskalten Januar 1945 aus meiner Geburtsstadt Landsberg/Warthe fanden wir Aufnahme im väterlichen Anwesen meiner Mutter Melanie (1907-1998) in Krippen, F.-G.-Keller-Straße 57. Der Tischlermeister Richard Fleischer (1879 - 1957) kümmerte sich rührend um uns, vor allem ums tägliche Essen für nun fünf hungrige Mäuler, was damals eine herausfordernde Aufgabe war.
Es ist angedacht, anlässlich der 650-Jahr-Feier Krippens 2029, die Broschüre von 2004, "Was die Großeltern noch zu erzählen wussten", zu ergänzen und zu aktualisieren.
Im Gliederungspunkt 10 unter "Markt der Kuriositäten" wurden/werden lose Tatsachen und Ereignisse zusammengetragen.
Unter dieser Sicht entstanden die nachfolgenden Beiträge, von denen zumindest eine Episode dort eingefügt werden könnte.
Es gibt auch "Kuriositäten", die einen ernsten und bitteren Beigeschmack haben. Wir leben gegenwärtig in einer Zeit des materiellen Überflusses, den wir kaum noch bewusst wahrnehmen. Einige persönliche Kindheitserlebnisse aus den frühen Nachkriegsjahren des 2. Weltkrieges (1939-1945), Jahre des schlimmsten Hungers, mögen uns heute grotesk, abwegig und schwer vorstellbar erscheinen.
Ein gealtertes und armes Ehepaar im Nachbarhaus briet die wenigen und mageren Kartoffelschalen als Mahlzeit. Der heiße Tiegel wurde mit Paraffinstücken eingerieben, um das Anbrennen des Essens zu verhindern. Der ungeeignete, stinkende und gesundheitsschädliche „Bratölersatz" war der Ausgangsstoff in der benachbarten Bohnerwachsfabrik Max Gäbler ("Schmierbude"). Was war tödlicher, der Hunger oder das Essen? - sicherlich beides.
Ein anderes älteres Ehepaar aus meiner Krippener Verwandtschaft schloss sich gegenseitig den dürftigen Nahrungsvorrat weg aus Angst vor Mundraub.
Das "Hamstern" war damals eine gängige Möglichkeit, um an Nahrungsmittel zu gelangen. In den Bauerndörfern wurde Entbehrbares aus dem Haushalt gegen Essbares eingetauscht, oft zum Nachteil des Verlangenden.
Mit diesem Ziel zogen mein Großvater und mein Onkel den mit Handelsgut beladenen hölzernen Wagen einmal bis ins ca. 10 Kilometer entfernte Ehrenberg bei Hohnstein. Im Tiefen Grund an seiner steilsten Stelle, der Sense, hatten sie ein kurioses Erlebnis. Ein talwärts rasender Radfahrer war an ihnen vorbei gerauscht. Nach wenigen Metern Weiterfahrt mit dem Wagen lag hinter der Straßenbiegung mitten auf der Straße ein tödlich verletztes Reh, wahrscheinlich vom Radfahrer erschreckt und von der hohen Felswand abgestürzt. Was tun?
Mein Onkel stach sofort das Tier zum Ausbluten ab. Im Gebüsch neben der Straße versteckte er ungesehen die unerwartete Beute. Auf der Rückfahrt von Ehrenberg konnte das Reh unbemerkt verladen und unter einer Decke verborgen werden.
Die Schwachstelle des Heimweges war die Bad Schandauer Elbebrücke. Russische Soldaten kontrollierten dort die Wagenladungen. Die Überfahrt mit der nicht kontrollierten Postelwitzer Seilfähre sicherte den Erfolg dieses ungewöhnlichen Jagdausfluges bis ins Krippener Wohnhaus. Nun galt es für die Küche, unauffällig zu köcheln. Die neidischen und auch hungrigen Nachbarn belauerten sich damals gegenseitig mit spitzen Ohren, offenen Augen und schnuppernden Nasen.
Eines Tages flatterte meinem Großvater eine Anklage wegen Wilddieberei ins Haus. Was war geschehen?
Im damals völlig unbeleuchteten abendlichen Krippen stieß er zu finsterer Stunde beim Verlassen des Hauses mit dem Ortspolizisten zusammen. In flagranti wurde er zufällig ertappt, wie er mittels einer Grundangel wieder Bachforellen fangen wollte. Diese tierquälende Fangmethode war ohnehin angelrechtlich verboten. Mit der verhängten Geldstrafe endeten auch die gelegentlichen gebratenen Leckerlis für uns Kinder. Diese Verfehlung in der Notzeit blieb der einzige Kriminalfall in der Familiengeschichte.
Mein Großvater, Brillenträger, verunglückte bei der abendlichen Rückkehr von einer "Hamstertour" aus Reinhardtsdorf auf der großen Ohauswiese. Im Dunklen fiel er neben dem Grundstück Bächelweg 33 von der ca. 2,5 hohen Mauer. Der Tritt ins Leere endete glimpflich auf seinem Hintern auf der abgeschrägten Böschung am Mauerfuß. Allein schleppte er sich bis ins nahe Wohnhaus. Bei Tagesanbruch wurde die unzerstörte Brille wieder gefunden, aber die zwei mit Milch gefüllten und weggeschleuderten Kannen waren leer.
Aus meiner Kindheit ist mir noch gut der fast tägliche über Jahre kratzig-spelzige Geschmack der Schrotsuppe mit Milch in Erinnerung. Als Gegenleistung durfte ich mit dem Kinderwagen meines jüngeren Bruders die Säckchen mit den eingehandelten Roggenkörnern in die Heringmühle ans Dorfende fahren und das geschrotete Getreide dort wieder abholen. Mein Großvater und meine Mutter lobten gebetsmühlenartig immer den hohen Nährwert der zerquetschten Körner mit ihrer Schale für uns Kinder. Der Suppe konnten wir Kinder trotzdem keinen größeren Appetit abgewinnen. Vielleicht war diese grundhafte Noternährung doch ein nachhaltiger Lebensbaustein auch für uns Brüder. Ich bin jetzt 85 Jahre alt.
Mein Bruder verstarb durch einen Unfall leider mit 72 Jahren.
In dem sehr alten und mehrfach umgebauten Wohnhaus meines Großvaters ist die zentrale Steigesse immer noch in Betrieb. Ihr Innenraum ist so bemessen, dass ein schlanker Schornsteinfeger auch heute noch von unten nach oben den Rauchabzug durchsteigen könnte. Das erleichterte die Kontrolle des Bauzustandes und das Entfernen des Glanzrußes als Auslöser der gefürchteten Essenbrände.
Eine Blechtüre in Höhe der Essensohle ermöglicht den Zugang zum Inneren des Schornsteins. Dieser untere Bereich diente in früherer Zeit auch als Räucherkammer. Die Wiedergeburt dieser Funktion sollte ich als Kind erleben.
In der Nachkriegszeit (1947?) leckte im Böhmischen ein Öltanker. Massenhaft schwammen tote und noch zappelnde Fische elbabwärts. Viele Krippener wurden plötzlich zu Fischern, wir auch. Mein Großvater kontrollierte uns streng, nur lebende Fische in die mitgebrachten mit Wasser gefüllten Eimer und Behälter zu sammeln. Wieder zurück vom erfolgreichen Fischzug, begann das mehrtägige Räuchern in der Steigesse. Das trockene Buchenholz lieferte der Holzvorrat der Tischlerei. An die Namen und den Geschmack der geräucherten Elbfische erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an den angenehmen und typischen Geruch des Räucherns, den ich Jahre später bei meinen Freunden in Warnemünde noch öfters auffrischen konnte. Erfreulicherweise gab es keine gesundheitlichen Probleme bei dem außergewöhnlichen und einmaligen Krippener Fischgenuss. Wie andere Einwohner die Fischbeute zubereiteten, ist mir nicht bekannt. Ein Nachbar mit Angelschein spülte regelmäßig und tagelang mit frischem Bachwasser seine geangelten Elbfische in einem Holzkasten. Er meinte, damit einen fast schadstofffreien Fang essen zu können. Erst mit der verbesserten Wasserqualität der Elbe in den 1990er Jahren konnte einem begrenzten Fischverzehr amtlicherseits zugestimmt werden.
An der heutigen Wendestelle für Autos am Bad Schandauer Bahnhofsvorplatz befand sich bis zu Anfang der 1970er Jahre ein beschrankter Bahnübergang. Der regelmäßige Rangierbetrieb erforderte oft Geduld an der Schranke. Die Straße nach Krippen verlief ca. 250 Meter dicht am Gleiskörper entlang. Mit dem Projekt „Hochstraße Krippen" in Verbindung mit dem Bau der Elbebrücke ist die Straßenführung dort grundhaft verändert worden.
Aus der Hungerzeit nach dem Kriegsende hatte ich in der Nähe des Bahnüberganges ein schmackhaftes Erlebnis. Eine tschechische Güterzuglokomotive dampfte und rauchte auf dem Abstellgleis. Eine solche auffällige Maschine mit ihrer hohen Esse und den zwei durch ein Rohr verbundenen Dampfdomen war damals typisch für den grenznahen Güter- und Rangierbetrieb. Wir alleinigen Fußgänger auf der Straße, mein Großvater und ich, näherten uns der ruhenden Lok, vom Lokomotivführer beobachtet. Mit einer einladenden Handbewegung und einer freundlichen Geste winkte er uns wiederholt zu sich. Mein Opa reagierte skeptisch und sichtlich irritiert. Schließlich war der Frieden noch jung und das Verhältnis zwischen den beiden Ländern durch die Kriegsereignisse überschattet. Zögerlich blieben wir doch noch neben der Lok stehen. Plötzlich wurden uns aus der geöffneten Loktür für jeden, lose in Papier gehüllt, eine dicke Weißbrotscheibe, mit Gänsefett bestrichen, herab gereicht. Die Freude auf beiden Seiten war ehrlich und mit Worten kaum zu fassen. Jedenfalls
hat sich der Geschmack des Gänsefettes von damals bis heute auf meiner Zunge eingetieft.