Titel Logo
Wesenitztaler Landbote – Amtliches Mitteilungsblatt der Gemeinde Dürrröhrsdorf-Dittersbach
Ausgabe 1/2026
Wissenswertes und Unterhaltsames
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Goethes „Märchen“ - Die verschiedenen Interpretationen

Seit das Märchen 1795 erschienen ist, gab es unzählige Interpretationsversuche, die sich oft grundlegend widersprechen. Fest steht, dass Goethe Das Märchen unter dem Eindruck der französischen Revolution (1789-1799) schrieb. Wüssten wir, dass es genau darum geht, dann wäre der Fluss wohl der Rhein, das Land des unterirdischen Tempels mit den Königen Frankreich und das Land der Prinzessin Deutschland. Es war Goethe selbst, der 1816 drei dieser Deutungen in einer Tabelle zusammenfasste, indem er den handelnden „Personen“ die jeweilige Bedeutung zuordnete, ohne jedoch seine eigne Erklärung zu offenbaren. Mehr noch: Goethe machte sich über Deutungsversuche lustig. Im Auslegen seid frisch und munter, legt ihr`s nicht aus, so legt was unter“ Fast schon ein wenig arrogant klingt der Spruch, den wir im Turmsaal auf der „Schönen Höhe“ lesen können: Warum erklärst du`s nicht und lässt sie gehen? Antwort: Geht’s mich denn an, dass sie mich nicht versteh`n? Andre Renis hat 1997 im Auftrag des Freundeskreises des Goethe-Nationalmuseums Goethes Tabelle auf 71(!) Interpretationsversuche erweitert. Betrachten wir z.B. die verschiedenen Deutungsversuche am Beispiel der Schlange: In ihr sehen die verschiedenen Autoren z.B. die Kultur, den Verstand, die Gelehrsamkeit, den Reichtum, die Fantasie, die Literatur oder gar die Freundschaft zwischen Schiller und Goethe. Man suche sich die passende Deutung selbst heraus. Die letzte mir bekannte Auslegung stammt von Eugen Drewermann (geb. 1940), der im Jahr 2000 Goethes Märchen auf 350 Seiten tiefenpsychologisch deutet. Prinz August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1747-1806) zieht sogar eine Parallele zur Bibel (1. Brief des Johannes 5,7-8), denn dort heißt es: Drei sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins. Das erinnert uns an die Worte, die über dem Bild zum Märchen auf der Schönen Höhe stehen: Drei sind, die da herrschen auf Erden: Die Weisheit, der Schein und die Gewalt.

Obwohl wir immer vom Freskensaal sprechen, handelt es sich wohl beim genannten Wandbild um kein Fresko, sondern ein Secco, also ein auf den abgebundenen Putz aufgetragenes Bild mit Leimfarben. In der Handlung des Märchens steht der goldene König (links) für die Weisheit, der silberne König mit Zepter und Schwert (rechts) für den Schein und der noch sitzende, aber im Aufstehen begriffene eherne König, der sich auf die Keule stützt, für die Gewalt. Der vierte König besteht aus allen drei, allerdings inhomogen verteilten Metallen. Während der eherne König aufsteht, bricht der sitzende vierte König zu einem unansehnlichen Klumpen zusammen. Anders als in den restlichen Fresken im Turmsaal scheinen die Figuren relativ zusammenhanglos dargestellt

Wenn heute Besucher des Turmsaals das Wandbild erblicken, dann lesen Sie auch den Text darüber und meinen, dass dieser auch heute noch gültig ist: Weisheit ist dort notwendig, wo mehr Schein als Sein und Gewalt herrscht. Ab und an findet auch mal ein Besucher mit anthroposophischem Hintergrund den Weg auf die Schöne Höhe. Der sieht im ersten König ein Symbol für den Verstand, im zweiten König das Gefühl und die Emotionen, im dritten den Willen und die Macht, also Kopf, Herz und Hand des Menschen. Dort wo nicht alles als Einheit wirkt (vierter König) wird es zerfallen. Dem idealen Menschen, verkörpert durch den Jüngling, der alle drei Gaben erhält, gehört die Zukunft. Alle Teile müssen sich vereinen, Opfer bringen, dann wird dieser Weg gelingen. Ob ich helfen kann, weiß ich nicht; ein Einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt, sagt der Alte mit der Lampe.

Vor dem Hintergrund der französischen Revolution kann man die drei Könige auch als Symbol der Gewaltenteilung ansehen, die seit dieser Zeit zu unserem Demokratieverständnis gehört.

"Gewaltenteilung" bedeutet: Die Macht im Staat wird zwischen verschiedenen Institutionen aufgeteilt. Niemand darf allein über alles bestimmen, auch nicht ein König oder anderer hoher Herrscher. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, steht der silberne König mit seinem Zepter für die gesetzgebende Gewalt, die Legislative, der eherne mit dem Schwert für die ausführende Gewalt, die Exekutive und der goldene König mit dem Eichenkranz für die rechtsprechende Gewalt, die Judikative.

Im Sinne von Goethes Märchen werden diese drei aufstehen, während der vierte König, der alles in einer Person vereinigt (Monarchie) sich setzen und zerfallen wird.

Ich hoffe, ich konnte Ihr Interesse an Goethes Märchen ein wenig wecken. Machen Sie sich doch selbst einmal auf die Suche nach Ihrer eigenen Interpretation. Der Spielraum ist groß, Sie werden sicher Freude an dieser Suche haben.

Bernd Heinrich