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Wesenitztaler Landbote – Amtliches Mitteilungsblatt der Gemeinde Dürrröhrsdorf-Dittersbach
Ausgabe 2/2026
Wissenswertes und Unterhaltsames
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Fabers Dittersbach-Ansichten

Am 10. Oktober 1831 äußerte Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief an den Dittersbacher Rittergutsbesitzer Johann Gottlob von Quandt einen Wunsch: „Sollten Euer Hochwohlgeboren eine leichte hübsche Zeichnung, die mir Ihre neue Acquisition und des Schlosses Dittersbach vergegenwärtigte, von einem Ihrer jungen muntern Künstler aufnehmen lassen, so würde ich näher wissen, wo ich Sie von Zeit zu Zeit in Gedanken besuchen könnte. Ich stelle mir den Aufenthalt als sehr reizend vor …“

Am 6. November 1831 antwortet Quandt:

„Ich habe sogleich nach Empfang Dero Schreibens, also jetzt vor vierzehn Tagen, einen Künstler Namens Faber*) zu mir kommen und zwey Ansichten von meinem Guthe aufnehmen lassen.

Dieser Mann gehört nun zwar nicht zu den jungen und muntern Künstlern, sondern zu denen, welche geschickt mit Aquarellfarben umzugehen wissen, Anstellichkeit und Auffassungsgabe haben und sich also eignen von einer Gegend ein deutliches Abbild zu geben.

Die Auswahl des Standpunktes fiel mir wegen der Mannigfaltigkeit des Gegenstandes schwer, denn die geräumigen Fluren, die tiefen Gründe u wieder die Bergeshöhen, von welchen man weite Aussichten, über das Elbthal bis nach Böhmen hinein, genießt, bieten sich, jedes durch eigenthümliche Schönheiten, als anziehende Bilder, dem Künstler dar.

Ich wählte daher zwey Ansichten; von der einen, von der Abendseite genommen, die einen eigentlichen Prospect des Schlosses & der Oeconomiegebäude zu Dittersbach giebt. Links zeigt sich die Pfarre und Kirche. Im Mittelgrunde der Garten, im Vorgrund ein zum Guthe gehöriges Feld.

Jenseits dieser Gegenstände sieht man noch einige Felder, Wiesen und Waldungen die zu der Besitzung gehören und die ansteigende Gegend schließen ferne Hügel, auf welchen die Ruinen von Stolpen sich erheben.

Die zweite Ansicht (siehe Titelbild – B.H.), welche von der Morgenseite aufgenommen ist, giebt mehr den Charakter der Gegend zu erkennen und ist landschaftlicher als Erstere. Im Vordergrunde liegt ein Theil von Röhrsdorf, welches zu dem Gute gehört. Über die Häuser hinweg, blickt man in das Thal, durch welches die Wesenitz, ein starker Bach, der viele Mühlen treibt, fließt. Die Brücke von welcher man drey Bogen bemerkt, führt zu der Höhe, aus dessen Mitte das Schloß Dittersbach sich erhebt, von welchem man die Fenstern meines Wohnzimmers sieht, welches ich der Aussicht wegen, im dritten Stocke genommen habe.

Die nächsten Gebäude am Hofe sind die Schmiede, das Jägerhaus und die Kirche. Die großen Baumgruppen zur linken im Mittelgrunde bilden den Garten, durch welchen die Schollwitzbach fließt, welche oberhalb des Gehöfes den Leyermühlenbach aufgenommen hat und sich verstärkt in die Wesenitz ergießt. Ich muß bemerken, daß der Name Leyermühle nicht eine geschmacklos schöngeistrische Benennung dieser reitzenden Mühle, sondern ihr sehr alter Name ist, den sie wegen des einzelnen Rads erhalten hat.

Durch diese Bäche verstärkt, nimmt die Wesenitz einen munterern Lauf u die ganze Gegend von hieraus, einen kühnern Charakter an.

Die Berge steigen steiler empor u Schönhöhe, der waldige Berg welcher vor uns liegt, senkt sich plötzlich nach Osten in ein dunkles Thal hinab, durch welches jener erst sanfte Bach, sich nun über große Felsenstücke brausend u schäumend hinstürzt, was man nur dann sieht, wenn man den Weg durch den Garten wandelt, der in diesen tiefen Felsengrund führt.

Der Thurm, welcher aus dem Walde auf dem Gipfel des Berges hervorragt, wird erst gebaut, doch rückte der Bau, von dem milden Herbst begünstigt, rasch vorwärts und so habe ich den Zeichner veranlaßt der Zeit zuvorzueilen & das Gebäude als vollendet darzustellen.

Ich kann es kaum erwarten bis diese Zeichnungen fertig sind und eile ihnen daher mit meiner Beschreibung voraus.“

Quandt schickte die beiden Zeichnungen wohl am 9. Dezember 1831 nach Weimar. In einem Brief, der bereits einen Tag zuvor an Goethe abging, äußerte er seine Unzufriedenheit: „Es geben diese Zeichnungen zwar eine im Einzelnen genaue Vorstellung von der Dittersbacher Gegend, aber keinen Begriff von dem Charakter derselben und kein Bild von der Natur, wie denn der Künstler, der die Zeichnungen gefertigt hat, ein zwar verständiger Zeichner ist, allein kein Gefühl und keine Einbildungskraft besitzt ……“

Dem widerspricht Goethe am 18.12. 1831, indem er schreibt: „Ich kann nicht aussprechen wie angenehm mir diese beyden Bilder sind, die mit so vieler Sorgfalt, Klarheit und Reinlichkeit und mit dem einer guten Kunstschule eignen Geschmack, der wirklich in einer löblichen Disposition, Haltung und Färbung sich manifestirt, gar löblich ausgeführt sind.“

Der Briefwechsel zu den Faber`schen Zeichnungen zeigt die Unterschiede zwischen Goethe als Vertreter der Klassik und Quandt als Vertreter der Romantik. „Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“ – Dieser berühmte Satz Goethes fasst sein Unbehagen gegenüber der Richtung zusammen, die Quandt maßgeblich mitgestaltete.

*) Karl Gottfried Traugott Faber (1786-1863) war ein deutscher Maler, Radierer und Lithograph. Sein Haupttätigkeitsfeld war die realistische Darstellung einheimischer Landschaften aus Sachsen und den angrenzenden Ländern. Faber war ein talentierter Künstler, der, um eine große Familie zu ernähren, produktiv bleiben musste, anstatt stets den höchsten Maßstab an seine Werke anlegen zu können.

Bernd Heinrich