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Wesenitztaler Landbote – Amtliches Mitteilungsblatt der Gemeinde Dürrröhrsdorf-Dittersbach
Ausgabe 4/2026
Wissenswertes und Unterhaltsames
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Ein Brief von 1959

In meinen Unterlagen findet sich auch ein Brief des Dürrröhrsdorfer Paul Wehder an den ehemaligen Schlossgärtner Walter Reinhold, der sich offensichtlich danach erkundigt hatte, wie wohl die Besitzverhältnisse des Ritterguts Dittersbach im Zeitraum des Konkurses, also zwischen den Besitzern Quandt und Leuschner (1870 bis 1883) waren. Den Brief erhielt ich vor vielen Jahren von Reinholds Tochter, als diese noch einmal ihr (inzwischen abgerissenes) Elternhaus besuchte.

Bernd Heinrich

Dürrröhrsdorf, den 10.1.59

Lieber Walter u. Marie!

Besten Dank für dein Schreiben vom 28.12. Inzwischen hast du ja meine Karte erhalten. Silvester ging auch ruhig vorüber. Neujahr haben wir mit meinem Bruder und dessen Frau 2 Tage schön erlebt. Zumal die Unterhaltung am Bildschirm immer interessant ist auf allen Gebieten. Nun wieder mit der Mondrakete. Wird das noch was werden? Wissenschaftlich wohl, aber an ein Landen mit Menschen glaube ich nicht. Der menschliche Geist ist in unsern 75 Lebensjahren weit gekommen, es gibt aber immer noch „Aber".

Nun zur Chronik. Ich hatte Dir gute Hoffnung gemacht durch Frau Eichler und wurde am 8. Januar schwer enttäuscht, durch Benachrichtigung, dass es nicht möglich ist, wer Eigentümer des Ritterguts war. Nachdem Frau Eichler mir sagte, dass die Grundbücher bis 1840 zurück liegen. Diese abgehackte (sic!) Antwort kommt mir vor, als wenn sie es gar nicht für nötig gehalten hätten, überhaupt nachzusehen. Nun habe ich noch mal mir ein Programm gemacht.

Zuerst zu Ufer Erwin (ehem. Bürgermeister von Dürrröhrsdorf – B.H.), der hatte noch alte Protokollbücher von 1839 bis 1907 da. Ebenso Flurbücher von 1800-1876 und 1876-1907 und da habe ich ganz schöne Anhaltspunkte gefunden, die auf den mit Bleistift geschriebenen Blättern stehen. Da doch Quandt Besitztum Wald auf Dürrröhrsdorfer Flur hatte. Aus diesen 2 Gemeinderatssitzungen ist klar ersichtlich, dass 1870 der Konkurs anfing und 1882 erst beendet war. Ebenso habe ich mit dem Flurbuch rausgefunden, dass der Erbe Gustav v. Quandt 1882 noch Besitzer von Flurstücken in Dürr Röhrsdorf und 1883 bestätigt wurde. Mithin waren am ganzen Konkurs bis 1883 zum Verkauf an Louis Leuschner, Tuchfabrikant noch der Erbe Besitzer. Auch heute brachte mir unser Pfarrer die im Kirchenregister eingetragen Besitzer des Ritterguts. Ich lege euch diesen Zettel mit bei. Also Gustav v. Quandt 1859 bis 1883. Dazu kommt, nachdem ich nochmals bei Schäfer Erwin, dem Dittersbacher Bürgermeister war, der mir aber auch nicht helfen konnte, da er eben 80 Jahre alt ist und auf nichts besinnen kann. Dein Schwager Großmann, mir wurde da gesagt, dass er nicht mehr höre, ist 89 Jahre alt. 1870 geb. aber noch ganz geistig auf der Höhe. Habe alles schriftlich müssen erledigen. Er gab ganz schnell Antwort ohne sich lange zu überlegen. Das Gut ist von Juden verwaltet und ausgepowert worden, jedenfalls muss Quandt es verpfändet oder den Juden freie Hand gelassen haben, so zu wirtschaften, um zu ihrem Geld zu kommen und von 1870 ein Pächter Müller es 6 Jahre gepachtet hatte nach dem ist dieser nach Seidewitz bei Pirna gegangen, wo ich selbst noch 1910 bei dessen Sohn die Dreschmaschine reparierte. Nachdem ist es wieder auf 6 Jahr verpachtet an einen Herrn Wabst, ein Junggeselle, der mit seiner Wirtschafterin bis zum Verkauf an Leuschner da war. Mein Vater war von 1875 bis 1902 in dem Bahnhause am Viadukt und auch jetzt kommt mir in Erinnerung, dass er viel von einem Pächter Wabst gesprochen hat. Auch Friedländer, der von 1914 bis 1948 auf dem Gute war sagt, das Grasse, Kießling und Scheere viel von dem Pächter und so weiter erzählt haben. Schade, dass Sie eben tot sind. Also die Lücke ist ausgefüllt, und ich glaube bestimmt, dass es so gewesen ist. Der Konkurs hat sich so lange hingezogen und Gustav v. Quandt, da er doch noch Besitzer von Rittergut Rossendorf war dies wurde erst 1887 von Gustav verkauft. Ebenso auch nach Dittersbach an Leuschner 1883 verkauft hat. Vielleicht kann ich dies doch noch raus bekommen. Schade, das Dittersbach, die Gemeinde, alles verlagert und zum Teil nach der Papierfabrik zum Einstampfen gegeben hat. So sind eben auch unvernünftige Leute Werte vernichtet worden.

Nun mit Leuschner kennst du ja den weiteren Gang bis zu seinem Tode im Sept. 1923. Die Erbin, die Nichte von Otto Leuschner, geschiedene Müller verkaufte es am 1. Mai 1925 an die Stadt Dresden. Die auf dem Schloss ein Erholungsheim einrichtete bis 1942, siehe den Artikel im Dittersbacher Anzeiger, den ich aus meiner Rumpelkammer geholt habe, durch Zufall gefunden. Dann wurde es Entbindungs- heim bis 1944. Sind viel Leipziger Frauen entbunden worden. Dann war es doch Flüchtlingslager für Durchgangs-Evakuierte. Am 8. Mai 1945 Einzug der Russen, die es dann bis Juli 1949 verwalteten, es war immer ein Kapitän oder Administrator, aber alles hiesigen Arbeiter. Im Juli 1949 wurde es mit unter den drei ersten Gütern an das deutsche Volk zurückgegeben. Er hielt den Namen Volksgut „Junger Pionier" Dittersbach. Wo es nun unter teilweiser sehr guter Leitung und Ausbildung von zirka 60 Lehrlingen erfreulich sich zu einem Mustergut in allen landwirtschaftlichen Fächern und mit den neuesten landwirtschaftlichen Maschinen ausgestattet entwickelt hat.

Nun denke ich, dass ich wieder mal viel geschrieben. Aber schreibe nicht wieder, dass es bei mir Unruhe hervorgerufen hat. Ich mache dies gern, weil es mich interessiert und man hier aufgewachsen ist. Schade, dass Ihr nicht in Dresden wohnt, da würden wir beide schon die Gegend hier abstreifen. Wenn du noch vom Professor Meiche die Beschreibung erhältst, da könntest du mir mal darüber berichten, was mich interessiert. Aber das dir von der Judenleithe nichts bekannt ist, wundert mich, hier ist es noch vielen bekannt. Wenn du nun noch mehr wissen willst, so schreibe bitte. Da ich nun verschiedene Leute aufgemuntert habe, werde ich wohl ab und zu etwas berichten können. Soweit geht es noch im alten Gleise bin manchmal bei Erwin (Ufer – B.H.) der nun auch mal sich Zeit nimmt und in der Stube sitzt. Abends sehen wir nun öfters mal einen guten Film oder Berichte über Wintersport und wissenschaftliche Sachen, die mich interessieren, man sieht es ja besser, als wenn man im Theater sitzt, so bequem im Sessel in der warmen Stube. Der junge Ufer (Helmut – B.H.) hat auch einen bestellt.

Ich will nun schließen hoffe, dass ich dich einigermaßen zufriedengestellt habe mit meinem Bericht. Weiterhin alles Gute und herzliche Grüße an dich u. Marie u. Fam. Kühl von uns allen.

Paul u. Lina

(Der Original-Text wurde zum Zwecke der besseren Lesbarkeit leicht bearbeitet)