Friedrich Overbeck, Die Heilung des blinden Tobias, 1807, Oel auf Papier, 60:46 cm, Behnhaus Drägerhaus, Lübeck,Inv. Nr. G 203
Der Staatskanzler des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, Friedrich Theodor Adam Heinrich von Müller (1779 -1849) war ein enger Freund Goethes. Über seine Begegnungen mit Goethe berichtet der Leiter des Großherzoglichen Staatsarchivs Carl August Hugo Burkhardt in dem 1870 erschienenen Buch „Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller“. Knapp 200 solcher Treffen und Gespräche zwischen 1801 und 1832 sind darin festgehalten. Das letzte Treffen fand am 27. Februar 1832 statt, 4 Wochen vor Goethes Tod.
Ein einziges Mal, am 6. Juni 1830, wird in ihren Gesprächen auch unser Rittergutsbesitzer Johann Gottlob von Quandt erwähnt (S.142). Dort kritisiert Goethe ihn und den Dresdner Kunstgeschmack mit gewohntem Wortwitz und beißender Ironie: Was für ein unseliger Kunstkenner ist Quandt. Lauter Tobiasse zu akquirieren! Sind doch die Dresdner selbst blind und bedürften der Fischblase allerseits. Vielleicht wird in der Elbe einmal ein tüchtiger Hecht gefangen, mit dessen Leber sie sich die Augen auswischen können.“
Wenn Goethe „unselig“ sagt, dann meint er damit wohl „in höchstem Maße beklagenswert“. Quandt war ja zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender des Sächsischen Kunstvereins und als solcher für die Ankaufpolitik des Vereins verantwortlich. Er förderte stark die romantische bzw. nazarenische Historienmalerei, deren religiös-motive Themen Goethe als altbacken, sentimental und fremd gegenüber dem antiken, klassischen Ideal empfand.
Zu jener Zeit wurden häufig religiöse Historienbilder und Entwürfe zur Tobias-Legende ausgestellt und angekauft. Kunstmäzene wie Quandt sahen in den frommen, tugendhaften Tobias-Darstellungen das Ideal einer Erneuerung der Kunst aus dem Geist des Christentums.
Der Sächsische Kunstverein hatte allein 1829 drei verschiedene „Tobiasse“, also biblische Darstellungen des Tobias, angekauft. Goethes Anspielung ist eine direkte Referenz zur biblischen Tobias-Sage (Buch Tobit, Kap. 11). Dort heilt der junge Tobias seinen erblindeten Vater Tobit mit der Galle/Leber eines großen Fisches, den er im Tigris gefangen hat. Gleichzeitig unterstellt Goethe der Dresdener Kunstszene und den Kunstsammlern eine „Blindheit“ für echte, zeitlose Kunstqualität und Ästhetik. Goethe nimmt das Motiv der Bildserie sarkastisch auf: Wenn die Dresdner schon ständig Bilder von Tobias kaufen, brauchten sie selbst dringend die Fischleber aus der biblischen Geschichte, um von ihrer eigenen „Kunst-Blindheit“ geheilt zu werden. Da Dresden an der Elbe liegt, hofft er im Scherz auf einen „tüchtigen Hecht“ aus der Elbe für diese Wunderheilung.
Obwohl Johann Gottlob von Quandt ein glühender Goethe-Verehrer war und die beiden über viele Jahre im Austausch standen, vertraten sie bezüglich der Kunst zwei sich deutlich unterscheidende Konzepte: Während Goethe das Ideal der weimarischen Klassik vertrat, in der Kunst Harmonie, Maß, edle Einfalt und überzeitliche Schönheit ausdrücken sollte und objektiven Gesetzen der Form, Anatomie und Lichtführung folgte, entsprang Quandts Kunstauffassung dem Geist der Frühromantik und des Historismus. Kunst war für ihn eng verknüpft mit Empfindung, Poesie, Vaterlandsliebe und christlicher Mystik. Goethe schätzte Quandt zwar als engagierten Kenner und Organisator im Kunstbetrieb, betrachtete Quandts Neigung zur christlich-romantischen Kunst jedoch mit kritischer Distanz, während Quandt Goethe trotz aller ästhetischen Differenzen als geistige Leitfigur verehrte.