Die einzelnen Tagewerke am Beispiel des Freskos „Der König in Thule“ nach H. Landmann
Bei Ihrem Besuch der „Schönen Höhe“ wird während einer Führung im Turmsaal der Begriff „Fresko“ bzw. „Freskomalerei“ eine zentrale Rolle spielen.
Umgangssprachlich hat sich das Wort „Fresko“ als verallgemeinerte Bezeichnung für Wandmalereien jeder Art eingebürgert [1]. Kunsthistorisch und fachlich ist diese Verwendung jedoch ungenau:
Durch eine chemische Reaktion – die sogenannte Karbonatisierung oder Versteinerung – verbinden sich die Farbpigmente unlösbar mit dem Untergrund. Ein echtes Fresko ist dadurch dauerhaft im Putz verankert, extrem langlebig, wetterfest und farbecht.
Der chemische Hintergrund
Der Maluntergrund besteht aus gelöschtem Kalk (Löschkalk / Calciumhydroxid Ca(OH)2) und Sand. Löschkalk entsteht durch das Brennen von Kalkstein bei ca. 1000 °C und das spätere „Löschen“ mit Wasser. Früher erfolgte dies in offenen Kalkgruben, wo der Kalk stets mit Wasser bedeckt war, um den Zutritt von Luft-Kohlendioxid zu verhindern.
Verarbeitet man den Kalkputz an der Wand, nimmt er Kohlendioxid aus der Luft auf und verwandelt sich wieder in Kalkstein. Dieser Vorgang schließt den technischen Kalkkreislauf (Kalkstein -> Löschkalk -> Kalkstein). Der Künstler nutzt dies aus: Er malt mit reinem Wasser und kalkechten Pigmenten auf den nassen Putz – beim Aushärten schließt der Kalk die Farbpigmente fest ein.
Die Besonderheit: Malen gegen die Zeit
Da der Putz feucht sein muss, bleibt dem Künstler ein Zeitfenster von etwa acht Stunden pro Arbeitstag. Da ein gesamtes Bild in dieser Zeit nicht zu schaffen ist, wird es in mehrere Abschnitte aufgeteilt – die sogenannten Tagewerke. Die Grenzen dieser Tagewerke folgen meist den Konturen der dargestellten Motive. Ist der Künstler mit einem Tagewerk unzufrieden, muss der Putz an dieser Stelle abgeschlagen und neu aufgetragen werden.
Das linke Fresko an der Nordwand des Turmsaals zeigt das Motiv „Der König in Thule“. An den Trennlinien lassen sich bei diesem Bild genau 24 einzelne Tagewerke nachweisen.
Die Wandgemälde auf der Schönen Höhe
Die Bilder an der West-, Nord- und Ostwand des Turmsaals (Fischer, König in Thule, Sänger, Geistesgruß, Erlkönig) sind in echter Freskomalerei ausgeführt. Bei Restaurierungsarbeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden allerdings – zumindest beim Fischer – großflächige Übermalungen mit Leimfarben vorgenommen. Die Südseite (Märchen) wurde hingegen in Secco-Technik geschaffen. Während der Putzaufbau üblicherweise aus mehreren, immer feiner werdenden Schichten besteht, entschied man sich auf der Schönen Höhe für eine einlagige Putzschicht.
Der Künstler: Carl Gottlieb Peschel
Die Gemälde entstanden in den Jahren 1836 bis 1838 durch den Maler Carl Gottlieb Peschel (1798 – 1879). Peschel hatte sich bereits 1822–1824 als Gehilfe von Carl Christian Vogel von Vogelstein beim Deckengemälde des Neuen Palais in Pillnitz verdingt. Während einer Italienreise schloss er sich in Rom der Künstlergruppe der Nazarener an (insbesondere Julius Schnorr von Carolsfeld und Peter von Cornelius), die dort für ihre bedeutenden Freskenzyklen bekannt waren. Vor seinen Arbeiten auf derSchönen Höhe übernahm Peschel in den Jahren 1832–1834 die (teils in Fresko ausgeführten) Malereien der Loggia im Römischen Haus des Leipziger Musikverlegers Hermann Härtel.
[1] Fun Fact: „Fresco“ ist auch die NATO-Bezeichnung für das sowjetische Jagdflugzeug MiG-17 (das 'F' steht für „Fighter“, die Zweisilbigkeit verweist auf ein Strahlflugzeug).