Vor 125 Jahren, am 5. Oktober 1901, wurde das neue Dessauer Rathaus feierlich eingeweiht. Mit seinem charakteristischen Turm prägt das Rathaus von 1901 noch heute das Dessauer Stadtbild. Der repräsentative Neubau war Ausdruck des rasanten Wachstums, das die Stadt mit der Industrialisierung in den drei Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende erlebt hatte. Die Einwohnerzahl Dessaus seit 1871 von 17.200 auf 52.000 verdreifacht, Wasserwerke, Kanalisation, Straßen, Schlachthöfe, Schulen, Grünanlagen und neue Stadtviertel mussten geplant und verwaltet werden.
Das neue Rathaus war an der Stelle des abgerissenen alten entstanden. Dort hatte Jahrhunderte zuvor schon ein Kaufhaus gestanden, das der 1323 erstmals erwähnte Rat der Stadt im Jahr 1336 erwarb und wo er seine Amtsgeschäfte führte. Ein Stadtbrand zerstörte 1467 weite Teile Dessaus und vermutlich auch dieses alte Gebäude. An seiner Stelle entstand ein neues Rathaus, das mehrfach umgebaut und erweitert wurde. Eine Aufstockung in den Jahren 1882 und 1883 konnte den wachsenden Raumbedarf jedoch nur vorübergehend decken. 1896 schrieb der Magistrat deshalb einen Wettbewerb für einen vollständigen Neubau aus. Aus 51 Entwürfen wurde der Vorschlag des Charlottenburger Architekturbüros Reinhardt & Süßenguth ausgewählt. Am 13. Februar 1899 begannen die Bauarbeiten. Der 1,5 Millionen Mark teure Bau wurde im Stil eines von der Renaissance geprägten Historismus errichtet. Das neue Rathaus vereinte Verwaltung, öffentliche Dienstleistungen und städtisches Leben unter einem Dach. Neben den Behörden beherbergte es unter anderem die Kreissparkasse, die Polizei, die Feuerwache, die Volksbibliothek sowie Wohnungen für Hauswart und Heizer. Die Innenräume wie auch die äußere Hülle waren sehr repräsentativ gestaltet. Besonders bedeutend war das 1903 vollendete Jugendstil-Standesamtszimmer des Münchener Künstlers Bernhard Pankok, das 1945 jedoch unwiederbringlich verloren ging.
Schon 1910 wurde das Rathaus durch einen Brand im Dachstuhl schwer beschädigt. Dabei verbrannte auch die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Altregistratur der Stadtverwaltung. Der Wiederaufbau konnte zügig erfolgen. 1912 konnte das Gebäude wieder vollständig genutzt werden. Wenige Jahre später machte sich bei weiterhin wachsender Stadt und Verwaltung wieder Raumnot bemerkbar. Einige Verwaltungsbereiche wurden ausgelagert, die Sparkasse zum Beispiel 1923 in einen Neubau in der Poststraße. Erst 1934/1935 konnte der Ostflügel des Rathauses durch einen nüchternen, dreigeschossigen, vom Stadtbauamt geplanten Verwaltungsbau verlängert werden. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Rathaus erneut schwere Schäden. Der Bombenangriff vom 7. März 1945 zerstörte die Obergeschosse und große Teile der Ausstattung. Das Rathaus lag damit wie ein Großteil der Dessauer Innenstadt in Trümmern.
An einen so schnellen Wiederaufbau wie 1910 war aber nicht zu denken. Die Dienststellen der Stadtverwaltung waren deshalb in der ganzen Stadt verteilt. Erst ab 1949 standen die Mittel für den Wiederaufbau des Rathauses nach den Plänen der Entwurfsgruppe Willy Stamm zur Verfügung. Der Wiederaufbau bis 1952 ließ das Rathaus allerdings in wesentlich einfacherer Form als zuvor neu entstehen. Unter anderem entfiel der hohe Giebel am Markt. Aus Anlass des Jubiläums 775 Jahre Ersterwähnung Dessaus im Jahr 1988 wurden einige Teile des Rathauses saniert, ein bereits Anfang der 1980er Jahre geplanter Erweiterungsbau entstand erst nach der Friedlichen Revolution und Wiedervereinigung und wurde 1997 eingeweiht. Er war dringend notwendig geworden, weil die Stadtverwaltung bis dahin auf 21 Standorte verteilt war. Auch dieses erweiterte Rathaus konnte nicht alle städtischen Ämter und Dienststellen aufnehmen, insbesondere nach der Fusion der Städte Dessau und Roßlau. Immer wieder kommt es zu Umstrukturierungen und Neuerungen im Rathausgebäude wie der Einrichtung des Bürgeramtes im Erdgeschoss des Erweiterungsbaus.
So sind zwar die Spuren seiner 125-jährigen Geschichte am Dessauer Rathaus deutlich sichtbar, aber es ist und bleibt ein Wahrzeichen der Stadt und das Zentrum des städtischen Lebens, steht für kommunale Selbstverwaltung, für Demokratie und Freiheit, für gemeinsame Geschichte und Identität.
Stadtarchiv Dessau-Roßlau
Heidestraße 21
06842 Dessau-Roßlau
Tel.: 0340/204-1024
E-Mail: stadtarchiv@dessau-rosslau.de