Agnes stand mit verschränkten Armen am Küchenfenster und betrachtete die kleine Ansammlung aus Laub, Staub und ein paar tapferen Löwenzahntrieben am Fahrbahnrand.
„Also ehrlich“, murmelte sie. „Dafür zahl ich doch Steuern. Die Stadt kann hier ruhig mal sauber machen.“
„Falsch“, tönte es prompt von nebenan. Gisbert trat mit einem Ordner unter dem Arm aus seiner Haustür.
„Agnes“, begann er mit leicht erhobenem Zeigefinger, „du verwechselst da etwas Entscheidendes. Es geht um die Straßenreinigungssatzung. Und – jetzt wird’s spannend – um die Reinigungsklasse.“
Agnes seufzte. „Ich wusste, dass du das sagst.“
„Unsere Straße“, fuhr Gisbert fort, „ist eine reine Anliegerstraße. Geringes Verkehrsaufkommen, keine Durchfahrt, kein Linienverkehr. Damit fällt sie nicht in eine höhere Reinigungsklasse. Und das bedeutet: Die Stadt reinigt hier nicht die Fahrbahn.“
Er blätterte demonstrativ in seinen Unterlagen.
„In solchen Wohngebieten“, dozierte er weiter, „liegt die Reinigungspflicht bei den Grundstückseigentümern. Und zwar nicht nur für den Gehweg, sondern auch für die Fahrbahn – jeweils bis zur Mitte der Straße.
Agnes sah ihn an. „Bis zur Mitte?“
„Ganz genau. Gedachte Straßenmitte. Jeder Anlieger ist für die Hälfte der Fahrbahn vor seinem Grundstück verantwortlich. Das umfasst das Entfernen von Schmutz, Laub, Bewuchs und sonstigen Verunreinigungen. Rinnstein eingeschlossen.“
Agnes blickte auf die Straße. „Das heißt, wenn sich da in der Mitte ein Dreckstreifen bildet „…“
„…dann treffen wir uns dort symbolisch“, unterbrach Gisbert zufrieden, „weil jeder seine Hälfte nicht ordentlich gereinigt hat.
„Und warum macht die Stadt das in anderen Straßen?“
„Reinigungsklassen!“, sagte Gisbert mit dem Tonfall eines Professors. „In stärker frequentierten Straßen – etwa Hauptverkehrsstraßen – übernimmt die Stadt die Reinigung in festgelegten Intervallen. Dafür werden Gebühren erhoben. Aber je geringer die Verkehrsbedeutung, desto eher wird die Pflicht auf die Anlieger übertragen.“
Agnes schwieg einen Moment.
„Das heißt also“, sagte sie schließlich, „wir sind hier selbst zuständig, weil wir es ruhig und gemütlich haben wollen?“
„So könnte man es zusammenfassen“, nickte Gisbert zufrieden. „Weniger Verkehr, mehr Eigenverantwortung.“
Agnes griff zum Besen. „Und du weißt das alles einfach so?“
Gisbert lächelte überlegen. „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil – hat meine Lehrerin immer gesagt. Man muss nämlich nur die Satzung lesen.“
Sie begann zu kehren und rief über die Schulter: „Dann schau doch bitte auch gleich noch mal nach, ob du deinen Bereich letzte Woche wirklich bis zur Mitte geschafft hast.“
Gisbert erstarrte kurz.
Dann sah man ihn – sehr pflichtbewusst – mit Zollstock bewaffnet die gedachte Straßenmitte bestimmen. Ordnung muss schließlich sein.