hinter uns liegen Tage, die unsere Stadt auf ganz unterschiedliche Weise bewegt haben. Wenn ich auf die vergangenen Wochen zurückblicke, sehe ich zwei Bilder vor mir, die wunderbar zusammenpassen: einen Festakt im Anhaltischen Theater und eine lebendige Begegnung in einem Lesekreis von Schulkindern.
Am 1. März durften wir den Moses Mendelssohn Preis an Professor Michah Gottlieb verleihen. Er ist aus New York zu uns nach Dessau-Roßlau gekommen, um über Toleranz und das Miteinander zu sprechen. Am Ende seines Vortrags sagte er etwas, das mich nachhaltig beeindruckt hat: Er meinte, dass wir als Einzelne die große Politik oft nur schwer steuern können. Aber wir haben jeden Tag die Wahl, wie wir unseren Mitmenschen begegnen. Mit einer einfachen Geste der Freundlichkeit, Empathie oder Großzügigkeit stoßen wir etwas an. Es ist wie ein Stein, den man ins Wasser wirft: Er zieht Kreise und schlägt Wellen, die andere berühren. Wenn genug Menschen so handeln, wandelt sich die Gesellschaft fast wie von selbst zum Besseren.
Kurz darauf erlebte ich diese Offenheit ganz praktisch. Ich war zu Gast in einem Lesekreis von Schulkindern. Die Jungen und Mädchen empfingen mich mit einer wunderbaren Neugier: Sie interessierten sich sehr für meine Lesegewohnheiten und wollten wissen, wie mein persönlicher Weg zu den Büchern aussah. Ich hatte mir dafür extra aus unserer Stadtbibliothek eine Fassung von „Robinson Crusoe“ für Kinder ausgeliehen - eine Geschichte, die mich schon in meiner eigenen Kindheit fasziniert hat.
In unserem Gespräch über Robinson, der auf seiner Insel lernen muss, sein eigener bester Freund zu sein, schwang noch ein anderer Gedanke mit: das Selbstmitgefühl. Schon Moses Mendelssohn lehrte, dass wir unsere eigene Seele mit Sorgfalt und Milde pflegen müssen, um ein friedvolles Leben zu führen. Wir sind im Alltag oft unsere härtesten Kritiker. Doch wahre Stärke - auch um für andere da zu sein - erwächst daraus, sich selbst mit Wohlwollen zu betrachten. Wer lernt, mit sich selbst so nachsichtig umzugehen wie mit einem guten Freund, gewinnt erst die Kraft, diese Freundlichkeit auch nach außen zu tragen.
All das passte perfekt zum diesjährigen Kurt Weill Fest, das Mitte März unter dem Motto „In Bewegung“ zu Ende ging. Bewegung bedeutet ja nicht nur, von A nach B zu kommen. Es bedeutet auch, innerlich beweglich zu bleiben, seine Sichtweisen zu verändern und aufeinander zuzugehen.
Nun stehen wir kurz vor Ostern. Das Osterfest ist traditionell eine Zeit des Neubeginns und der Hoffnung. Wenn die Natur im April erwacht, ist das der ideale Moment, diesen Schwung des Aufbruchs mit in unseren Alltag zu nehmen. Versuchen wir, die „Wellen der Freundlichkeit“ in unserer Nachbarschaft zu stärken - durch ein gutes Wort für andere, aber auch durch einen gütigen Blick auf uns selbst.
Ein kleiner Rat für den Alltag: Wenn Sie das nächste Mal merken, dass Sie sich über einen eigenen Fehler ärgern, halten Sie kurz inne. Fragen Sie sich: „Was würde ich jetzt einem guten Freund in dieser Situation sagen?“ Meist sind wir zu anderen viel sanfter als zu uns selbst. Schenken Sie sich dieses freundliche Wort heute einfach einmal selbst.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein frohes und erholsames Osterfest sowie viele gute Begegnungen im April.
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Herzlichst,