Carl Christian Vogel von Vogelstein, Knabenbildnis des Prinzen Albert von Sachsen mit Schaukelpferd, 1833, Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Seit Weihnachten 2023 ist die Anhaltische Gemäldegalerie im Schloss Georgium wieder zugänglich. Nach mehrjähriger Sanierung ihres Stammhauses erscheint eine der wichtigsten Sammlungen Alter Meister in Mitteldeutschland buchstäblich in neuem Licht. Den programmatischen Höhepunkt ihres Jahres stellt die Sonderausstellung „KINDSKÖPFE – Kinderporträts vom Barock bis zur Romantik“ im Herbst dar. Eingebettet ist die vom 1. September bis 1. Dezember stattfindende Ausstellung in ein 2024 in Dessau-Roßlau begangenes und vom Land Sachsen-Anhalt gefördertes Jubiläumsjahr zur Feier der Gründung des Philantropinum durch Johann Bernhard Basedow vor 250 Jahren. Auch wenn diese Modellschule der Aufklärung keine 20 Jahre bestand, so war sie doch ein zentraler Baustein des Dessau-Wörlitzer Reformwerks und eng mit den modernen Ideen zur Kindererziehung und zur Neubewertung der Kindheit als eigenwertige Lebensphase verbunden. Mit dem Bild der Kindheit veränderten sich auch die Bilder, die man von Kindern machte.
Heute sind Kinderporträts ein selbstverständlicher Teil unserer modernen Bildkultur und wer Kinder hat, versucht ihre Entwicklung in Bildern – meistens Fotos – ausführlich festzuhalten. Das war jedoch nicht immer so. Innerhalb der traditionsreichen Bildgattung des Porträts entwickelten sich die Kinderdarstellungen zuerst verhältnismäßig zögerlich. Sie dienten vor allem Familien höchsten Ranges, mit ihrem Nachwuchs den Fortbestand der eigenen Dynastie zu präsentierten. Im Zeitalter der Aufklärung erfuhr die Auffassung des Kinderporträts eine wesentliche Erneuerung. Gern wurden Kinder nun im Spiel porträtiert und wenn sie sich vermeintlich unbekümmert, unverdorben und deshalb „natürlich“ verhielten. Diese Porträts können wie spontane Momentaufnahmen wirken. Sie verbergen so ihre in Wirklichkeit wohlüberlegte Konzeption und Ausführung. Darauf aufbauend wurden in der Zeit von Romantik und Biedermeier viele Darstellungsformeln des Kinderbildnisses entwickelt, die bis weit ins 20. Jahrhundert ihre Gültigkeit bewahren sollten. Die Idealisierung der Kindheit durch die romantischen Autoren führte vielfach zu einer stärkeren symbolischen Aufwertung von Kinderporträts. Kindheit wurde nun auch als beschützter Lebensraum verstanden, auf dessen Verlust man sentimental zurückblickte. Das behütete Aufwachsen im Schoß einer von gegenseitiger Zuneigung bestimmten Familie wurde jetzt als Fundament einer modernen bürgerlichen Gesellschaft betrachtet.
Über die Hälfte der in der Ausstellung gezeigten meist großformatige Gemälde kommen als Leihgaben in das Schloss Georgium. Unter den insgesamt 11 Leihgebern befinden sich große Sammlungen und Museen in Berlin, Dresden, Hamburg, Kassel und Weimar. Einen wichtigen Beitrag leistet die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, durch deren Kooperation mit der Anhaltischen Gemäldegalerie die Kinderbilder aus ehemaligem herzoglichem Besitz wieder zusammenfinden und so als roter Faden der Ausstellung auch eine Geschichte des anhaltischen Kinderbildnisses vom 17. bis zum 19. Jahrhundert erzählt werden kann. Zu der Ausstellung erscheint ein opulent bebilderter Katalog im Sandstein Verlag Dresden, der zum reduzierten Ausstellungspreis im Museum erworben werden kann. Neben der Beschilderung führt auch ein deutsch- und englischsprachiger Audioguide durch die Ausstellung, der auf der App der Anhaltischen Gemäldegalerie aufgerufen werden kann. Die Ausstellung wäre ohne die großzügige Förderung des Landes Sachsen-Anhalt nicht möglich gewesen.