am 15. Januar 2026 konnte nach vielen Jahren der Vorbereitung, des Planens und letztendlich des Bauens unser Volkshaus seiner eigentlichen Bestimmung übergeben werden. Dazu wurden alle unmittelbar Beteiligten, wie Planer und Bauausführende oder Vertreter der zukünftigen Nutzer, wie z.B. unsere Vereine, eingeladen. Als Ehrengast konnte unser Ministerpräsident Michael Kretschmer begrüßt werden, da auch dem Freistaat Sachsen der größte Teil der Fördermittel zu verdanken ist. Die entsprechende Festrede des Bürgermeisters können Sie gern hier nachlesen.
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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Landrat, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Festgäste,
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es ist vollbracht. Monate der extremen Anspannung fallen heute sicher für viele am Projekt Volkshaus Beteiligte ab. Denn der Erfolg war nicht selbstverständlich. Zwischenzeitlich hätte sich zumindest aus finanzieller Sicht dieses Objekt auch zum Tränenpalast entwickeln können. Dass wir am Ende heute hier zusammensitzen können, haben wir vielen klugen Köpfen und fleißigen Händen zu verdanken. Aber lassen Sie sich erst einmal von mir in die Historie des Hauses entführen.
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Das Volkshaus Groitzsch umgibt eine wechselvolle Geschichte. Entstanden 1872 als Schützenhaus, nachdem das benachbarte Gebäude für den wachsenden Schützenverein zu klein wurde und den Ansprüchen nicht mehr genügte. Das aufstrebende Bürgertum wollte seinen Stand zeigen und konnte es sich auch leisten. Es etablierte sich eine Kulturstätte mit Gastronomie, welche sich im Laufe der Jahrzehnte einen vorzüglichen Ruf weit über die Grenzen der Stadt erworben hatte. Es reihte sich ein in die großen Tanz- und Ausflugslokale der Stadt, wie Wiprechtsburg, Obstweinschänke oder die Grüne Aue. Deren Schicksal von Abbruch bis Umnutzung oder Leerstand ist vielen bekannt und dieses sollte das Volkshaus auf keinen Fall teilen. Erstaunlicherweise erlebte das Schützenhaus, dann als Volkshaus nach dem zweiten Weltkrieg eine Phase der Blüte. Obwohl auch Anfang der fünfziger Jahre das Objekt wegen Baumängeln über einen längeren Zeitraum leer gestanden hatte, wurde es dann als Kulturstätte wiederentdeckt und ausgebaut. Ließen schon die Schützen um die Jahrhundertwende wegen des steigenden Platzbedarfes zahlreiche Anbauten an das Objekt errichten, erfolgte dies auch zu DDR-Zeiten. So wurde die Bühne vergrößert und im Inneren den damaligen Bedarfen und dem Zeitgeist mehrfach angepasst. Zahlreiche Künstler, bekannt auch aus Funk und Fernsehen, waren hier regelmäßig zu Gast und unterhielten nicht nur das Publikum aus Groitzsch. Um nur einige Künstler zu nennen: Heinz Quermann, O.F. Weidling, Manfred Uhlig, Eberhard Chors, Marianne Wünscher, Lutz Johoda, Frank Schöbel und Chris Doerk. Aber auch Prof. Flimmrich und Meister Nadelöhr mit den Bewohnern des Märchenwaldes gastierten öfters in Groitzsch. Bands wie Klaus Renft Combo und Berluc sind ebenfalls im Volkshaus aufgetreten. Von den berühmtberüchtigten Discos ganz zu schweigen. Heerscharen von Jugendlichen zogen jedes Wochenende auch aus der näheren Umgebung bis hin aus Leipzig in das Volkshaus. Nach so manchem Polizeieinsatz der VoPo`s hat hier die eine oder andere Veranstaltung einen unerwünschten Ausgang genommen. Mit der politischen Wende und der Wiedervereinigung wurde es auch für das Volkshaus schwerer, Gäste dauerhaft zu binden. Dennoch wagten die damaligen Pächter mit dem Ankauf von der Stadt einen Neuanfang. Die ersten Jahre liefen gut, jedoch wurde das Angebot an Diskos oder Tanzveranstaltungen später nicht mehr so angenommen. Die neuen Eigentümer waren gezwungen viel auszuprobieren, ja auch herumzuexperimentieren, was aber dem Haus nicht guttat. Letztendlich musste das Objekt 2011 geschlossen werden und stand leer. Es bildete sich ein immenser Investitionsstau und damit Handlungsbedarf am Objekt. Das Ausmaß war aber 2015 so vollumfänglich nicht absehbar und auch erste Untersuchungen ließen das so nicht erwarten. Somit erwarb die Stadt Groitzsch das Volkshaus 2016 zurück und bemühte sich um Fördermittel. Der einzig mögliche Fördertopf war der Städtebau. Bekanntlich eine Drittelfinanzierung von Bund, dem Land und der Kommune. Zeitig wurde mir aber klar, dass diese Finanzierung für das Stadtsäckel bei den steigenden Kosten, die wir dann vollends selber zu tragen hätten, ein Problem darstellen könnte. Und so bat ich unseren Ministerpräsidenten bei einem früheren Besuch in Groitzsch um Hilfestellung. Und meine Bitte blieb nicht ungehört und die Angst vor einem Tränenpalast wurde mir genommen. So ist es gelungen, das Volkshaus im Rahmen der Bund-Länder-Programme „ Lebendige Zentren - Erhalt und Entwicklung der Stadt- und Ortskerne“ (LZP) und dem Programm „Investitionspaket - Soziale Integration im Quartier“ (IVP-IQ) zu fördern, sodass sich im Ergebnis der Eigenanteil der Stadt bei einem Viertel der Gesamtkosten belaufen. Diese Hilfestellung des Ministerpräsidenten und damit des Freistaates Sachsen war für uns sehr wertvoll und für das Projekt essenziell. Sie ist ein Zeichen des partnerschaftlichen Umgangs der staatlichen und der kommunalen Ebene im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, gerade im ländlichen Raum. Herr Ministerpräsident, dafür recht herzlichen Dank.
Nun ist die Frage noch nicht geklärt, warum die Stadt Groitzsch unbedingt das Volkshaus wieder zum Leben erwecken wollte. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Wie eingangs erwähnt, sollte das Volkshaus nicht das gleiche Schicksal erfahren wie die Wiprechtsburg oder die Grüne Aue. Mit Schließung des Volkshauses 2011 verlor die Stadt eine zentrale Kulturstätte mit einem Fassungsvermögen größer 400 Personen. Um nun nicht die letzte derartige Begegnungsstätte in der Kernstadt zu verlieren, wurde der Versuch unternommen das Objekt zu retten. Darüber hinaus ist landauf und landab, im Osten wie im Westen eine Verödung der Innenstädte zu beklagen. Weniger Einzelhandel in den Ortzentren, dafür Einkaufsmärkte an der Peripherie und auf der grünen Wiese. Diesem Trend kann man kaum etwas entgegensetzen, außer man etabliert attraktive Anlaufpunkte. In Groitzsch ist dies mit dem Kino und dem AZUR schon gut gelungen und hier sehe ich persönlich auch unser Volkshaus. Alle drei kommunalen Einrichtungen helfen, die Innenstadt zu beleben und mit ihren Angeboten zu bereichern. Weiterhin können sie unserer hiesigen Gastronomie helfen, noch mehr Kundschaft zu binden. Über das Volkshaus besteht die Möglichkeit, auch wieder Hochkultur für unsere Bürger hier vor Ort anzubieten. Einen kleinen Vorgeschmack erhalten wir ja heute durch die Sächsische Bläserphilharmonie.
Aber es war ein langer und steiniger Weg, von einem fast vergessenem und schon von manchem aufgegebenen Ort zu einer vorzeigbaren Kulturstätte. Zehn Jahre Vorbereitungs-, Planungs- und Bauphase liegen jetzt hinter uns. Zahlreiche fleißige Helfer haben das fast Unmögliche möglich gemacht. So gilt mein Dank den Stadträten aus drei Legislaturperioden, die stets mehrheitlich hinter diesem Projekt standen und dies erst ermöglichten. Ich danke den Mitarbeitern der Sächsischen Aufbaubank, die mich nicht gleich nach der ersten Vorstellung unserer Idee vor die Tür gesetzt haben, sondern uns geduldig und hilfreich über all die Jahre zur Seite standen. Ein großer Dank geht an alle Planer, insbesondere an den Projektsteuerer und in der Endphase auch Planer BJP aus Leipzig, dem Sanierungsträger DSK, an die zahlreichen fleißigen Handwerker aller Gewerke und davon gab es hier sehr viel, ohne deren Wissen und Können ein solches Projekt nicht umsetzbar gewesen wäre, und natürlich an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Es gab wohl kaum einen Kollegen, dem das Volkshaus in den zurückliegenden zehn Jahren nicht immer mal mit einer Aufgabe durch die Hände gegangen ist. Ein besonderes Dankeschön gilt dem Team des Bauamtes, welches sich täglich mit vielen Problemen herumärgern musste. Alle haben eine tolle Arbeit geleistet. Dafür recht herzlichen Dank!
Entstanden ist ein großer Veranstaltungssaal mit 98 qm Bühnenfläche, ein Foyer mit bis zu drei Bars, Künstlergarderoben, eine Warmhalte- und Ausgabeküche sowie eine Galerieebene, insgesamt über 800 qm Gesamtfläche. Mit einer neuen Hubliftanlage sowie einen Aufzug ist das Haus künftig einschließlich Bühne barrierefrei zugänglich und nutzbar. Die technische Gebäudeausstattung ist vollständig erneuert und modernen Anforderungen angepasst worden. Eine energieeffiziente Heizungs- und Sanitärinstallation, ergänzt durch Gebäudeautomation, sorgt künftig für einen wirtschaftlichen Betrieb. Parallel wurde die Fassade mit einem Wärmedämmverbundsystem energetisch ertüchtigt, während die an die Historie angelehnten Fenster- und Türenanlagen an der Westfassade wieder sichtbar wurden. Brandschutz, Schallschutz und Akustik entsprechen den aktuellen Standards.
Nun kurz zu den Kosten. 2016 lag die erste grobe Kostenschätzung noch bei 2,5 Mio. Euro. Nach vorgeschriebener europaweiter Ausschreibung der Planung und ersten tiefgreifenden Voruntersuchungen lag die Kostenschätzung dann schon bei 5,3 Mio. Euro. Hauptursache dafür waren u.a. der desolate Zustand der Anbauten an das ursprüngliche Schützenhaus, die absolut verschlissenen Elektro-, Heizungs- und Sanitäranlagen und das Fehlen einer Lüftungsanlage, die Forderungen des Brandschutzes und der sächsischen Versammlungsstättenverordnung. Innerhalb von zehn Jahren, nach Energiekrise infolge des Ukrainekrieges und der Corona Pandemie in deren Folge die Bau- und Energiepreise förmlich explodierten, liegen wir jetzt aktuell trotz abgespeckter Variante bei 10,9 Mio. Euro netto. Umso erfreulicher ist es, dass die Fördersumme mitwuchs, welches durchaus nicht selbstverständlich ist. Letztendlich tragen Bund und Freistaat Sachsen 74% der Kosten. Das entspricht einer Summe in Höhe von 8,05 Mio. Euro. Eine aus heutiger Sicht phänomenale Förderquote. Die 2,85 Mio. Euro Eigenmittel waren auch für die Stadt Groitzsch eine Kraftanstrengung, aber über mehrere Jahre der Bauphase lösbar. Somit war die Verwendung von „Sondervermögen“ durch die Stadt Groitzsch dafür nicht notwendig.
Nun seit spätestens der Fertigstellung des gegenüberliegenden AZUR Fitness- und Wellnesscenters im Jahre 2001 weiß ich aber auch, dass etwas zu bauen das eine ist, es dann aber erfolgreich über Jahrzehnte zu betreiben auf einem anderen Blatt steht. Dies gilt genauso für das Volkshaus. Jetzt und in Zukunft muss sich beweisen, dass sich die große Investition auch dauerhaft trägt. Ich persönlich bin davon fest überzeugt und freue mich mit der EventFactory ein Team an der Seite zu haben, die wissen wie man solch ein Haus erfolgreich in die Zukunft führt. Geplant ist vordergründig eine Nutzung durch die Kommune oder kommunale Institutionen und durch Vereine, aber auch eine private Inanspruchnahme ist wichtig und soll das Haus auslasten helfen. Dies zukünftig sinnvoll unter einen Hut zu bringen wird unsere gemeinsame Aufgabe sein. Ich wünsche uns dabei viel Erfolg und eine glückliche Hand. Möge das Haus die kommenden Jahrzehnte stets zufriedene Gäste bestens unterhalten, für Abwechslung sorgen und damit nahtlos an die Erfolge der zurückliegenden guten Jahre dieses Hauses anknüpfen. Mit dem Volkshaus Groitzsch ist eine Begegnungsstätte für alle Generationen entstanden, welche dazu beitragen soll den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt zu fördern. Schon allein dafür hat sich diese Investition gelohnt. Das neue Volkshaus Groitzsch steht sinnbildlich für einen modernen Umgang mit dem historischen Erbe - technisch anspruchsvoll, wirtschaftlich solide und mit einem spürbaren Mehrwert für die Stadt und unsere Region.
Ich freue mich, dass Sie heute alle da sind und hoffe auf nette Gespräche bei einem kleinen Imbiss im Anschluss an die Festveranstaltung. Unternehmen Sie nachher einen kleinen Rundgang durch das Haus und nehmen Sie es bitte in Besitz.
Herzlichen Dank!