Annemarie Lange mit zwei ihrer Puppen.
Die Lange-Schwester: Liselotte, Ursula und Annemarie
Bei der Herstellung von Strohsternen.
Die Eierpuppen von Annemarie Lange waren sehr begehrt.
Ihre Nichte, Uli Sporrer, trat das künstlerische Erbe von Annemarie Lange an. Sie stellt bis heute Puppen nach dem Vorbild ihrer Tante her, kreiiert aber auch eigene Häkelpuppen und -tiere.
Annemarie Lange (sitzend) mit ihrer Nichte Uli Sporrer sowie Brigitte Brode, Silvia Gündel-Büttcher und Kerstin Dinger.
Bilder, eigene Texte und Zeichnungen wurden von der Künstlerin stilvoll arrangiert.
Bis zuletzt sah man Annemarie Lange in ihrem Zimmer zeichnen und basteln.
Zehn Jahre nach ihrem Tod lebt das kreative Erbe von Annemarie Lange weiter. Zahlreiche liebevoll gestaltete Collagen, Karten und Bilder, die sie in ihren letzten Lebensjahren schuf, sowie ihre unverwechselbaren Puppen zeugen noch heute von ihrer Schaffenskraft und Fantasie. Damit diese Arbeiten nicht in Vergessenheit geraten, wollen wir einen kleinen Ausschnitt ihres künstlerischen Nachlasses hier zeigen und damit an eine Frau erinnern, die über Jahrzehnte das Kunsthandwerk in Kirchberg und weit über die Grenzen hinaus prägte.
Annemarie Lange wurde 1925 in Cainsdorf bei Zwickau geboren. Sie wuchs in einem bildungs- und kulturinteressierten Elternhaus auf. Ihr Vater Richard Lange war Oberlehrer in Cainsdorf und unterrichtete auch seine eigene Tochter. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Annemarie Lange die Höhere Handelsschule.
Die Familie Lange hatte insgesamt vier Kinder. Neben Annemarie gehörten dazu Liselotte, Ursula und Heinrich. Besonders die beiden Schwestern Annemarie und Liselotte entwickelten schon früh ihre künstlerischen Fähigkeiten. Das Familienleben war von Musik, Kreativität und handwerklicher Betätigung geprägt. Während Ursula und Heinrich später eher bodenständige Berufe ergriffen, widmeten sich Annemarie und Liselotte der Kunst und entwickelten im Laufe der Jahre jeweils ihre ganz eigenen Techniken und Schwerpunkte.
Den Weg in die Selbstständigkeit als Künstlerin fand Annemarie Lange jedoch nicht sofort. Von 1945 bis 1955 arbeitete sie als Lohnrechnerin bei der Deutschen Reichsbahn in Wilkau-Haßlau. In ihrer Freizeit unterstützte sie ihre Schwester Liselotte, die mit kunstvoll gestalteten Strohfiguren bekannt wurde. Viele Jahre lang half Annemarie nach Feierabend bei der Herstellung dieser Arbeiten, kreierte aber auch eigene Strohsterne. Zu dieser Zeit lebten die beiden Schwestern zusammen in Kirchberg.
Parallel dazu entdeckte Annemarie Lange ihre Leidenschaft für Puppen. Sie begann, eigene Figuren zu entwerfen und anzufertigen. Das Interesse an ihren Arbeiten wuchs stetig, sodass sie sich 1955 ganz der Puppengestaltung widmen konnte. Fortan bestritt sie ihren Lebensunterhalt als freischaffende Kunsthandwerkerin.
Bereits damals entstand der unverwechselbare Stil, der ihre Puppen bis heute auszeichnet. Anders als viele traditionelle Spielpuppen waren ihre Figuren keine naturgetreuen Nachbildungen, sondern bewusst stilisierte Charaktere mit hohem Wiedererkennungswert – ganz gleich ob Nadelpuppen, Eierpuppen oder dekorative Gebrauchspuppen. Die Köpfe wurden aus Holz gedrechselt und auf einem hölzernen Grundgerüst aufgebaut. Mit viel Liebe zum Detail gestaltete Annemarie Lange Frisuren, Hüte, Stoffe und Kleidung. Sie experimentierte mit unterschiedlichsten Materialien, entwickelte eigene Haartrachten und Kopfbedeckungen und fertigte Kleidungsstücke von der Unterwäsche bis zum filigranen Spitzenkragen. Auf diese Weise schuf sie eine eigenständige und unverwechselbare Form des Kunsthandwerks.
1966 erhielt Annemarie Lange das Prädikat „Kunstschaffende im Handwerk“. Ihre Arbeiten fanden große Beachtung und wurden auf Ausstellungen präsentiert. Gemeinsame Ausstellungen veranstaltete sie unter anderem mit Rosemarie Spies, ihrer Schwester Liselotte Lange und Dieter Groh. Für das Jahr 1972 ist eine Ausstellung im Berliner Klub der Kulturschaffenden dokumentiert, bei der Annemarie Lange bereits als eigenständige Ausstellerin genannt wird.
1981 verlegte sie ihr kreatives Wirken von Kirchberg in ihren Geburtsort Cainsdorf zurück, kaufte sich ein kleines Häuschen und arbeitete von dort aus weiter. „Bis zum Jahr 2012 fertigte sie nach Bestellung Nadel-, Eier- oder Schlenkerpuppen. Als sie erkannte, dass ich mich ebenfalls dafür interessierte, ehrgeizig war und geschickt anstellte, leitete sie mich an und weihte mich in ihre Handwerkskunst ein“, erzählt Uli Sporrer, die Nichte von Annemarie Lange. Sonst sehr liebevoll und fürsorglich, war Annemarie Lange auf diesem Gebiet eine strenge Lehrerin „Sie hatte genaue Vorstellungen und jede Puppe, die ich herstellte, ging durch ihre Qualitätskontrolle. Nach und nach durfte ich auch eigene Stoffe für die Kleidung verwenden – aber immer in Abstimmung mit meiner Tante“, erinnert sich Uli Sporrer und lächelt.
Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Annemarie Lange wieder in Kirchberg, wo sie ab etwa 2012 im Pflegeheim am Borberg lebte. Ihr Zimmer mit Blick zum Borberg war schlicht eingerichtet: Ein Bett und drei kleine Schränkchen über Eck gestellt. Doch es blieb bis zuletzt ein Ort kreativen Schaffens. „Wenn ich sie besuchte, saß sie meist auf dem Bett mit ihren Arbeitsmaterialien: Papier, Stifte, Schere, Kleber und Werbehefte, aus denen sie passende Bilder und Texte ausschnitt und zu neuen Kompositionen zusammenfügte“, berichtet Brigitte Brode von den Kirchberger Kunstfreunden, die mit Annemarie und Liselotte Lange befreundet war. Um die hundert Collagen, Karten und Zeichnungen entstanden in den letzten Jahren ihres Lebens.
Auch im Pflegeheim blieb die enge Verbindung zu ihrer Schwester Liselotte bestehen, die auf derselben Etage wohnte.
Zu ihrem 90. Geburtstag wurde Annemarie Lange nochmals eine besondere Ehre zuteil: Anlässlich des Altstadtfestes 2015 zeigte eine Ausstellung im Kirchberger Rathaus einen Querschnitt ihres künstlerischen Schaffens. Kurz vor ihrem Tod übergab sie ihre gefertigten Puppen an Brigitte Brode Diese war damals Geschäftsführerin des Behindertenwerkes in Reinsdorf und Gründerin des Café Marie am Altmarkt. Seit der Eröffnung des Cafés sind die Figuren dort in einer Wandvitrine zu sehen und erinnern an das außergewöhnliche Talent ihrer Schöpferin.
Am 17. Juni 2016 verstarb Annemarie Lange. Wie ihre Schwester Liselotte hatte sie keine eigene Familie gegründet. Ihr künstlerisches Erbe trat ihre Nichte Uli Sporrer an, die bis heute Puppen nach dem Vorbild ihrer Tante fertigt. Doch die Nachfrage nach diesem traditionellen Kunsthandwerk ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. „Mich erreichen kaum noch Aufträge, obwohl noch Puppen und Rohlinge vorhanden sind“, erzählt sie. Mittlerweile hat sie sich mehr der Herstellung von Häkeltieren und -puppen gewidmet.
Die Erinnerung an Annemarie Lange lebt dennoch weiter. Ihre Puppen können im Café Marie besichtigt werden. Die von ihr geschaffenen Collagen wurden von Brigitte Brode bewahrt und der Stadt Kirchberg leihweise zur Verfügung gestellt. Anlässlich ihres 10. Todestages veröffentlichen wir einige Werke nun hier in den Kirchberger Nachrichten – als bleibende Würdigung einer kreativen, künstlerisch begabten und engagierten Frau, die das kulturelle Leben ihrer Heimat nachhaltig bereichert hat.
Katrin Uhlig,
Öffentlichkeitsarbeit