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Kirchberger Nachrichten
Ausgabe 8/2026
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Das verlorene Diktierbuch von Camillo Bräuer: Kunstfreunde holen einzigartiges Zeitzeugnis zurück nach Kirchberg

Die Kunstfreunde Carla Ebert, Brigitte Brode, Anja Roocke, Margit Otto und Iris Reiz übergaben das Buch an Bürgermeisterin Dorothee Obst, die es stellvertretend für die Stadt entgegennahm.

Es ist ein kleiner Schatz, den Anja Roocke behutsam in den Händen hält. Stolz überreicht sie das historische Büchlein im Namen der Kirchberger Kunstfreunde an Bürgermeisterin Dorothee Obst, die es stellvertretend für die Stadt Kirchberg entgegennimmt. Vor knapp 160 Jahren gehörte das Buch Camillo Bräuer – einer Kirchberger Persönlichkeit. Sein Name ist bis heute vielen in Erinnerung geblieben. Über mehrere Jahre hinweg begleitete ihn das kleine Diktierbuch durch sein bewegtes Leben. Nun ist dieses Stück Kirchberger Geschichte wieder in seine Heimat zurückgekehrt.

 

 

 

 

 

 

 

Wie das Buch einst aus Kirchberg verschwand, lässt sich heute nur noch vermuten. Wie es jedoch den Weg zurück in die Siebenhügelstadt fand, wird nach und nach klarer.

Im Jahr 2021 erhielt Ingrid Färber, ehemalige Mitarbeiterin des Kirchberger Bauamtes und inzwischen im Ruhestand, eine ungewöhnliche E-Mail. „Dana Baumgarten, eine Kollegin aus der Stadtverwaltung, schickte mir einen Link mit der Frage: Ist das echt?“, erinnert sie sich. Der Link führte zu einem Antiquariat im irischen West Cork. Dort wurde ein Manuskript mit Bezug zu Camillo Bräuer angeboten. Ingrid Färber begann zu recherchieren. Schnell stand für sie fest, dass das Buch echt ist und einen großen historischen Wert für Kirchberg besitzt. „Doch es war mit 1400 Euro schlicht zu teuer“, sagt sie. Gemeinsam mit Anja Roocke versuchte sie damals, Unterstützer für einen Kauf zu finden. Ohne Erfolg. „Auch die Stadtkasse war und ist klamm. Für so ein Buch blieb kein Geld übrig.“ Das Projekt schien zunächst gescheitert.

Anja Roocke jedoch ließ die Sache nicht los. Immer wieder suchte sie im Internet nach dem Buch. Anfang dieses Jahres dann die Überraschung: Der Preis war deutlich reduziert worden. „Ich habe noch einmal bei den Kunstfreunden nachgefragt“, erzählt sie. „Schließlich haben wir das Buch gemeinsam gekauft und den Erwerb über Spendengelder finanziert, die wir bei Veranstaltungen gesammelt hatten.“

 

 

 

 

 

 

 

Verkäufer des Buches war Holger Smyth, der seit mehr als 20 Jahren mit seiner Familie in Irland lebt und dort zwei Antiquariate betreibt. Ursprünglich stammt er aus Marburg. Vor rund neun Jahren hatte er das Diktierbuch gemeinsam mit weiteren historischen Büchern über ein deutsches Auktionshaus erworben.

Auch er erkannte schnell die Besonderheit des Fundstücks. „Es ist wirklich ein kleiner Schatz“, sagt Holger Smyth. Lange Zeit habe sich jedoch kein Käufer gefunden, weil der Preis vielen zu hoch gewesen sei. Schließlich entschloss er sich, das Buch günstiger anzubieten. „Wir bauen hier eine Bibliothek auf und brauchen jeden Euro“, erklärt er.

Dass Anja Roocke genau zu diesem Zeitpunkt erneut nach dem Buch suchte, war für ihn ein Glücksfall. „Wir haben lange telefoniert“, erzählt Holger Smyth. „Ich habe sofort gespürt, wie sehr sie für ihre Stadt und deren Geschichte brennt.“ Besonders beeindruckt habe ihn zudem ihr Engagement für den Schriftsteller Albert Sixtus, der ebenfalls in Kirchberg wirkte, und den er verehrt. „Da wusste ich: Das Buch kommt in die richtigen Hände.“

Nun ist das Diktierbuch von Camillo Bräuer wieder in Kirchberg angekommen. Der 1854 hier geborene Camillo Bräuer absolvierte zunächst eine Lehre als Tuchmacher und ging um 1868 auf Wanderschaft durch die deutschen Lande. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Einträge im Buch. Darin hielt er Briefe an seine Eltern, Verwandte und Bekannte fest. Zudem finden sich kleine Zeichnungen und persönliche Notizen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach seiner Rückkehr ließ sich Camillo Bräuer wieder in Kirchberg nieder. Im Mai 1878 heiratete er Anna Schaufuß, die Tochter eines angesehenen Tuchmachers. Aus diesem Anlass notierte er in seinem Diktierbuch detailliert, welche Gegenstände er mit in die Ehe brachte.

Später gab Bräuer das Tuchmacherhandwerk auf und widmete sich der Gastwirtschaft. Er führte unter anderem den „Bayrischen Hof“, war zeitweise Wirt auf dem Borberg und übernahm 1891 schließlich das Gasthaus „Zur Wiener Spitze“, das er zu einem beliebten Ballhaus mit Schüler- und Studentenherberge ausbaute.

Doch Camillo Bräuer prägte Kirchberg weit über das Gastgewerbe hinaus. Er war Mitbegründer des Gastwirtvereins Kirchberg und Umgebung, engagierte sich als Leistungsturner im Turnverein und wirkte von 1895 bis 1907 als Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Bis 1917 war er zudem Kirchbergs Branddirektor.

Besonders sein Interesse an der Stadtgeschichte machte ihn bis heute bekannt. Er verfasste zahlreiche Beiträge zur Kirchberger Geschichte und schrieb für die Sonderbeilage „Kirchberger Buntgewebtes“ der Kirchberger Zeitung. Daneben hielt er auch kleine Geschichten und Anekdoten in seinem Diktierbuch fest.

Nach vielen Jahrzehnten und einem ungewöhnlichen Weg über Irland ist dieses kleine Diktierbuch nun wieder dort angekommen, wo es hingehört: in Kirchberg. Damit dieser besondere Schatz bewahrt bleibt, haben die Kunstfreunde ihn bereits von Roland Reißig und mit Hilfe technischer Unterstützung durch das Chemnitzer Industriemuseum digitalisieren lassen. So können künftig viele Menschen virtuell darin blättern – und zugleich ein Stück Kirchberger Geschichte neu entdecken – ohne dass es zu Schaden kommt.

Das Diktier-Buch soll zum Altstadtfest am 3. Oktober im Gewölbegang des Meisterhauses Kirchberg ausgestellt werden – umrahmt von einer kleinen Ausstellung zu Camillo Bräuer. Daran wird gerade fleißig gearbeitet. Übrigens, im Textil- und Heimatmuseum im Meisterhaus wird es zum Altstadtfest eine Schau zum Thema kreatives Handwerk unter dem Motto „Von Hand geschaffen – mit Liebe gestaltet“ geben. Lassen Sie sich diese Ausstellungen nicht entgehen.

 

Katrin Uhlig,

Öffentlichkeitsarbeit