Im Garten mit der Geige.
Ja. so funkeln die Kristalle auf seinem Grabstein seit zehn Jahren auf dem Kolkwitzer Friedhof – stellvertretend für die zahlreichen Sternchen und Stars, denen er die Musik mit auf ihren Lebensweg gab. Er hat ja wohl die Musikszene in Kolkwitz, und nicht nur hier, geprägt wie kaum ein anderer, und Tochter Cornelia setzt sein Werk dankbar und engagiert fort.
Ja, so kennen wir ihn, Fritz Hans Bohg, auch liebevoll „Fiedel-Hänschen“ genannt, geboren am 18.8.1926 in Kolkwitz als Sohn des Schlossers Ernst Bohg und Frau Elisabeth, geb. Urban. So stand er immer vor uns, mit der Geige oder dem Akkordeon, oder er begleitete unseren Gesang auf dem Klavier, 89 Jahre seines aktiven, engagierten Lebens.
Aus einfachen Verhältnissen stammend, nutzte er erfolgreich die Möglichkeiten, die sich ihm boten; 1941 bis 44 Lehrerausbildung in Wollstein und Cottbus. Nach seinem Dienst als Soldat der Luftnachrichtentruppe kam er Ende 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft zurück und wurde als Schulamtsbewerber an der Grundschule Peitz eingestellt. Schon immer galt sein Interesse der Musik, und so besuchte Hans Bohg zwei Jahre lang das Konservatorium Cottbus neben seiner neuen Tätigkeit: Musikunterricht an der Kolkwitzer Schule, wo er 1952 seine Lehramtsprüfungen ablegte; zwei Jahre später im Berliner Institut für Musikerziehung die Fachlehrerprüfung für Musik. Er bildete sich außerdem in einem dreijährigen Spezialstudium als Chorleiter aus. Doch neben der Musik war auch die Mathematik seine Spezialstrecke, und so schloss er 1965 noch eine dreijährige Weiterbildung in dieser Richtung mit Erfolg ab.
Von 1957 bis 66 wirkte er als Stellvertretender Direktor an der Kolkwitzer Oberschule; ließ sich dann aber entlasten, um an der Schule so bedeutende Ensembles, wie einen Gemischten Chor, eine größere Instrumentalgruppe, das Folklore-Mädchenterzett und dann auch die Singegruppe (die erste in unserem Kreis) aufzubauen und anzuleiten, was er voller Herzblut tat: Zahlreiche Auftritte in vielen Orten brachten Anerkennung, sogar im Rundfunk und Fernsehen. 1969 nahmen Singegruppe und Terzett am Pfingsttreffen der FDJ und an den Arbeiterfestspielen in Karl-Marx-Stadt teil; erhielten die Ehrenplakette des Zentralen Ausschusses für Jugendweihe der DDR.
In diesen Ensembles war seine eigene, am 3.10.1951 geborene, Tochter Cornelia mit integriert; denn am 25.06.1949 war Hochzeit mit Elisabeth gewesen, die seine musikalischen Ziele voll unterstützte und viel Verständnis für seine Musikleidenschaft aufbrachte; ihm den Rücken dafür freihielt und auch durch kritische Haltung und das Nähen von Auftrittskleidung das Folkloreterzett voranbrachte.
Wir Mitglieder der Instrumentalgruppe und auch des Folkloreterzetts erinnern uns alle dankbar an die vielen Stunden der künstlerischen Herausforderung, die er in uns bewirkte; wo wir viel Neues lernten, geduldig und klug geführt wurden. Wir erinnern uns an das wunderbare Gefühl des Erfolges, des Beifalls und der Bestätigung für all unser Mühen; wie sind wir in unserer Persönlichkeit alle daran gewachsen! Und all die vielen Stunden schöner Freizeiterlebnisse in Gemeinschaft, denn Hans Bohg organisierte in den Ferien Ausflüge mit uns in verschiedene Jugendherbergen, z. B. Brotterode; da wurde viel gewandert und wir lernten unser Land kennen. Sein Lieblingsprojekt war das Terzett, das aus drei Mädchen bestand und mit den dreistimmigen Sätzen eine hohe Qualität und regionale Berühmtheit erlangte: Seine Tochter Cornelia, Ingrid Woisnitza und Elke Kaiser. Nach drei Jahren musste Ingrid 1971 wegen ihrer Berufsausbildung ausscheiden, und Christina Borisch sprang für sie ein. Das Terzett sang in einer Sopran- und zwei Altstimmen dreistimmige Volkslieder zur Begleitung von drei Gitarren; es erhielt mehrfach Auszeichnungen, machte Rundfunkaufnahmen beim Sender Cottbus und hatte auch einige Fernsehauftritte, u.a. bei „Herzklopfen kostenlos“ mit Heinz Quermann.
Elke Lange geb. Kaiser erinnert sich:
„Hans Bohg investierte eine Menge Zeit und Arbeitsaufwand in das Liedsuchen und Schreiben der Gesangssätze, auch in die Proben. Auf das Terzett richtete er sein Hauptaugenmerk; wir probten manchmal aus Zeitgründen sogar am Sonntagvormittag. Seine pädagogischen Fähigkeiten, seine Geduld im Umgang mit drei pubertierenden Mädchen ließen ihn so manche Situation ertragen, wie z.B. unser Herumalbern bei Proben, wenn wir vor Lachen nicht singen konnten – dann verließ er das Musikzimmer und kam wieder rein, wenn wir uns beruhigt hatten. Oder als er uns bei großem Schneegestöber mit seinem Trabi zum Sorbischen Festival nach Bautzen fuhr und wir auf den Rücksitzen Tumult machten; lachten und sangen und die Autoscheiben bemalten, was nicht mal die Autowäsche weg bekam. Da gab es keine Ermahnungen; er akzeptierte uns so, wie wir waren; wir konnten authentisch bleiben.“
Ingrid Hoffmann geb. Woysnitza schreibt:
„Hans Bohg war uns immer Vorbild – als Mensch und als Musiker. Er war bescheiden, hat sich nie in den Vordergrund gedrängt oder Aufmerksamkeit eingefordert; er hat durch Fachkompetenz überzeugt und somit Respekt bekommen. Er hat in mir die Liebe zur Musik und zur Natur geweckt, denn wir machten ja viele Fahrten zu den Auftritten und auch Ausflüge. Ich musste zum Üben immer einen kleinen Schubs bekommen; daran bin ich als Persönlichkeit gewachsen. Ohne Fleiß kein Preis – das hieß üben, üben, üben, bis es perfekt war. Man hätte uns in der Nacht wecken können und einen Titel nennen: Wir hätten ihn sofort drauf gehabt; kannten alle wie im Schlaf. Aus der Pflicht wurde Freude und wir haben an uns selbst hohe Maßstäbe gesetzt, weil er uns das beigebracht hat. Durch seine auf uns perfekt zugeschnittenen Gesangs-Sätze für jedes Lied wurden wir erfolgreich, schwammen sozusagen über Jahre auf der Erfolgswelle und räumten Preise ab, nachdem wir an verschiedenen Ausscheiden in Cottbus-Stadt und -Land teilgenommen hatten. Einmal allerdings sollten wir einen Dämpfer bekommen: Er fuhr uns ins Gladhouse, zu einem Vorausscheid für `Herzklopfen kostenlos´ und ließ uns scheitern, um daraus zu lernen.
Auch Jugendweihen gestalteten wir mit. Von ihm haben wir gelernt, zuverlässig und ehrlich zu sein und in einer Gemeinschaft klarzukommen.“
In ähnlicher Weise äußerten sich auch seine Tochter, Cornelia Bohg sowie Christina Schulz geb. Borisch, die nach dem Ausscheiden von Ingrid mitwirkte:
„Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Auftritt mit dem Terzett auf dem Festplatz in Burg. Im Rahmen einer Folkloreveranstaltung standen wir mit unseren drei Gitarren auf der großen Freilichtbühne und sangen zwei Lieder: „Ein Jäger jagt ein wildes Schwein“ und „Und wieder blühet die Linde“. Ich war tierisch aufgeregt, aber alles lief gut und von da an war das Eis gebrochen. Wir traten regelmäßig bei Veranstaltungen des Ensembles „Cottbus Land“ auf, zu dem auch die Kurt-Rotter-Combo, das Artistenduo des Burger Sportlehrers Werner Kreuzberger mit seiner zauberhaften Assistentin Monika bzw. später die Artistengruppe Die drei Reinhards gehörten. Die Band hatte beeindruckende Solosängerinnen: Rosi Querfurt mit ihrem bewegenden Chanson, dem Anti-Kriegs-Song „Die Rose war rot“, und später Edith Kambor mit: „An jenem Tag, mein Freund“ und „Wunder gibt es immer wieder“. Auch Moderator Ulli Monden begeisterte das Publikum ab und zu musikalisch mit seiner sehr schönen, tiefen Stimme, und seinen Song „Butterfly“ von Daniel Gera sang er voller Inbrunst. Das war 1972, auf unserer Tournee durch Ungarn, die wir voll genossen, denn dieses Land hatte damals schon westliche Züge, man konnte bestickte Folkloreblusen kaufen, Pullover; Ledertaschen und Südfrüchte.“
Das große kulturelle Engagement von Hans Bohg bewirkte Ausstrahlung, und so wurde er an die Pädagogische Schule für Kindergärtnerinnen in Cottbus berufen; war Leiter der Fachgruppe Musik und Vorsitzender der Schulgewerkschaftsorganisation und leitete dort auch den Kammerchor. Dort wurde er auch 1972 als Oberlehrer und 1977 als Studienrat ausgezeichnet.
Noch viele Ehrungen erhielt Hans Bohg in seinem Werdegang: Aktivist der Sozialistischen Arbeit; Pestalozzi-Medaille in Bronze, Silber, Gold; Medaillen für ausgezeichnete Leistungen; Dr.-Theodor-Neubauer-Medaille in Bronze und Silber sowie zahlreiche Ehrungen zu Jahrestagen; auch für sein Engagement in der Gemeinde Kolkwitz. Und er blieb auch nach seinem Ausscheiden aus der Berufslaufbahn einsatzbereit für die Sache der Musik: Begleitete die Singe-Nachmittage im Seniorenclub; spielte zur Gymnastik der Hausfrauen- Sportgruppe.
Er hat uns allen einen wunderbaren Schatz hinterlassen: Wissen und Liebe zur Musik; Verantwortungsbewusstsein für eine glühende Passion. Schaut euch um in unserem Dorf: Überall werdet ihr seine Spuren finden, ob in Schule, Kita, Volkschor, Kirche, Karnevalsverein; Posaunenchor ... fast alle waren wir seine Schüler; tragen seinen Sternenstaub weiter ...
... Und vor allem tut das seine Tochter Conny, die auch überall ist, wo ihre Musikalität gebraucht wird: Als Musikpädagogin für Instrumentalunterricht ihrer Privatschüler; als Chorleiterin für den Kunersdorfer Volkschor; auch im Seniorenclub, und besonders wichtig: Als Organistin in unserer Kirche sowie der Friedhofskapelle: Sie ist ständig präsent! Und hat in ihrer Nachfolge Tochter Adina; ebenfalls Musiklehrerin und Musikerin, mit Partner und mit Mara, die ihrerseits der Oma Conny genauso Ehre macht – in musikalischer sowie auch tänzerischer Richtung: Beim KCC! Und so schließt sich der Kreis! Der Stern von Hans, er hat nicht nur den Himmel, sondern auch unser aller Leben reicher und schöner gemacht!