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Mitteilungsblatt Kamenz - Ihre Heimat- und Bürgerzeitung
Ausgabe 4/2019
Amtsblatt
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Lessing-Preisverleihung am 21. Januar in Kamenz

Bei der Eintragung ins „Goldene Buch“: Im Vordergrund Lessing-Preisträger Marcel Beyer; stehend (v.l.n.r.) Staatsministerin Dr. Eva-Maria Stange, die Förderpreisträgerinnen Anja Kampmann und Bettina Wilpert sowie Oberbürgermeister Roland Dantz.

Lessing-Preisträger und Staatsministerin trugen sich in Goldene Buch ein

Wie immer zur Preisverleihung war der Ratssaal mit Lessing- und Literaturfreunden gefüllt, die mit Spannung den Reden der Laudatoren und Lessing-Preisempfänger entgegensahen. Und sie sollten nicht enttäuscht werden, waren doch wieder die unterschiedlichsten Herangehensweisen sowohl der Laudatoren als auch der Lessing-Preisträger selbst sowie der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, zu erleben.

Vor Beginn hatten sich der Lessing-Preisträger Marcel Beyer, die Förderpreisträgerinnen Anja Kampmann und Bettina Wilpert sowie die Staatsministerin bei einem kleinen Empfang des Oberbürgermeisters ins „Goldene Buch der Stadt Kamenz“ eingetragen.

In seiner Begrüßung anlässlich der Lessing-Preisverleihung führte Oberbürgermeister Dantz aus, dass heute die 14. Verleihung des Lessing-Preises des Freistaates in Kamenz stattfindet, worauf man sehr stolz ist, sowie auf 52. Lessing-Tage in Kamenz zurückgeblickt werden kann. In seiner kurzen Ansprache erwähnte der Oberbürgermeister, dass es gelungen sei, die über fast 100-jährige Schultradition am Standort Henselstraße – Lessingschule – im historischen Schulgebäude mit dann einem modernen Anbau zu erhalten. Dazu haben viele beigetragen, nicht zuletzt der Freistaat. Kamenz wächst zum einen wirtschaftlich, was die erreichten 1000 und anvisierte 1500 Arbeitsplätze bei der Accumotive zeigen. Zum anderen wird auch der Strukturwandel in der Lausitz, der durch den geplanten Ausstieg aus der Braunkohle weiter forciert wird, seine Wirkungen zeigen, wenn er nicht entsprechend abgefedert wird. Mit diesen Anmerkungen rückte der Oberbürgermeister die Lessing-Preisverleihung in aktuelle städtische und regionale Entwicklungen. Insgesamt freue er sich, auch während der Kamenzer Lessing-Tage wieder andere Perspektiven kennen zu lernen, über die es sich lohnt, ins Gespräch zu kommen und zu debattieren. Eine Art des Umgangs, dessen es nicht nur bei literarischen Gegenständen und Debatten bedarf, sondern auch in anderen Kontexten, wie man anmerken möchte.

Gleich zu Beginn ihres Redebeitrages betonte Dr. Eva-Maria Stange, dass sie als Staatsministerin gern in Kamenz geweilt habe und auch gern die Grüße des Ministerpräsidenten überbringt. Damit verbunden war die Neuigkeit, dass sowohl der Lessing-Preis als auch die Förderpreise ab sofort erheblich höher dotiert sind. Mit der Verleihung des Lessing-Preises kommt jetzt dem Empfänger ein Betrag von 20.000 EUR zugute, bei den Förderpreisen sind es jeweils 7.500 EUR. Dabei gehe es nicht nur ums Materielle für die Künstler, sondern auch um die Wertschätzung und Bedeutsamkeit von Kultur, Kunst und Literatur an sich. Gerade hier sei ein Bereich, der sich nicht den Vorgaben von Staat und Ökonomie anpassen oder beugen dürfe. Kultur, Kunst und Literatur müssen auf ihre ästhetischen Eigenarten beharren. Sie dürfen, führte die Staatsministerin aus, nicht Propaganda sein, sondern müssen den „eigenen Ton“ treffen. Es geht um Authentizität, auch wenn menschliche, gesellschaftliche Belange oder auch Tabus künstlerisch behandelt oder verhandelt werden. Da kann es und muss es vielleicht auch wehtun, aber zugleich gefallen. Auch unter dieser Hinsicht habe das Kuratorium eine sachkundige Entscheidung zu den diesjährigen Preisträger getroffen, wofür ihm zu danken sei.

Nach dem Verklingen von Beethovens 1. Satz „Allegro vivace e con brio“ hielt Helmut Böttinger die Laudation auf Anja Kampmann. 1983 in Hamburg geboren, studierte sie an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte literarische Beiträge und wurde u. a. 2013 mit dem MDR-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig. Beim Hanser-Verlag erschienen ihr Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ sowie 2018 ihr Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“. Der Laudator lobte das Debütwerk, welches nicht nur ein Roman sei, sondern ein großes Gedicht – hautnah und plastisch geschrieben. Es komme dabei weniger auf „eine nacherzählbare Handlung an, sondern auf die Atmosphäre und die Worte“, mit denen die Identitätsfindung der vom Alter her gesetzten Hauptfigur Waclaw, die auf einer Bohrinsel arbeitet und durch einen Schicksalsschlag gezwungen ist, über sein Leben zu reflektieren, beschrieben wird. Gerade die „Atmosphäre und die Worte“ führen „zu einer Entgrenzung, die nicht nur in der Literatur gerade heute befreiend wirkt.“

In ihren Dankensworten gab Anja Kamphausen an, dass sie über Hannah Arendt, eine jüdisch-deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin, Lessing kennengelernt habe. Sie bezog sich dabei besonders auf deren Rede 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg und der dortigen Hervorhebung des Selbstdenkens. Lessing sei nicht nur ein Intellektueller, sondern ein Autor mit Mut und Herz beim Schreiben gewesen. Sie beendete ihren Dank mit einem Zitat von Hannah Arendt und einen Selbstappell: „,Warum ist es so schwer die Welt zu lieben? Vielleicht im Erzählen, wo Schönheit und Abgründigkeit so nahe beieinander liegen, ist der Ort für ein solches Fragen. Warum ist es manchmal so schwer die Welt zu lieben? Und wie viele Antworten hätten wir, von welchen Erfahrungen lässt sich da sprechen, aus welchen Blickwinkeln?‘ Also erzählen wir. Weiter.“

Für die Förderpreisträgerin Bettina Wilpert hielt Professor Dr. Daniel Fulda die Laudatio. Bettina Wilpert, Jahrgang 1989, Studium der Kulturwissenschaft, Anglistik und des Literarischen Schreibens in Ostdeutschland machte mit ihrem Buch „nichts, was uns passiert“, ebenfalls ein Debütroman, auf sich aufmerksam, zusätzlich „befeuert“ durch die #MeToo-Debatte. In diesem Roman schildert die junge Autorin die unverbindlichen Lebensentwürfe ihrer beiden Hauptprotagonisten Jonas und Anna, die durch den Vorwurf einer möglicherweise stattgefundenen Vergewaltigung von Jonas an Anna in die Krise geraten. Ob im Leben, in der Liebe oder im Beruf – es dominiert „Unverbindlichkeit“ als Lebenseinstellung mit einem Offenhalten aller Optionen. Dem korrespondiert eine Erzählweise aus der Sicht des jeweiligen literarischen Akteurs mit „unterschiedlichen und nicht selten gegensätzlichen Blickwinkeln, und niemand erklärt, wer Recht hat.“ Damit ist der Leser oder die Leserin radikal gefordert, den Versuch zu unternehmen, Eindeutigkeit für sich zu gewinnen – ein Versuch, der vielleicht auch zum Scheitern verurteilt ist, obwohl Bettina Wilpert hier und da Spuren „legt“, die einer Vereindeutigung der Situation dienen könnten, ohne aber dem Leser ein bestimmtes Situationsbild zu liefern. Die Verfasstheit des Romans selbst, so der Laudator, ist also ein Sinnbild für eine „plural perspektivierte Welt“ und den damit verbundenen Schwierigkeiten.

Bettina Wilpert dankte in ihrer kurzen Rede besonders ihrem Verlag, aber auch der Familie und den Freunden, die sie auf diesem Weg begleitet und getragen haben. Sie lebe seit fünf Jahren in Leipzig, es gefällt ihr hier und sie würde gern als Lehrerin für Deutsch und Englisch hier arbeiten. Noch einmal an die Worte der Staatsministerin anknüpfend, freute sie sich über das Statement der Ministerin hinsichtlich der Unabhängigkeit von Literatur und Kunst. Damit sei auch der Förderpreis und dessen finanzieller Aufwertung eine Möglichkeit, als freie Schriftstellerin unabhängig zu schreiben. Politisch gesehen und in Bezug auf ihr Studium und ihre Lehramtszeit sehe sie ein von der AfD bestimmten Lehrplan als äußert problematisch an, ja es wäre ein Grund für sie zu gehen. Eine Position, die vielleicht nicht von jedem im Saal geteilt wurde, der vielleicht dachte, man müsse Widersprüche und Konfliktlagen thematisieren, aber auch aushalten. Der Schlusssatz von Bettina Wilpert: „Freiheit ist keine Metapher.“

Olaf Nicolai, promovierter Germanist, Konzeptkünstler und seit 2011 Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Akademie der Bildenden Künste München, hielt die Laudatio auf Marcel Beyer. Sie folgte keinem inhaltlichen-äußeren Ablauf, sondern bestand mehr aus Gedankensplittern und Zitaten, die das Werk Marcel Beyers umspielten bzw. dessen Preis- und Kunstwürdigkeit zu ergründen oder besser zu begründen versuchten. Dies wich von herkömmlichen Laudationes eher ab und war in ihrem sprunghaft-reflexiven Stil eine große Herausforderung an die Zuhörer. Zusammenfassend könnte man sagen, dass es um die Kunstfertigkeit oder – um mit der Staatsministerin zu sprechen –, um den „besonderen Ton“ ging, den ein Kunstwerk oder ein literarisches Gebilde aufweisen muss, wenn es als solches bezeichnet werden kann und was Olaf Nicolai bei Marcel Beyer in mehrfacher Hinsicht erfüllt sieht. Dabei macht Olaf Nicolai auch auf die Erfahrungen von Marcel Beyer auf dem Gebiet der Musik aufmerksam; dieses musikalische Erfahrungswissen bestimme auchMarcel Beyers poetisches Schaffen. Im Übrigen sieht Olaf Nicolai im Lessing-Preisträger weniger den Romanautor, den Essayisten oder den Lyriker, sondern für ihn ist er ein Poet, der mit dem besonderen Material „Sprache“ virtuos umzugehen weiß. Er bescheinigt seinen Texten Musikalität, die er aber nicht vereinfacht dem Poeten zuordnet, sondern gerade auch in der Beherrschung der literarischen Techniken begründet sieht. Es ist nicht gefühliges Herausfließen von Sprache, sondern u.a. die souveräne Beherrschung der Techniken, die grundlegend für das Werk von Marcel Beyer ist. Dabei gibt es Beyer keinen Gegensatz von Wissen und Poesie oder ein Poesieschaffen, dass dem Wissen etwas hinzuzufügen hat, vielmehr thematisiere Marcel Beyer einen Poesie“begriff“, in dem es darum geht, „über das Maß der eigenen Vorstellungskraft hinauszugehen.“ In diesem Zusammenhang sowie seine Laudatio abschließend zitierte – mit Blick auf den Poeten Marcel Beyer –den österreichischen Wortkünstler H. C. Artmann aus seiner „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen.“

Höhepunkt des Abends war zweifellos die Dankrede von Marcel Beyer, in der die Zuhörer hörbar den Umgang von Marcel Beyer mit der Sprache, auch die ihm bescheinigte Musikalität oder den Klang der Worte erleben konnten. Sie war ruhig vorgetragen ein Hörgenuss. Zunächst bemerkte Marcel Beyer, dass er es nicht geglaubt hätte, dass er nach der Verleihung des Förderpreises (1999) aus dem heutigen Anlass noch einmal in Kamenz weilen würde. Und es ist ja auch ein Novum, dass ein Förderpreisträger Jahre später den Lessing-Preis des Freistaates erhält. In seiner Dankesrede nahm er einen Besuch des Osterreiten in der Oberlausitz als Anlass, um aktuelle Fragen der Integration vor dem Hintergrund Ostdeutschlands zu verhandeln und um das Verhältnis Fremde und Einheimische sowie deren Reaktionen aufeinander zu thematisieren. Ausgangspunkt ist dabei ein scheinbar zufällig gehörter Satz beim Osterreiten, der da lautete: „Aber wenigstens ist hier der Ausländeranteil ja relativ gering.“ Er ist dann die Grundlage, um ein düsteres Bild, ein zu düsteres Bild von der Oberlausitz zu malen, sicher in der guten Absicht, auf aktuelle Vorgänge aufmerksam zu machen, die ja zweifellos stattfinden. Denn über die Verschränkung der zwei Kulturen, die der Deutschen und die der Sorben, ohne die es nach Beyer auch den lessingschen Toleranzbergriff nicht geben könnte, mit der der eigenen Familiengeschichte des Preisträgers, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Biehla und Deutschbaselitz begann, sowie dem Unglück, was Nathan widerfahren ist, charakterisiert er die Oberlausitz bzw. Sachsen: „Zu viel dunkles Erbe aus den zurückliegenden Jahrzehnten, dunkles Erbe aus dem langen zwanzigsten Jahrhundert. Zu viele Erinnerungen daran, wie man einander belauert hat, wie man zu Mißtrauen erzogen wurde oder sich angesichts eigener Erfahrungen selbst zu Mißtrauen erzogen hat. Zu viel Feigheit mit Blick auf das eigene Fortkommen, zu viel Feigheit mit Blick auf das eigene Überleben. Dort draußen sprichst du so, zu Hause sprichst du so. Und laß dich nicht erwischen. Laß dir nicht beim Denken zuhören. Hör nicht mehr zu. Denk immer daran: dein Mitmensch könnte dein Gegner sein.“ Um dann mit der in Fragen formulierten Mutmaßung fortzufahren: „Noch weniger weiß ich, ob sie nicht auch von Vorahnungen getrieben waren, von dunklen Vorahnungen im Blick auf ihre Entfaltungsmöglichkeiten, auf die Möglichkeiten, der räumlichen Enge eine geistige Weite entgegenzusetzen, als sie Deutschbaselitz in der Oberlausitz und Voigtsberg im Vogtland und Großolbersdorf und Zschopenthal im Erzgebirge, Possendorf, Chemnitz und Dresden den Rücken kehrten.“ Dies gipfelt dann in der Frage, ob Lessing heute, wenn er aus der Fremde zurückkehren würde, ein Fremder in diesem Landstrich wäre. Marcel Beyer: „… würde man ihn auf der Straße schneiden, würde man vor seinen Gästen aus der Fremde ausspucken, würde man ihm, wenn unter seinen engsten Freunden Sorben wären, einen Davidstern auf die Haustür schmieren? Würde man auf sein Wohnhaus schießen, ihm das Theater anzünden? Ich weiß es nicht. Doch es gibt mir einen Stich im Herzen, wenn ich mir solche Fragen stelle, hier, wo meine fernen, fernen Vorfahren gelebt haben, in einer Gegend, die mir auf fremde Weise nah ist.“

Man kann sicherlich, ob solch einer Charakterisierung schockiert sein und ihr in dieser Zuspitzung nicht folgen. Man kann aber auch, die ohne Zweifel ehrenvolle Absicht des Warnens als Impuls aufnehmen, sich Absichten entgegenzustemmen, die Verhältnisse wollen, die genau das Gegenteil von Weltoffenheit sind – und damit ist beileibe nicht das Beharren auf oder Bewahren von Regionalität gemeint. Marcel Beyer ist ein würdiger Lessing-Preisträger, der ein Angebot zur Diskussion gemacht hat, über das sich – ganz im lessingschen Sinne – trefflich streiten lässt.

Der würdige musikalische Rahmen für die Preisverleihung wurde von den drei Schülern des Langdesgymnasium für Musik in Dresden – Nikolaus Branny (Klavier), Charlotte Herold (Violine) und Franziska Griese (Violoncello) mit Stücken von Ludwig van Beethoven und Antonín Dvořák gestaltet.

Wer die Festrede von Marcel Beyer nachlesen möchte, findet sie auf der Website der Stadt Kamenz.

Th. Käppler
Referent