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Klingenthaler Stadtanzeiger
Ausgabe 1/2026
Sonstiges
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Stadtgeschichte(n): Die Böllerschanze - Eine Vision wurde wahr

Am 21. Dezember 2025 jährt sich der offizielle „Jungfernsprung“ auf der größten Schanze Klingenthals zum 20. Mal. An jenem Nachmittag kurz vor Weihnachten des Jahres 2005 wagte eine Gruppe Skispringer des Stützpunktes Klingenthal, allen voran Kevin Röder den Sprung von der neuen Großschanze in der Vogtland Arena. Wenig später wurde daraus die Sparkasse Vogtland Arena, seit dem Weltcupwochenende am 12. bis 14. Dezember 2025 trägt das Bauwerk nun endlich jenen Namen, welchen die Klingenthal von Anfang an für die Schanze vorgesehen hatten: „Harry-Glaß-Schanze“. In wenigen Wochen jährt sich der Medaillengewinn des Klingenthalers zu den Olympischen Spielen in Cortina d`Ampezzo 1956 zum 70. Mal. Sein dritter Platz im Skispringen machte ihn zu einer lebenden Legende.

Weit weniger bekannt ist, dass an etwa jener Stelle, an welcher heute die Schanzenanlage der Sparkasse Vogtland Arena steht, bereits in den 1930er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Großschanze geplant war. - Und Großschanze ist in diesem Fall tatsächlich wörtlich zu nehmen:

Die Böllerschanze sollte als ein Teil von „Bad Mittelberg - die Metropole im Wintersportgebiet Klingenthal Aschberg“ in die Geschichte eingehen. „Es ist wirklich an der Zeit Überragendes zu schaffen, (…).“ heißt es eingangs beim Verfasser des Manuskripts, dem Klingenthaler Howard Willie Meisel. Er legte 1932 dem Gemeinderat von Brunndöbra ein Konzept vor, in dem der Klingenthaler Ortsteil und das Gebiet rund um den Mittelberg zu einem international bekannten touristischen Anziehungspunkt geformt werden sollte. Die Bezeichnung „Böllerschanze“ hatte Meisel nach eigenen Angaben „nur der leichteren Bearbeitung halber gewählt“.

Als größter Werbeträger im Konzept diente der Wintersport. Deshalb hatte der Verfasser des Konzepts neben einem Erholungsbad und zahlreichen gastronomischen Einrichtungen auch eine Großschanze erdacht, die etwa in der Gegend errichtet werden sollte, an der sich heute auch die Sparkasse Vogtland Arena und das Gewerbegebiet an der Falkensteiner Straße befinden. Meisel hatte die Vision, dass Klingenthal in Konkurrenz gegen die Olympiabewerbung von Garmisch-Partenkirchen, dem tatsächlichen Ausrichter der IV. Olympischen Winterspiele von 1936 treten würde.

Als Mammutschanze mit Rekordweiten von bis zu 200 Metern sollte die Böllerschanze in die Geschichte des Skisports eingehen. Bedenkt man, dass der damalige Rekord im Skispringen bei gerademal 84 Metern lag, ein kühnes Ziel, denn die Ausrüstung der Skispringer war längst nicht so sicher und belastbar wie heute.

Geplant war im Brunndöbraer Staatsforstrevier ein Naturanlauf, der bei Bedarf bis auf 495 Meter(!) erweiterbar gewesen wäre. Alternativ hatte Meisel einen Anlaufturm nach dem Vorbild der C.A. Seydel – Schanze ins Auge gefasst. Wohl jene Vorstellung zog der Maler W. Häberle in seiner Kunstversion zur besseren Veranschaulichung vor. Das Ölbild, welches das Musik- und Wintersportmuseum aus Privatbesitz erwarb, trägt auf der Rückseite das Siegel des Auftraggebers an den Maler: Der Stadtrat Klingenthal bestätigte damit auch seine wohlwollende Absicht, der Vision eine Chance zu geben.

Doch nicht nur die Länge des Anlaufes hätte bei den Skispringern vor Erreichen des Absprunges für Muskelkrämpfe gesorgt, sondern auch die Dimension an sich: Der Gefahr für den Skispringer auf der „Böllerschanze war sich Meisel durchaus bewusst, immerhin war auch der Standort für ein „Sanitätsauto“ vorgesehen. Im Ölbild als kleines schwarzes Auto mit rotem Kreuz in der rechten unteren Ecke verewigt.

Während Bürgermeister und Kommunalparlamente im klingenden Tal das Projekt der Schanze samt seines Kurortumfeldes auch als Wirtschaftsmotor für den Tourismus befürworteten, machte die Forstverwaltung nicht nur buchstäblich einen Strich durch die Rechnung: Da allein für den Schanzenbau erhebliche Mengen wertvollen alten Baumbestandes hätte abgeholzt werden müssen, verweigerte sie die Einwilligung. An deren Widerspruch scheiterte das Konzept schließlich unmittelbar nach seiner ersten Veröffentlichung und geriet mit der Vergabe der Olympischen Spiele an Garmisch-Partenkirchen schnell wieder in Vergessenheit. Sowohl die Absage der Forstverwaltung, als auch das Konzept des Howard Willie Meisel befinden sich im Fundus des Musik- und Wintersportmuseums Klingenthal.

Mit der modernen Schanzenanlage am Schwarzberg wurde die Vision rund 70 Jahre nach dem Konzept Böllerschanze doch noch wahr. Harry Glaß machte mit seinem olympischen Medaillengewinn 1956 die Leidenschaft der Klingenthaler weltbekannt, das wertvolle Klangholz wurde 2003 gerodet, schwingt nun tatsächlich in neuen vogtländischen Geigen und die Bilder der Live-Übertragungen der Skispringen am Schwarzberg werden heutzutage in der ganzen Welt gesehen. Vielleicht war die Zeit damals noch nicht reif für die kühnen Ideen des Howard Wilie Meisel, vielleicht brauchte es tatsächlich diesen Medaillenerfolg und wieder - wie schon damals - die Suche nach einer wirtschaftlichen Alternative zur schwächelnden Musikinstrumentenindustrie – alles hat seine Zeit….

Xenia Brunner