Die Übersetzung des Untertitels: „Noch hat man nicht das Recht, die Leute zu töten, die dieses Instrument spielen; aber man muss hoffen, dass das kommen wird.“
Eine Karikatur aus einem Pariser Satire-Magazin des Jahres 1865 zeigt einen Mann mit Akkordeon. Der Untertitel lautete so: „Noch hat man nicht das Recht, die Leute zu töten, die dieses Instrument spielen; aber man muss hoffen, dass das kommen wird.“
Aber ganz im Gegenteil gelang diesem Instrument ein weltweiter Siegeszug. Heute ist das Akkordeon, auf das die Patentanmeldung 1829 in Wien durch Cyrill Demian und seiner Söhne lautete, in nahezu allen Ländern der Erde ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens.
Diesen Erfolg verdankt das Instrument auch seiner Variantenvielfalt: Noch im 19. Jahrhundert eroberte es in der Form einer Wiener Harmonika mit der Schrammelmusik kleine Gastwirtschaften, irische Soldaten spielten Deutsche Harmonikas in den Schützengräben des 1. Weltkriegs, mit der Konzertina in den Händen konnten Textilarbeiter im Raum Chemnitz ihren harten Arbeitsalltag vergessen und ganz Argentinien tanzte um 1920 seinen Tango nach den Klängen des Bandoneons. Während in den 1950er Jahren Shanty-Chöre in Begleitung eines Pianoakkordeons ihr Publikum zum Schunkeln brachten, begann das chromatische Akkordeon mit all seinen Klangfarben auch als Konzertinstrument die großen Bühnen dieser Welt zu erobern.
Spätestens seit 1852 haben Instrumentenmacher aus dem Raum Klingenthal maßgeblichen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte. Zeitweise deckte die Produktion aus dem klingenden Tal mehr als die Hälfte des Weltbedarfs. Das Jubiläum „170 Jahre Akkordeons aus Klingenthal“ ist also ein Anlass, zu dem wir mit einem stolzen Lächeln auf das Vergangene zurückschauen können. Es ist aber auch ein unermesslicher Schatz an Wissen und Erfahrung, welchen uns unsere Vorfahren für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft hinterlassen haben.
Ob ein Musiker wegen des Spiels auf dem Akkordeon jemals persönlich zu Schaden kam, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich hat das Akkordeon selbst die hartnäckigsten Kritiker in seinen Bann gezogen, frei nach dem Motto:
„Nicht was der Zeit widersteht, ist dauerhaft,sondern was sich klugerweise mit ihr ändert!“
Geändert hat sich inzwischen viel: Längst ernährt das Akkordeon in Klingenthal nicht mehr große Teile der Bevölkerung, doch kleine aber feine Manufakturen fertigen verwandte Instrumente wie Konzertinas und Bandoneons. Gerade letzteres erlebte einstmals ebenfalls eine herbe Zäsur: In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Instrument in Carlsfeld und Klingenthal nicht mehr gefertigt, das einstige Volksinstrument war schlichtweg aus der Mode gekommen. Mit der politischen Wende aber schwappte die Bewegung des Tango nuevo auch ostwärts, die legendären Instrumente von Alfred Arnold und Co erlebten ein Revival. Wer also will behaupten, dass es nicht doch eines Tages auch wieder eine spürbare Belebung der Akkordeonherstellung gibt? Verdient hätte es das Instrument des Jahres 2026 allemal.
Klingenthal widmet dem Akkordeon deshalb in diesem Jahr eine Veranstaltungsreihe. Nach Konzerten mit dem Altenburger und Klingenthaler Akkordeonorchester folgt nun ein „Sommernachtstraum“ am Freitag, den 4. September 2026 um 19 Uhr im Musikpavillon. (Schlechtwetterausweichtermin: Samstag, 5. September 2026).
Dass noch um 1860 häufig auf solchen „Arm-Harmonikas“ gespielt wurde, zeigt die Karikatur von H. Daumier, die im Dezember 1865 in einem Pariser Satire-Magazin veröffentlicht wurde.