Teil 2:
von Ralf Schade
____________________________________________________________
Quellen für diesen Beitrag sind: StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 75 und StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 64.
Fortsetzung des Vertragstextes aus dem letzten Stadtanzeiger
„L i t v i n o v :
a) Der Nationalausschuß leitet zwei Betriebe und zwar den Technischen Dienst /Technicke sluzby/ und den städtischen Wohnungsbetrieb /Mestsky bytovy podnik/.
Der Technische Dienst sorgt für die Sauberkeit der Stadt und der in der Nähe gelegenen Ortschaften. Der Wohnungsbetrieb sorgt für 5000 Wohnungen samt der Wohngegend in dem Bereich des Erzgebirges. Der Arbeitsumfang beider Betriebe ist ziemlich groß. Die Belegschaft hat sich verpflichtet, den Jahresplan zum 10. Dezember 1964 zu erfüllen.
b) Die Landwirtschaftskommission hat die Aufgabe, brachliegenden Boden zur Bearbeitung an das Staatsgut zu übergeben. Sie organisiert Brigadenhilfe für das Staatsgut. Die Angestellten und die Funktionäre des Nationalausschusses verpflichten sich, 2000 Brigadestunden im Staatsgut zu leisten.
c) Der Wohnungsbetrieb in Litvinov hat 706 Häuser den Bewohnern in die sozialistische Pflege übergeben. Zu Ehren des 20. Jahrestages der Befreiung werden weitere 25 Häuser übergeben. Auch die geplanten Reparaturen und Überholungsarbeiten werden mit Hilfe der Bewohner um 400 000 Kcs übererfüllt. Die Hilfe der Bewohner bei den Überholungsarbeiten wird in den nächsten Jahren weiter verbreitet.
3. Erziehung und Kultur
L e u n a :
a) In der Stadt Leuna gibt es eine Ganztagsschule mit 410 Schülern, wo auch eine Spezialklasse für Meß- und Regeltechnik ausgebildet wird. Außerdem haben wir eine Oberschule mit 1 350 Schülern und insgesamt 78 Lehrern und Erziehern. Um den Einfluß der Arbeiterklasse auf die Erziehungsarbeit zu verstärken, sollen alle Klassen Patenschaften mit Betrieben und der Betriebsberufsschule der VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ abschließen, um beim polytechnischen Unterricht gute Unterstützung zu erhalten. Die ständige Kommission für Volksbildung und andere geeignete Einwohner sollen zur Verbesserung der Disziplin und Lernergebnisse durch Schulbesuche und Hospitationen einen fördernden Einfluß auf die Kinder ausüben.
Weiter ist den 4 Kindergärten durch die Schuldirektoren bei der vorschulischen Erziehung größte Unterstützung zu geben.
b) Durch das Klubhaus der Werktätigen und das Klubhaus der Jugend und Sportler ist die Kulturarbeit im Stadtgebiet mit der FDJ und der Betriebssportgemeinschaft weiter zu verstärken und Kinder, Jugendliche sowie Erwachsenen sind für die Selbstbestätigung in Kultur- und Sportgruppen sowie für die Zirkelarbeit zu gewinnen.
L i t v i n o v :
a) Im Jahre 1965 wird die Spartakiade veranstaltet. Diese außerordentliche Sport- und Kulturaktion wird von der Schul- und Kulturkommission aufs Beste vorbereitet.
b) Die zweite große Aufgabe dieser Kommission ist die Vorbereitung und Durchführung der XVI. Internationalen Filmfestspiele in Litvinov. Die Filmfestspiele haben in unserer Stadt einen guten Ruf deshalb ist es nötig, sie mit größter Sorgfalt vorzubereiten.
Im Falle, daß im Programm des Filmfestes ein Film aus der DDR läuft, übernimmt der Nationalausschuß als Beweis freundschaftlicher Beziehungen zwischen unseren Völkern über diesen Film die Patenschaft.
| Rat des Volksausschusses | Rat der Stadt Leuna |
| Der Stadt Litvinov | |
| Matejka | Haugk |
| Bürgermeister | Bürgermeister.“ |
Im Oktober 1964 besuchte eine Delegation von Litvinover Kommunalpolitikern Leuna. Ihnen fielen die vielen Fertigteilgaragen im Stadtbild auf. Sie äußerten gegenüber BM Haugk den Wunsch, als Gegenleistung für die Baupläne des Eisstadions die Baupläne der Fertigteilgaragen zu erhalten. Haugk entsprach am 20.10.1964 diesem Wunsch.
Der 1964 geschlossene Vertrag sollte nun mit Leben erfüllt werden. Zur Konkretisierung des Vertragsinhaltes fuhren vom 6.–10.5.1965 Walter Bauer (Sekretär des Rates), Gerhard Lehmann (SED-Ortsgruppensekretär), Giesela Stellfeld (Stadträtin für Handel und Versorgung), Jochen Steinert (Stadtrat für Jugendfragen), Karl Lehnert (stellvertretender BM) sowie die Abgeordnete Elisabeth Krüger und Heinz Klingler nach Litvinov.
Beide Delegationen einigten sich darauf, sich an den Nationalfeiertagen gegenseitig zu besuchen und nicht nur Arbeitsgespräche abzuhalten, sondern auch Sehenswürdigkeiten des Partnerlandes zu besichtigen. Nach diesem neuen Muster verlief der Litvinover Besuch vom 16.-21.10.1965 in Leuna ab. Man besuchte Halle, das KZ Buchenwald, die Goethe- und Schiller-Gedenkstätten in Weimar, Leipzig, Dresden, die Bebel-Schule, den Kindergarten „Sonnenplatz“, das Kulturhaus der Leuna-Werke und Bad Dürrenberg.
Nach dem 1965 die Schwerpunkte auf die Themen Jugend, SED-KPTsch, Handel und Versorgung gelegt waren, wollte man sich 1966 mit Kultur, Volksbildung, Finanzen und Inneres beschäftigen. Vom 30.6.-3.7.1966 besuchten Arthur Hoffmann (Stadtrat für Inneres), Gerhard Mahler (Stadtrat für Volksbildung), Robert Meier (Vorsitzender der Kulturkommission) und Otto Weber (Stadtrat für Finanzen) Litvinov. Als Rahmenprogramm boten die tschechischen Kollegen Exkursionen nach Prag und Lidice. Zu den gleichen Themen gingen vom 8.-12.9.1966 die Verhandlungen in Leuna weiter. Als Rahmenprogramm veranstaltete man für die tschechischen Gäste die Besichtigung der Baustellen Halle-Neustadt und Merseburg-Reko-Gebiet, Fahrten nach Berlin und Erfurt zur IGA. Der Höhepunkt dieses Besuchs bildete die Teilnahme der Litvinover Delegation am Betriebsausflug der Stadtverwaltung Leuna.
Am interessantesten war das Jahr 1968 in der Beziehung Leuna-Litvinov. 1968 wurde Dubcek auf dem Januarplenium (3.-5.1.1968) zum Ersten Sekretär der ZK der KPTsch gewählt. Unter Dubcek versuchte die KPTsch einen dritten Weg zum Sozialismus ohne demokratischen Zentralismus zu gehen.
Die Verbindung zwischen beiden Städten begann jedoch 1968 mit einer privaten Bitte vom BM Matjeka (2.4.1968) an Ratssekretär Bauer. Matjeka braucht dringend Ersatzteile für seinen Wartburg. Bauer beschaffte diese. Der Preis wurde Anfang August 1968 beim Besuch Bauers in der CSSR verrechnet.82 Gleichzeitig lud der Litvinover Ratssekretär Panneka eine Delegation aus Leuna zum 20. Filmfestival nach Litvinov ein.83 Mitte Mai folgte die Stadtverwaltung Leuna der Einladung. Die vorgesehenen Themen örtliche Versorgungswirtschaft und Inneres wurden nicht behandelt. Ohne Vorabsprache gehörten plötzlich Mitarbeiter des RdK Most, Vertreter des örtlichen Nationalausschusses, Wohngebietsparteisekretäre der KPTsch und Mitarbeiter der Generaldirektion des Chemiekombinates der Litvinover Delegation an. Die Litvinover Delegation erörterte für die Gäste aus Leuna die neue Richtung der KPTsch, was auf Unverständnis bei den Leunaern stieß.
Am 21.8.1968 wurde von den Truppen der Warschauer Vertragsstaaten der Prager Frühling niedergewalzt. Der RdK Merseburg forderte von allen Kommunen, die Beziehung zu Gemeinden in der CSSR unterhielten, Stellungnahmen ab, so auch von Leuna. BM Haugk begrüßte natürlich den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten.
Nun glaubte BM Haugk sich aktiv in die innertschechischen Angelegenheiten einmischen zu müssen und erließ am 22.8.1968 einen Aufruf an die Bevölkerung von Litvinov:
Der Rat der Stadt Leuna hat sich in einer Beratung am 21. August 1968 mit den Maßnahmen beschäftigt, welche zur Unterstützung der mutigen patriotischen Kräfte, der dem Sozialismus treu ergebenen Werktätigen der Tschechoslowakischen Republik durch die Sowjetregierung und den Regierungen der verbündeten Länder eingeleitet wurden.
Insbesondere wenden wir uns an den Rat und die Bevölkerung der Stadt Litvinov und versichern, daß wir getreu unserer Verpflichtung alle Kräfte für den Sieg des Sozialismus, für den Frieden und die Sicherheit Europas einsetzen werden.
Wir haben 1964 erneut den Freundschaftsvertrag zwischen der Stadt Litvinov (CSSR) und der Stadt Leuna (DDR) unter der Losung: „Die Städte und der Frieden.“ abgeschlossen. Die Erfüllung dieser Verpflichtung ist Ehrensache aller Bürger unserer Städte und ein wichtiger Beitrag für den Aufbau des Sozialismus-Kommunismus und für die Erhaltung des Weltfriedens.
Wir sind fest überzeugt, daß die Volksvertretung und die Bevölkerung der Stadt Litvinov alles tun werden, um die Errungenschaften des Neuaufbaus zu verteidigen. Die Werktätigen der Stadt Leuna fühlen sich mit den uns befreundeten und vielen bekannten Bürgern der Stadt Litvinov in guten und erst recht in schweren Stunden fest verbunden.
Wir kennen den Fleiß der Werktätigen der Stadt Litvinov und schätzen ihre großen Taten. Kämpfen wir weiter gemeinsam für die hohen Ziele, die wir uns in unserem Freundschaftsvertrag gestellt haben.
Es lebe die unzerbrüchliche Solidarität zwischen den Städten Litvinov und Leuna.