Teil 3:
von Ralf Schade
____________________________________________________________
Quellen für diesen Beitrag sind: StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 75; StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 54 und StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 64.
Am 4.9.1968 gab die Leunaer Stadtverordnetenversammlung eine Erklärung mit ähnlichem Inhalt zu den Vorgängen in der CSSR ab. Bis Anfang November 1968 kam keine Reaktion aus Litvinov. Am 12.11.1968 entschloß sich Haugk, noch einmal nach Litvinov zu schreiben:
„ – Bürgermeister-
Rat der Stadt Litvinov
z.H.d. Vorsitzenden Genosse Matjeka
Litvinov
CSSR
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde!
Vor wenigen Tagen beging die fortschrittliche Menschheit den 51. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und übermittelte den Völkern der UdSSR brüderliche Grüße und herzliche Glückwünsche.
Die siegreiche große Sozialistische Oktoberrevolution schlug die erste entscheidende Bresche in das bis dahin geschlossene System des Weltimperialismus, öffnete der sozialistischen Entwicklung in der Welt die Bahn und leitete damit eine neue Epoche in der gesamten Menschheitsgeschichte ein.
Die 51-jährige Geschichte des Sowjetlandes hat uns bewiesen, daß der Unterpfand aller Erfolge, die unerschütterliche Treue zum Marxismus-Leninismus ist, und die Erziehung der Volksmassen im Geiste des Sozialismus und des proletarischen Internationalismus.
Wir erinnern uns, daß es 1945 die ruhmreiche Sowjetarmee war, die unter ungeheuren Opfern unsere Völker vom deutschen Faschismus befreite und dass sich die KPdSU jederzeit weiter für die Befreiung unterjochter Völker mit ganzer Kraft eingesetzt hat. Wir sind auch davon überzeugt, dass es auch richtig war, als die Sowjetunion am 21. August 1968, mit den anderen vier sozialistischen Bruderländern den Schutz der sozialistischen CSSR vor dem Imperialismus und den konterrevolutionären Kräften übernahm. Wenn es in einem sozialistischen Staat möglich ist, daß eine wüste Hetze gegen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Staaten erfolgen kann, ja daß rote Fahnen verbrannt werden können, zeigen uns, daß es revisionistische und antisozialistische Kräfte gibt, welche weder an dem Aufbau eines sozialistischen Staates noch an der Überwindung von Schwierigkeiten in der gegenwärtigen Lage ein Interesse haben, was uns die Zukunft noch besser lehren wird.
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde!
Wir haben uns in unserem Freundschaftsvertrag verpflichtet, daß wir unter der Losung:
„Die Städte und der Frieden“
einen wichtigen Beitrag für den Aufbau des Sozialismus-Kommunismus und für die Erhaltung des Weltfriedens leisten wollen. Wir sind überzeugt, daß wir diese Ziele nur mit der politischen, ökonomischen und militärischen Kraft der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Gemeinschaft erreichen können. Die Mitglieder unserer Partei, die Mitarbeiter des Staatsapparates und die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt verfolgen mit großer Aufmerksamkeit, was in der CSSR unternommen wird, die am 26. August 1968 in Moskau getroffenen Vereinbarungen zu erfüllen. Wir haben uns im Mai 1968 in Litvinov über die damalige Lage ausgesprochen und waren der Auffassung, dass es nach der von der KPTsch unterzeichneten Erklärung von Bratislava noch möglich war, die schleichende Konterrevolution zu zerschlagen. Aber die imperialistische Verschwörung gegen die CSSR war vollständig ausgearbeitet und wurde stabsmäßig durchgeführt. Von Westdeutschland waren Politiker, Bundestagsabgeordnete, Bankpräsidenten und Industrielle als Journalisten getarnte Agenten nach Prag entsandt worden, um Vorarbeit zu leisten.
Nach dem 21. August 1968 stellte die westdeutsche monopolkapitalistische Presse ihre Spalten, Rundfunk und Fernsehen ihre Sender jenen tschechoslowakischen Intellektuellen zur Verfügung. Getarnt durch die Losungen von Liberalisierung und Demokratisierung gaben sie Ratschläge, wie man die KPTsch zersetzt und die sozialistische Ordnung untergräbt.
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde!
Unsere Mitglieder der SED und unsere Mitarbeiter übersehen nicht, daß der Prozeß einer echten Normalisierung der Lage in der CSSR und auch in Eurer Stadt Litvinov außerordentlich langsam und widerspruchsvoll verläuft. Es kommt jetzt darauf an, daß sich die Partei, als marxistisch-leninistischer Kampfbund festigt und sich für die Erhöhung der politischen Aktivität einsetzt.
Ihr könnt überzeugt sein, daß wir uns gegenseitig wie früher bei der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft helfen wollen. Wir haben seit 6 Jahren unsere Erfahrungen ausgetauscht und dabei Erfolge errungen und so soll es bleiben.
Wir laden Euch deshalb zu einer Aussprache nach Leuna herzlich ein, wobei Euch der Termin überlassen bleibt. Auch in Zukunft wollen wir Schulter an Schulter auf dem gemeinsamen Weg des Sozialismus voranschreiten.
Viele herzliche Grüße an alle Genossinnen und Genossen und Mitarbeiter, dazu viel Gesundheit und Schaffenskraft. Auf ein baldiges, gesundes Wiedersehen in Leuna!
Mit sozialistischem Gruß
Genosse Haugk
Bürgermeister der Stadt Leuna.“
1968 blieben auch Glückwünsche zum Jahreswechsel aus. Es bestand nur Privatkontakt zwischen BM Haugk und BM Matjeka. Wie jedes Jahr musste im Januar gegenüber dem RdK Merseburg über die internationale Arbeit Bericht erstattet werden. Der Leunaer Ratssekretär schätzte die Partnerschaft mit Litvonov als sehr problematisch ein. Die Stadt Litvinov reagierte nicht auf offizielle Briefe aus Leuna. Der Partnerschaftsvertrag wurde jedoch auch nicht gekündigt. Laut dem Privatbriefen von Matjeka an Haugk bildeten sich zwei Gruppen im Litvinover Stadtrat: die erste Gruppe möchte die Entwicklung in der CSSR abwarten und kann sich zur Weiterführung der Partnerschaft mit Leuna nicht entschließen; sie möchte den Partnerschaftsvertrag jedoch auch nicht kündigen. Die zweite Gruppe bestand nur aus KPTsch-Mitgliedern. Sie wollte die Verbindung zu Leuna sofort wieder aufnehmen und weiterarbeiten als wäre nichts gewesen.
Zu einer Kontaktaufnahme mit Besuch kam es erst im Zusammenhang mit der Beerdigung von Arthur Haugk. Antony Matjeka, Jaroslav Panneka und Edith Kropora (Leiterin der Abteilung Wohnraumlenkung) reisten nach Leuna. Die tschechischen Gäste nahmen auch an der Stadtverordnetenversammlung vom 24.4.1969 teil. Bei dieser Veranstaltung wurde die aktuelle Lage in der CSSR erörtert.
Zwischenzeitlich hat auch die Aufarbeitung des Prager Frühlings in der CSSR unter Leitung der Sowjets begonnen. Die Sowjets stuften das gesamte Bildungssystem der CSSR als „sanierungsbedürftig“ ein und gaben den tschechischen Genossen den Rat, sich am DDR-Bildungssystem zu orientieren. Aus sowjetischer Sicht bestand die Schwäche des tschechischen Bildungssystem darin, dass Schulen, Jugendverbände und Pionierorganisation getrennt arbeiten. Die Schulen waren nur für die Durchführung des Unterrichts zuständig und die vier Jugendverbände sowie die Pionierorganisation für die außerschulische Arbeit. Bis 1970 hatten die Jugendverbände und die Pionierorganisation nichts an den Schulen zu suchen. Sie arbeiteten auf der Basis der Wohngebiete. Außerdem gab es in der CSSR keinen einheitlichen Jugendverband, sondern vier: Föderation der Jugend, Verband der Landjugend, Verband der werktätigen Jugend und die Pfadfinder. Ein einheitlicher Jugendverband wurde erst vom 9.-11.11.1971 gegründet. Vom 20.-23.6.1969 besuchten der amtierende Leunaer BM und Ratssekretär Walter Bauer, Käthe Peter (Mitglied der ständigen Kommission Volksbildung) und Kreisschulrat Gerhard Krause Litvinov. Von tschechischer Seite nahmen neben den Führungsspitzen der Litvinover Stadtverwaltung der Gymnasiumsdirektor und die drei Direktoren der Mittelschulen teil. Bei diesem Treffen diskutierte man die obige Problematik ausführlich.Vom 11.-14.9.1969 erfolgte der Informationsbesuch einer Litvinover Lehrerdelegation in Leuna. Es fanden Hospitationen in den drei Leunaer Schulen und eine Aussprache mit Eltern und Erziehern statt. Als Rahmenprogramm bot die Stadt Leuna die Besichtigung von Halle, Halle-Neustadt und des Lehrerbildungsinstitutes Halle-Kröllwitz an.
Das Programm aus Anlass des 20. Jahrestages der Gründung der DDR vom 5.-12.10.1969 absolvierte die Litvinover Delegation gemeinsam mit den Freunden aus Martigues: Exkursion nach Weimar (Goethe- und Schillerhaus), KZ Buchenwald, Halle (Museum für Ur- und Frühgeschichte), Halle-Neustadt, Dresden (Gemäldegalerie und Grünes Gewölbe) und Leipzig (Dimitroff-Museum und Völkerschlachtdenkmal). Außerdem besichtigten die beiden ausländischen Delegationen die Leunaer Sozialeinrichtungen, führten Aussprachen mit den Mitarbeitern, besuchten Sportveranstaltungen und legten Kränze in Kröllwitz, Kötzschener Straße und auf dem Friedhof Keckermühle nieder.