Teil 4:
von Ralf Schade
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Quellen für diesen Beitrag sind: StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 75 und StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 74.
Vom 24.-27.10.1969 weilte eine Lehrerdelegation unter Leitung des Kreisschulrates Krause in Litvinov. Krause schrieb über diesen Besuch folgenden Dienstreisebericht:
„Bericht über einen Delegationsaufenthalt von Pädagogen in der CSSR in der Zeit vom 24.–27.Oktober 1969
Im Rahmen des bestehenden Patenschaftsvertrages zwischen der Stadt Leuna und der Stadt Litvinov weilte eine Delegation von Pädagogen in der Stadt Litvinov.
Sie erwiderte damit den Besuch einer Gruppe von Schulfunktionären, die im September 1969 in der Stadt Leuna weilte.
| Der Delegation gehörten folgende Teilnehmer an: | |
| 1. | Studienrat Gerhard Krause, Mitglied der Kreisleitung der SED und Kreisschulrat, Delegationsleiter |
| 2. | Studienrat Werner Schlüter, Direktor der A.-Bebel-Oberschule Leuna |
| 3. | Oberlehrer Inge Hofmann, Direktor der L.-Jahn-Oberschule Leuna |
| 4. | Werner Ohm, Direktor der Oberschule Leuna-Krähenberg |
| 5. | Otto Arndt, Parteisektretär der A.-Bebel-Oberschule Leuna |
| 6. | Margit Linke, Leiterin des Kindergartens „Am Hügel" Leuna |
Alle Teilnehmer wurden gründlich mit den politischen Fragen der jüngsten Entwicklung in der CSSR durch den Schulrat vertraut gemacht.
Alle Teilnehmer studierten vorher nochmals gründlich den vollen Wortlaut des Referates des Gen. Gustav Husak, 1. Sekratär des ZK der KPTsch, auf der Plenartagung des ZK der KPTsch vom 25.September 1969 („Horizont" Nr. 42/1969) und die Artikel im ND über den Besuch der tschechoslowakischen Partei- und Regierungsdelegation in der Sowjetunion vom Oktober 1969.
Damit war eine gute Grundlage gegeben, die richtige und konsequente Linie in den Diskussionen zu vertreten. Als Zielorientierung wurde herausgearbeitet, nicht einen eng begrenzten fachlichen Erfahrungsaustausch zu führen, sondern sachlich, bescheiden und konsequent Probleme der Grundlagen für die sozialistische Erziehungs- und Bildungsarbeit zu diskutieren. Dem Leiter der Delegation war die politsche Situation in der Patenstadt durch einen Besuch im Juni 1968 bekannt. Als neues Moment des diesmaligen Delegationsaufenthaltes war zu verzeichnen, daß wir offiziell durch Vertreter der Kreisleitung der KPTsch und des narodni vybor (Rat des Kreises) Most begrüßt und zum Teil auch betreut wurden.
1. Allgemeine Einschätzung des Konsolidierungsprozesses in diesem Territorium
Die Ausführungen und Informationen des Genossen Slavomir Ruzicka, Vorsitzender der Schulkommission beim Kreis Most (etwa Kreisschulrat) bestätigten den Konsolidierungsprozeß bis in den Kreis Most und in die Stadt Litvinov hinein. Der Genosse Ruzicka gehört der Überprüfungskommission der Kreisleitung der KPTsch für Kaderfragen an und zählt zu den 2 verbliebenen Mitgliedern des Rates des Kreises, studierte im vergangenen Jahr in der Sowjetunion und wurde nach seiner Rückkehr als „Verräter" von den rechten Kräften verfolgt. Er informierte über die jüngste Lage und führte aus, daß gerade in der Woche des Besuchs der Vorsitzende des Rates des Kreises Simounek von seiner Funktion wegen des Paktierens mit rechten Kräften enthoben wurde. Eine gleiche Veränderung erfolgte im Sekretariat der Kreisleitung (von 50 politischen Mitarbeitern verblieben 15). Im persönlichen Gespräch analysierte er ebenfalls die Lage unter der pädagogischen Intelligenz. Von 50 Schuldirektoren traten 4 aus der KPTsch in der Vergangenheit aus. Zur Zeit gehören etwa 20% der KPTsch an. Das Verhalten der einzelnen Genossen wird gegenwärtig analysiert und an ihrer Stellung zur Sowjetunion und zu den jüngsten Beschlüssen des ZK wird gemessen. Er führte – auch als Kenner der Schulpolitik in der DDR – die völlig unzureichende ideologische Arbeit unter den Pädagogen mit ihren Auswirkungen auf den Erziehungs- und Bildungsprozeß in der CSSR aus. Er äußerte den Wunsch, mit mir im brieflichen und persönlichen Kontakt zu bleiben, um bestimmte politische und schulpolitische Grundsatzfragen zu erörtern. Der Freundschaftsvertrag zwischen den Schulen wurde ebenfalls so konzipiert, daß man auf Hauptpunkte orientierte:
| - | Meinungsaustausch zwischen Funktionären und Pädagogen zu Grundfragen der sozialistischen Erziehung und Bildung |
| - | Anwendung rationeller Methoden dazu |
| - | Verstärkung des Kontaktes zwischen den Pädagogen der Schulen |
Unser Besuch in den Schulen und die Diskussionen, die wir führten, bestätigten den Differenzierungsprozeß im ideologischen Bereich. Bei überwiegend positiven Meinungen zur Politik der neuen Parteiführung waren folgende Meinungen typisch:
„Wir müssen abwarten, wie sich das entwickelt!"
„Die Schule ist eine Angelegenheit der Pädagogen."
„Eine Organisation der Kinder und Jugendlichen soll außerhalb der Schule arbeiten."
(Die Zersplitterung in die verschiedensten Kinderorganisationen hatte z. B. zur Folge, daß von 16 000 Schülern des Kreises nur noch 12 000 Mitglieder der Pionierorganisation sind).
Kennzeichnend war, daß wir überall mit großer Herzlichkeit empfgangen wurden. In den offiziellen Reden (Kreisschulrat an alle Pädagogen und Schüler der 2. neunklassigen Schule) drückten wir unsere unzerbrüchliche Freundschaft zwischen beiden Völkern aus und unterstrichen dabei immer wieder, was uns als Marxisten-Leninisten eint. Die gesamte Atmosphäre war von großer Herzlichkeit zur DDR getragen. Nicht wenige konsequente Genossen drückten ihre Hochachtung vor unserer Parteiführung, insbesondere zum Genossen Walter Ulbricht aus.
2. Zur Lage an den Schulen
Unser Auftreten an den Schulen bei Gesprächen und Hospitationen wurde erleichtert durch den Besuch der Pädagogen aus Litvinov wenige Wochen zuvor in der DDR. Der Besuch in der Ausstellung „20 Jahre Schulpolitik" in Halle, der von unserer Abteilung gemeinsam mit dem Pädagogischen Bezirkskabinett organisiert war, gab dazu wesentliche Grundlagen.
Alle Schulen sind vom Äußeren und auch von der Schulorganisation sowie von der technischen Ausrüstung recht gut entwickelt. Mit zahlreichen Genossen kamen wir ins Gespräch, die uns über den Entideologisierungsprozeß informierten. (Anlage der Lehrpläne, Mangel an politischer Qualifizierung usw.) Am Beispiel ihrer „Differenzierung", die sich ausschließlich auf eine Förderung von Talenten ohne die soziale Zusammensetzung zu sehen, kamen wir recht schnell und sachlich auf die Sicherung der Macht der Arbeiter durch eine kontinuierliche Schulpolitik.
In einer 1. Klasse bemerkten wir bei einer Kurzhospitation, daß die Lehrerin auf der Grundlage der Mengenlehre arbeitete. Der uns begleitende Direktor bemerkte dazu, daß die Lehrerin den Lehrplan und Lehrbücher aus der DDR besitzt und auf dieser Grundlage arbeitet.
Der Kreisschulrat besuchte mit dem Schulinspektor Sipek das Gymnasium (es untersteht dem Rat des Bezirkes). Nach einer Hospitation in einer 11. Klasse wurden Aussprachen über sozialistische Erziehung der Jugendlichen und die Strukturpolitik und Studienwerbung geführt.
Der Direktor kannte durch seinen Besuch die EOS „Ernst Haeckel" in Merseburg (Genosse Kabatuk). Er äußerte den Wunsch, die Beziehungen zu dieser EOS unseres Kreises enger zu gestalten.
Zusammenfassung
1. Unsere Delegation war übereinstimmend der Meinung, daß unser Besuch für die Festlegung der gegenseitigen Beziehungen bedeutend war. Eingeschätzt werden kann, daß unsere Genossen vorbildlich und sachlich aufgetreten sind. Die nächste Delegation aus der CSSR mit dem Genossen Ruzicka vom Rat des Kreises wurde zum 25. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus vereinbart.
3. Darstellung des Programms in der CSSR
24.10. Begrüßung durch Kreis und Stadt in Litvinov. Aussprache mit Schulfunktionären am Abend
25.10. Arbeit an den Schulen (siehe Bericht)
Nachmittag: Gemütliches Beisammensein in einer Baude auf dem Kamm des Erzgebirges
Abend: Empfang durch Bürgermeister
26.10. Besuch in Prag und Lidice (Blumengebinde durch Leiter der Delegation)
Nachmittag: Stadtbesichtigung
Abend: Besuch einer Ballettaufführung im Till-Theater „Kappella"
27.10. Offizelle Verabschiedung und Heimreise
Ankunft: 21.30 Uhr in Merseburg
⇔G. Krause."
Bei diesem Besuch wurden auch die Freundschaftsverträge von Leunaer Einrichtungen mit Litvinover Einrichtungen vom 12.9.1969 bestätigt. Verträge haben geschlossen: die August-Bebel-POS mit der III. und IV. Grundschule Litvinov, Friedrich-Ludwig-Jahn-POS mit der I. Grundschule Litvinov und der Kindergarten „Am Hügel" mit dem II. Kindergarten Litvinov.
Für das Jahr 1969 sei noch zu erwähnen, dass am 7.10.1969 der Litvinover BM die Leunaer zum Empfang der ersten Farbfernsehsendung im DDR-Fernsehen mit einem Telegramm beglückwünschte.
Aber nicht nur die Bildungspolitik spielte zwischen Leuna und Litvinov eine große Rolle. Leuna war zum Beispiel dem Litvinover Bauhof bei der Beschaffung von Ersatzteilen für die DDR-Fahrzeuge S4000 und Multicar 22 über die Vertragswerkstätten in Plzen behilflich.
Im Juli 1970 führte die KPTsch interne Reinigungsaktionen im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Prager Frühlings in Litvinov durch. Am 15.7.1970 wurden BM Matjeka und Ratssektretär Panneka des Amtes enthoben, aus der KPTsch ausgeschlossen und in die Produktion strafversetzt. Dabei wurde Matjeka zum Hilfstankwart herabgestuft. Neue Würdenträger in Litvinov wurden die Kommunisten Vaclav Blaha (BM), Vaclav Hoffmann (1. Sekretär der KPTsch-Stadtleitung Litvinov), Adolf Korinek (Sekretär des Stadtrates) und Otto Scherer (Vorsitzender des Stadtrates). Sie besuchten erstmals vom 6.-10.10.1970 Leuna. Bei diesem Besuch einigten sich beide Seiten auf den Abschluß eines neuen Freundschaftsvertrages. Gleichzeitig wurden Kinderzeichnungen ausgetauscht, mit denen man in den Pateneinrichtungen Ausstellungen gestaltete. Zu einem Leunaer Gegenbesuch in Litvinov kam es 1970 aus Zeitgründen nicht.