Teil 5 (Ende):
von Ralf Schade
____________________________________________________________
Quelle für diesen Beitrag ist StA Leuna; Rep. XIV; Akte Nr. 75.
Vom 6.-10.5.1971 weilten BM Walter Bauer, Rudi Hartkopf (Stadtrat Inneres), Alfred Küßner (Stadtrat Finanzen) und Herbert Trisch (Sektretär des RdK Merseburg) als letzte Leunaer Delegation in Litvinov. Am 6.5.1971 unterschrieben beide Bürgermeister den neuen Vertrag.
„Rat der Stadt Leuna Rat des Volksausschusses
der Stadt Litvinov
Freundschaftsvertrag
Zwischen der Stadt Litvinov (CSSR) und der Stadt Leuna (DDR)
Die Bürger der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik und der Deutschen Demokratischen Republik kämpfen unter Führung der Kommunstischen Partei der Tschechoslowakei und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands konsequent für den Aufbau des Sozialismus-Kommunismus, für die Erhaltung des Friedens und für die Entspannung in Europa.
Ausgehend von den Beschlüssen des XXIV. Parteitages der KPdSU besteht die Hauptaufgabe in Vorbereitung des XIV. Parteitages der KPTsch und des VIII. Parteitages der SED in einer stärkeren Integration mit allen sozialistischen Staaten und einer scharfen Abgrenzung gegenüber dem Imperialismus.
Der Aggressivität des Imperialismus muß die Einheit und Geschlossenheit des sozialistischen Lagers gegenübergestellt werden. Zur Lösung dieser Hauptaufgabe kommt es darauf an, die politisch-ökonomische Basis aller sozialistischen Staaten zu stärken und die Freundschaft und Zusammenarbeit insbesondere mit der Sowjetunion zu festigen.
Der Freundschaftsvertrag zwischen den Städten Litvinov (CSSR) und Leuna (DDR) steht unter der Losung: „ Alles mit dem Volk – Alles durch das Volk – Alles für das Volk“
Er ist ein Beitrag zur weiteren Festigung der unverbrüchlichen Freundschaft zwischen der CSSR und der DDR und dient der Durchsetzung der Beschlüsse von Partei und Regierung in unseren Territorien.
I. Entwicklung der politisch-ideologischen Erziehungsarbeit
1. Die Volksvertretungen beider Städte verstärken ihre Aktivität zur Einbeziehung der gesamten Bevölkerung in die staatliche Leitungstätigkeit.
In Sprechstunden, Rechenschaftslegungen und Einwohnerversammlungen sind die Beschlüsse von Partei und Regierung allen Einwohnern zu erläutern. Für die Mitarbeit in den Kommissionen der Volksvertretungen sind in Litvinov 100 Einwohner und in Leuna 100 Einwohner zu gewinnen.
2. Die unverbrüchliche Freundschaft mit der Sowjetunion ist die Voraussetzung für den systematischen Aufbau des Sozialismus-Kommunismus in unseren Ländern. In Foren und Vorträgen sind die Einwohner unserer Städte mit dem Leben und der Entwicklung in der Sowjetunion vertraut zu machen. Die Freundschaft mit der Sowjetunion muß zu einem Herzensbedürfnis eines jeden Einwohners werden.
3. Die Freundschaft zwischen den Städten Litvinov und Leuna weiter zu vertiefen, ist das Ziel des Freundschaftsvertrages. In Ausstellungen und Presseartikeln sind die Erfolge der Stadt Litvinov in Leuna und der Stadt Leuna in Litvinov auszuwerten. Damit soll erreicht werden, daß jeder einzelne Einwohner über die Zusammenarbeit unserer beiden Städte informiert ist.
4. Zur Durchsetzung der im Freundschaftsvertrag gestellten Ziele ist es erforderlich, einen ständigen Erfahrungsaustausch zu entwickeln. Zwischen den Ratsmitgliedern und den Vorsitzenden der Kommissionen der Volksvertretungen sind im Rahmen eines ständigen Briefwechsels die besten Erfahrungen auszuwerten. Ein komplexer Erfahrungsaustausch der Räte findet jährlich im Mai in Litvinov und im Oktober in Leuna statt. Die Themen dieser Erfahrungsaustausche werden in Jahresarbeitsplänen festgelegt.
5. In die Durchführung der Partnerschaftsarbeit werden die Einrichtungen der Volksbildung schrittweise einbezogen. Die zwischen den Schulen der Stadt Litvinov und der Stadt Leuna bestehenden Vereinbarungen sind zu überarbeiten und als Anhang zum Freundschaftsvertrag zu gestalten.
6. Beide Städte unternehmen gemeinsame Aktionen in Bezug auf Erklärungen und Resolutionen, die der Erhaltung des Friedens, der freien und demokratischen Entwicklung der Völker und der freien politischen Bestätigung aller fortschrittlichen und friedliebenden Kräfte dienen sollen.
7. Die Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft zur Sicherung der sozialistischen Errungenschaft gegen alle imperialistischen Anschläge, ist die Voraussetzung für die friedliche Entwicklung unserer Völker. Durch den Aufbau, Schulung und Erhöhung der Einsatzbereitschaft des Systems der Zivilverteidigung tragen beide Städte zur Lösung dieser Aufgabe bei.
8. Durch Brände wird jährlich im erheblichen Umpfang Volksvermögen zerstört. Unsere gemeinsame Aufgabe besteht in der Verhütung von Bränden. Das erfordert die volle Unterstützung der Brandschutzorgane durch die Räte der Städte.
II. Maßnahmen zur ökonomischen Stärkung
1. Grundlage für die Arbeit beider Städte auf ökonomischen Gebiet sind die Volkswirtschaftspläne sowie die Beschlüsse die der XIV. Parteitag der KPTsch und der VIII. Parteitag der SED beschließen werden.
2. Die Hauptaufgabe ist die systematische Verbesserung der Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen der Werktätigen. Durch die Weiterentwicklung des sozialistischen Wettbewerbs sind die in den Städten vorhandenen materiellen und finanziellen Fonds mit einer hohen Effektivität einzusetzen.
Dabei konzentrieren wir insbesondere auf die Entwicklung sozialistischer Wohnbedingungen, auf die Pflege, Erhaltung und Erneuerung von Grünanlagen und Parks, auf die Entwicklung und Gestaltung von Erholungszentren und auf die Schaffung von Sportanlagen für die Entwicklung des Volkssports.
3. Die Räte der Städte unterstützen die Betriebe der sozialistischen Landwirtschaft bei der Durchführung ihrer Aufgaben, bei der Durchsetzung einer sozialistischen Betriebswirtschaft und durch die Erfassung und Bereitstellung von Brachland.
4. Die Abgeordneten der Volksvertetungen nehmen aktiven Einfluß auf die Entwicklung der Betriebe innerhalb der Territorien beider Städte, insbesondere auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Erreichung eines maximalen Zuwachses an Nationaleinkommen.
III. Aufgaben auf dem Gebiet der Bildung und Kultur
1. Der Einfluß der Arbeiterklasse auf die Erziehung der Jugend ist zu verstärken. Die Räte beider Städte setzen sich für den Abschluß von Patenschaftsverträgen zwischen den Schulen und den Betrieben ein.
2. Die Räte der Städte sichern durch die Konzentration aller Kräfte auf die Einrichtungen der Volksbildung eine Verbesserung der materiell-technischen Basis ab und gewährleisten damit eine hohe Effektivität der Bildungsarbeit.
3. Die Räte der Städte organisieren und unterstützen insbesondere solche kulturellen Veranstaltungen, die der Entwicklung der Freundschaft mit der Sowjetunion und der Freundschaft zwischen der CSSR und der DDR dienen.
4. Der Entwicklung der künstlerischen Selbstbestätigung wird von beiden Räten größte Aufmerksamkeit gewidmet. Die Einwohner sind zur Mitarbeit in den Kultur- und Sportgruppen sowie in Zirkeln zu interessieren.
Auf der Grundlage dieses Freunschaftsvertrages werden von den Räten jährlich bis zum 1. Dezember Arbeitsprogramme für die Gestaltung der Partnerschaftsarbeit erarbeitet und ausgetauscht.
Die Räte beider Städte verpflichten sich, über die Durchsetzung des Freundschaftsvertrages in Einwohnerversammlungen Rechenschaft abzulegen.“
Die letzte Litvinover Delegation besuchte von 6.-10.10.1971 Leuna. Der Abgeordnete Jürgen Schulze war für ihre Betreuung verantwortlich. Die tschechischen Gäste nahmen an der Festveranstaltung zum 22. DDR-Geburtstag teil, besuchten Berlin, das KZ Buchenwald, Weimar, die Thälmann-Schule, den Kindergarten „Am Hügel“ und die Gedenkstätte Kröllwitz.
Am 26.9.1972 kündigten der Ratssekretär Adolf Korinek und der Vorsitzende des Stadtrates den Freundschaftsvertrag auf. Hintergrund für diese Entscheidung war, dass die DDR und die CSSR ein bilaterales Abkommen geschlossen hatten, wonach nur noch Kreise Patenschaftsbeziehungen schließen sollten. Litvinov lag im Kreis Most. Der Kreis Most erhielt den DDR-Kreis Marienberg als Patenkreis. Beide Kreise grenzten aneinander. Ihre gemeinsame Grenze war gleichzeitig Staatsgrenze. Bis 1989 bat die Stadt Leuna den RdB Halle, Abt. internationale Beziehungen, eine andere tschechische Stadt als Patenstadt zugeordnet zu bekommen. Diesem Wunsch wurde ohne Angabe von Gründen nicht entsprochen.