Es war um das Jahr 1902, als sich in Mölkau und dem Nachbarort Zweinaundorf eine Gruppe von gut zwei Dutzend Männern zusammentat. Der Eisenbahnanschluss nach Leipzig war inzwischen etabliert, und der wachsende Einfluss der Stadt spürte man auch auf dem Land: Landwirte, Handwerker, Maurer, Fuhrleute – Männer unterschiedlicher Herkunft – trafen sich regelmäßig in der kleinen Gastwirtschaft „Zum Grünen Baum“. Dort gab es stets Brot und Bier, aber auch Musik: Lieder, die man vom Kirchweihfest kannte, Volkslieder, Herbstlieder, Melodien aus dem Leipziger Raum.
Ihr gemeinsames Singen war zunächst nur ein Vergnügen für die Sonntagnachmittage, ein Kontrast zu der harten Arbeit in Feld, Stall und Werkstatt. Doch bald kam der Wunsch auf, sich formell zu organisieren: So wurde beschlossen, einen Männergesangsverein zu gründen – mit Vorstand, Statuten, regelmäßigen Proben und Auftritten. Der erste Chorleiter war vermutlich ein örtlicher Lehrer oder Kantor – wie das damals üblich war –, der Noten, Taktstock und Stimmbildung kannte.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wuchs der Verein stetig. Man probte in einfachen Räumen: im Gasthof, später in der Schule von Mölkau. Die Lieder umfassten sowohl kirchliche Stücke (Psalmvertonungen, Choralbearbeitungen) als auch weltliche Gesänge: Wanderlieder, Stücke aus der deutschen Romantik, volkstümliche Melodien. Ein jährliches Konzert, meist im späten Sommer nach der Ernte, wurde zum festen Bestandteil des Dorfinderglänzes. In diesen Jahren war der Verein Ausdruck von Gemeinschaft, lokalem Stolz und kulturellem Ehrgeiz.
Der Erste Weltkrieg brachte eine Unterbrechung: mehrere Sänger wurden einberufen, manche kehrten nicht zurück, andere kehrten verändert heim. Nach Kriegsende zu Beginn der 1920er war das Vereinsleben zögerlich im Wiederaufbau, doch man traf sich erneut. Die Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit erschwerten Anschaffungen: Noten, einheitliche Kleidung oder gar ein kleines Vereinsheim blieben Luxus.
In den 1930er Jahren, unter dem Einfluss politischer Strömungen und zunehmend zentralisierter Kulturpolitik, sah sich der Verein in Mölkau gezwungen, sich anzupassen: teilweise wurden Lieder geändert, manchen Vorträgen politische Bedeutung zugemessen, Auftritte bei staatlichen Feierlichkeiten kamen hinzu. Doch das Kerngeschäft – gemeinsames Singen für Freude und Gemeinschaft – blieb erhalten.
Der Zweite Weltkrieg bedeutete erneut Entbehrungen: Proben fielen aus; die wenigen, die blieben, sangen teils unter schwierigen Bedingungen. Nach Kriegsende, Anfang der 1950er, war der Männergesangsverein wieder tätig – man organisierte in der Kirche und in den Gemeindesäälen kleine Konzerte, insbesondere zu Gottesdiensten und kirchlichen Feiertagen. Auch Freundschaften mit Chören aus Leipzig oder Nachbardörfern wurden wiederbelebt.
In den Jahrzehnten danach schwankte die Aktivität: in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und als kulturelles Leben in der DDR gefördert wurde, gab es Auftritte, Wettbewerbe, gemeinsame Feste. Danach kam die Wende – und mit ihr neue Herausforderungen: Abwanderung, veränderte Freizeitinteressen, weniger Zeit für regelmäßige Proben. Einige Mitglieder verließen den Verein, andere versuchten ihn zu modernisieren – neue Lieder, vielleicht sogar mehrstimmige Chorsätze, Auftritte außerhalb des Dorfs.
Ende der 1980er Jahre – kurz vor der politischen Wende – existierte der Verein noch, wenn auch mit weniger Schwung als früher. Ob er formell aufgelöst wurde oder einfach inaktiver wurde, ist unklar – vermutlich letzteres: Einige Sänger trafen sich noch, musizierten privat, erinnerten sich an alte Lieder.
Heute erinnert man sich eigentlich nicht mehr an den Männergesangsverein von Mölkau und Zweinaundorf als Teil der lokalen Tradition: nicht an die Stimmen, die auf dem Schulflur hallten, an die kleinen Konzerte unter alten Linden, an Gemeinschaftsgefühl und an Lieder, die lange nachklangen. Vielleicht wird es Zeit für einen neuen Anlauf :-).