Wenn man heute durch Mölkau spaziert, ahnt kaum jemand, dass hier einst ein kleines Paradies der Wochenendkultur lag: die Obstweinschänke, ein Ausflugsziel, das um die Wende zum 20. Jahrhundert die Stadtmenschen magisch anzog. Um 1900 ließ man im damals noch dörflich geprägten Mölkau ein stattliches Gebäude im Schweizerhaus-Stil errichten: mit hölzernen Giebeln, Balkonen und Blumenkästen an den Fenstern. Dazu kam ein Park mit Spazierwegen, Sitzplätzen – und als Krönung ein Gondelteich, auf dem man mit kleinen Booten übers Wasser gleiten konnte. Für die Leipziger, die dem Lärm der Großstadt entfliehen wollten, war das eine Verheißung: Natur, Wein und Musik, direkt vor den Toren der Stadt.
Der Mann hinter dem Erfolg: Kurt Lemeke
In alten Anzeigen taucht sein Name auf: Kurt Lemeke, Inhaber des „Schweizerhof – Obstweinschänke und Restaurant“. Er war es, der das Haus nicht nur als Gasthof führte, sondern es zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt machte. Mit Telefonanschluss (!) war er modern aufgestellt, und sein Haus war bekannt für fröhliche Abende, Obstwein aus eigener Herstellung und den Charme der ländlichen Geselligkeit. Man kann sich vorstellen, wie Lemeke die Gäste am Eingang begrüßte, während die Kapelle im Garten spielte und Kinder am Teich die Schwäne fütterten. Unter seiner Leitung wurde die Obstweinschänke zu einem Magneten für Ausflügler aus Leipzig und Umgebung. Doch wie so oft ist die Geschichte auch hier von Brüchen durchzogen. In den 1930er Jahren endete die Gaststättenkonzession – die goldene Ära der Obstweinschänke war vorbei. Nach 1933 wurde das Haus von den neuen Machthabern zum HJ-Jugendheim umfunktioniert. Die fröhlichen Weinfeste wichen paramilitärischen Übungen und Fahnenappellen.
Nach dem Krieg war das Gebäude immer noch da – nun als Kino für die Volksbildung, als Schulhort und Essenausgabe für Kinder. Die Mölkauer nannten es weiter schlicht das „Jugendheim“, auch wenn die Zeiten sich längst gewandelt hatten.
Die Geschichte der Obstweinschänke endete schließlich nach der Wende: Das alte Schweizerhaus wurde abgerissen. An seiner Stelle entstand ein Neubau – kein Gasthaus, sondern ein Ort für die Jüngsten: die Kita „Zwergenland“, die 1997 eröffnet wurde. Der Gondelteich, der zur Obstweinschänke gehörte, war ursprünglich Teil eines der alten Mölkauer Dorfteiche. Laut dem Heimatverein Mölkau wurde dieser Teich später zugeschüttet, nachdem die Obstweinschänke ihre Funktion verloren hatte. Er verschwand also komplett aus dem Ortsbild. Heute erinnert nichts Sichtbares mehr an das Wasseridyll, auf dem einst Gondeln fuhren und Schwäne schwammen – das Gelände wurde überbaut und das Gelände, das Kurt Lemeke einst mit Lachen und Wein erfüllte, zu einem Ort, an dem heute Kinder spielen, toben und lachen. Ein schöner Gedanke: dass der Geist der Geselligkeit, wenn auch in anderer Form, fortlebt.