Meine Großmutter Hildegard Rostalski, von mir „Großi“ genannt, spielte für ihr Leben gern Doppelkopf. Sie etablierte zu ihrer Zeit eine legendäre Schönefelder Damenrunde.
Das möchten wir nun auch in Mölkau schaffen und laden alle, nicht nur die Damen, dazu ein. Jeden Dienstag ab 16:00 Uhr geht es im Gemeindeamt Mölkau, im ehemaligen Ratskeller, um Re und Kontra, um Schneider oder „keine 90“. Das ich so oft ich kann dabei bin, verdanke ich meiner „Großi“ und das kam so:
Die „Großi“, heute nenne ich sie lieber „Hildchen“, das gefällt mir einfach besser, legte sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Als „Unternehmergattin“ fühlte sie sich, inmitten all der DDR, stets verpflichtet ihren Status nach außen zu tragen. Das galt ganz selbstverständlich auch für die Damen – Doppelkopfrunde. Ganz wichtig deshalb, der monatliche aufwendige Friseurbesuch in der „Stadt“.
Wenn ich bei meinen Großeltern war, dann musste ich mit dorthin. Selbstverständlich im Anzug, mit weißem Hemd und Kinderkrawatte. Alle die mich so sahen fanden mich „süß“ oder „niedlich“ und manche, besonders ältere Damen sogar „bezaubernd“. Wie ich es fand interessierte natürlich Niemanden.
Wir wurden sehr pünktlich von einem Taxi, des privaten Taxibetriebes „Kraneis & Rostalski“, des Unternehmens meiner Großeltern, abgeholt und zur Thomaskirche in die Stadt chauffiert. Dort befand sich der von der „Großi“ bevorzugte Friseurladen, eben auch ein Privater, damals noch keine PGH.
Eine Qual war dieser Friseurbesuch jedes Mal. Aber eben nicht nur für mich, in meinem engen Anzug, auch „Hildchen“ musste leiden. Diese Trockenhaube, oh Gott …
Während Hildchens Frisur unter der Trockenhaube allmählich garte, ergriff die grüne Langeweile von mir Besitz. Um mich irgendwie zu beschäftigen, gab man mir verschieden große Lockenwickler zum Sortieren. Ich erinnere mich noch an die verfilzten weißen Haare zwischen den Wicklern.
Irgendwann war es dann vorbei, das Taxi wurde gerufen, erschien sofort und es ging retour.
Die Frisur war frisch und genau an diesem Tag, welch Zufall, war auch Damen – Doppelkopfrunde bei Rostalskis im Herrenzimmer. Vier Frauen trafen sich und belegten das Arbeitszimmer des Hausherrn mit Beschlag. Jede Woche einmal und deshalb jeden Monat auch einmal nach dem Friseur.
Bei meinen Großeltern hatte ich kein eigenes Zimmer, auch keine Spielecke. Also wurde mir gegenüber dem Spieltisch, ein „Katzentisch“ ans Fenster gestellt. Ich sollte also wieder mal zu schauen, wenn die Damen Karten spielen. Das bedeutete kaum Aussicht auf spannende Unterhaltung, eher wieder dräuende Langeweile, ganz im Stile des Tages. Im Anzug sollte ich „ganz artig bleiben“, wenn Frau Wallstab, eine nette, gemütliche Matrone, Frau Heinitz, die aparte Gattin eines Handwerksmeisters und eine dritte Frau, am Eichentisch Platz nehmen würden um den Rest des Tages gegen Hildchen im Doppelkopf zu verlieren.
Doch an diesem Tag kam alles anders. Das Telefon klingelte und die Großi ging ran.
„Ja, ach ja – das ist ja nicht schön, ach beim Arzt, oh ja, na dann gute Besserung, du wirst uns fehlen …!
Hildchen setzte sich wortlos wieder hin, steckte sich eine neue „Orient“ an, von dieser Marke lagen immer zwei Schachteln neben ihr auf dem Tisch und seufzte: „Ja, sie ist krank, wohl was Ernstes …“
Die vierte Frau kam nicht mehr, nicht an diesem Tag und ich zumindest sah sie auch nicht wieder. Die drei blieben ratlos und traurig zurück. Ob die Trauer nun der kranken Freundin galt oder der geplatzten Doppelkopfrunde …
Ich jedenfalls sah aus dem Fenster und hoffte inständig, die Damen gingen jetzt sehr bald und ich dürfte demnächst aus dem bei der Wärme im Zimmer, immer enger werdenden Anzug aussteigen.
Nichts davon geschah. Ich meine, es war Frau Heinitz die sagte: „Was ist denn mit dem, der kann doch die Karten halten, dann können wir wenigstens ein bisschen spielen, so tun als ob …“. Sie nickte dabei mit dem Kopf in meine Richtung, mir wurde heiß. Ich liebte Kartenspiele jeder Art, die Aussicht mit den Damen am Spieltisch zu sitzen anstatt am Katzentisch beim Fenster, schien mir so verlockend wie irgendwas. Ich vergaß augenblicklich den Anzug und die Krawatte und sah mich schon mit den Karten in der Hand.
Hildchen zögerte: „Ich weiß nicht, der ist doch noch so klein …“
„Wenn er einen Anzug anhat, dann kann er auch Karten spielen, wie jeder Mann.“ meinte Frau Heinitz und grinste dabei.
„Hmm …, na gut, komm rüber setzt dich dahin wir erklären dir das Spiel.“
Die Langeweile des bleiernen Tages war wie weggeblasen. Ich brauchte nicht lange um zu verstehen wie das Spiel funktionierte. Sehr bald wurde mir erklärt, dass man „Re“ und „Contra“ sagen kann, dass man irgendwann ein Solo spielen muss und was das dann bedeutet…all diese Dinge halt, die zum Doppelkopf mit Hildchen so dazugehörten.
Nur das man gefälligst zu verlieren hatte, dass hatte mir keiner gesagt. Also kam es wie es kommen musste, typisch Anfängerglück, ich fing an zu gewinnen und mein Chips Schälchen füllte sich mehr als die der Anderen und vor allem mehr als das von Hildchen.
„Der ist ja wirklich nicht blöd, der Kleine.“ meinte Frau Wallstab noch nach einem im Schneider verlorenen Contra Spiel. Kurz darauf endete meine erste Doppelkopf-Lehrzeit, die Großi schritt ein und setzte der Hitze in meinen Wangen ein jähes Ende.
„So, jetzt ist Schluss … genug gespielt.“ Ich hatte eben gerade ein paar mehr Chips als sie in meinem Schälchen und nun dieses abrupte Ende…
Die Damen gingen, gehorsam ohne zu klagen, mir wurde ein Abendbrot vorgesetzt und sehr bald folgte das „zu Bett gehen“. Was aus meinen Chips wurde weiß ich nicht aber seit diesem Tag spiele ich leidenschaftlich gern Doppelkopf. Hildchen hat, nicht ganz freiwillig, diese Saat in mir gepflanzt.
Und deshalb bin ich so gern dabei, jeden Dienstag ab 16:00 Uhr im Gemeindeamt Mölkau. Spielen sie doch mal mit und keine Angst: ich bin nicht Hildchen, ich gewinne nicht immer.