Bibliotheken haben in vielen Köpfen ein verstaubtes Image: Sie sind ein Ort für Bücherwürmer, ein Ort, an dem man still sein muss. Doch wer das denkt, war noch nicht in der Merseburger Stadtbibliothek: „Unsere Stadtbibliothek ist alles andere als verschlafen", erklärt Nina Richter, die seit Anfang dieses Jahres hier als Medienpädagogin arbeitet. Und auch ihr Kollege Lukas Lindner, gelernter Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste, bestätigt: „Eine belebtere Atmosphäre ist ein Zeichen dafür, dass es in der Stadtbibliothek gut läuft. Der soziale Aspekt rückt in den Vordergrund. Das ist wohl auch der größte Unterschied zu den wissenschaftlichen Bibliotheken."
Beide sehen die Bibliothek als „Dritten Ort" – einen Ort, an dem man einfach sein kann, ohne etwas kaufen oder konsumieren zu müssen, außerhalb vom Zuhause oder der Arbeitsstätte. Die Bibliothek ist eine Begegnungsstätte: Zum Lesen, lernen, sich mit Freunden zusammensetzen, Spiele spielen, aber genauso für Veranstaltungen.
Bibliothek als Erlebnis
Regelmäßig finden in der Stadtbibliothek verschiedene Treffs und Veranstaltungen statt: „Wir betreuen regelmäßig einen Spiele- und Kreativtreff, wo wir den Kids niedrigschwellig Medienkompetenz vermitteln. Außerdem planen wir unterschiedliche Veranstaltungen, öffentlich oder auch für Schulklassen, und regelmäßig Ferienprojekte. Dann haben wir noch das mobile Medienlabor, mit dem wir z. B. auch direkt an Schulen fahren können", zählt Nina Richter auf. Darüber hinaus gibt es einen Leseclub, einen digitalen Infotreff und einen Nähtreff. In der obersten Etage finden regelmäßig Lesungen oder Diskussionsformate statt. Auch Computerarbeitsplätze stehen zur Verfügung, generell kann die Bibliothek auch als eine Art Coworking Space genutzt werden. Es gibt sogar einen kleinen Flohmarkt: Hier können z. B. aussortierte Bücher für das eigene Bücherregal mit nach Hause genommen werden.
Mehrwert durch Medien
„Wir möchten Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene weg von der reinen Mediennutzung und hin zu einem tieferen Verstehen von Medien bringen, egal, ob es sich z. B. um Film handelt oder Robotik und Coding", erklärt Richter das Ziel der zahlreichen Angebote. Und auch wenn digitale Medien zunehmend an Bedeutung gewinnen, steht in der Bibliothek eine grundlegende Fähigkeit weiter im Fokus: Die Lesekompetenz. „Wir versuchen, selbst bei der Arbeit mit digitalen Medien, immer wieder die Lese- und Textkompetenz zu fördern. Denn die ist nicht nur beim Bücherlesen wichtig, sondern überall im Alltag." So werden beispielsweise selbst in Robotik-Projekten häufig Bücher als Grundlage genutzt. Und am Ende geht es um noch viel mehr als das Lesen: „Es geht auch darum, Kinder zu ermutigen, sich eigenständig Wissen zu holen", meint Lindner.
Nächste Ausleihe: Akkuschrauber
„Die Schulklassen sind immer ganz verblüfft, wenn ich ihnen erzähle, was man in der Stadtbibliothek alles ausleihen kann: Spiele, Konsolenspiele, Videos, sogar kleine Roboter und ganz viele andere Sachen", berichtet Nina Richter. Und auch Lukas Lindner stimmt zu: „Wir haben unten einen Akkuschrauber, wir haben einen Diaprojektor. Das sind alles Sachen, mit denen man in einer öffentlichen Bibliothek gar nicht rechnet."
Zwischen Akkuschraubern und Gesellschaftsspielen bleibt der Klassiker der Ausleihe aber das Buch. „Ich würde behaupten, dass die Bücher immer noch der Renner sind, gerade die Belletristik und Krimis. Das wird am meisten ausgeliehen." Auch Fernleihe wird angeboten. Mit einem Bibliothekskonto hat man zudem Zugriff auf zahlreiche Onlinemedien.
Kein Tag wie der andere
Die Arbeit in der Stadtbibliothek ist vielfältig – und etwas ganz Besonderes: „Ich habe eine Ausbildung an einer großstädtischen Bibliothek gemacht. Die Atmosphäre hier ist anders, weil alles etwas bekanntschaftlicher abläuft. Wir haben ein großes Stammpublikum, dadurch entsteht eine sehr vertraute Atmosphäre. Das ist etwas, was ich hier in der Stadtbibliothek Merseburg immer als besonders empfunden habe", erzählt Lukas Lindner. Auch Nina Richter schätzt ihren Job: „Ich finde es als Medienpädagogin total toll, was ich hier für Möglichkeiten habe. Die Stadtbibliothek ist total gut ausgestattet. Das ist wahnsinnig cool, dass ich so einen großen Schatz an Materialien, an Büchern und Sachen habe, auf den ich zurückgreifen kann. Außerdem finde ich es total spannend, in einem Team zu arbeiten, das so unterschiedlich ist und verschiedene Kompetenzen hat."
Neugierig geworden? Mehr Infos gibt es auf bibliothek.merseburg.de – oder: „Keine Scheu haben und einfach mal vorbeischauen", rät Nina Richter und Lukas Lindner ergänzt: „Wenn man mit Neugierde und Offenheit bei uns aufschlägt, kann man nicht viel falsch machen."
Lukas Lindner
Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste
Ich sehe mich in der Einrichtung als Vermittler von hybriden Medien. Meine Ausbildung habe ich in einer wissenschaftlichen Bibliothek gemacht, für mich hat sich aber schnell herauskristallisiert, dass ich in einer öffentlichen Bibliothek Fuß fassen möchte, da ich meine Stärken eher in dem sozialen Aspekt gesehen habe. Einer der schönsten Orte in Merseburg ist für mich die Sixti-Ruine: Die hatte ich anfangs gar nicht auf dem Schirm, aber sie ist richtig cool, auch als Veranstaltungsort.
Nina Richter
Medienpädagogin
Ich habe an der Hochschule Merseburg studiert und da schon die Stadtbibliothek kennengelernt. Mir ist es wichtig, in der Strukturwandelregion Ostdeutschland, auch in den kleineren Städten, die Bildungsarbeit voranzutreiben. Ich finde es toll, was die Stadtbibliothek für meine Arbeit für Möglichkeiten bietet. Dabei schätze ich, dass das Team so unterschiedlich ist und verschiedene Kompetenzen hat. An Merseburg selbst gefällt mir vor allem die Nähe zur Saale – dadurch hat man ganz schnell wie einen kleinen Kurzurlaub.