Es begab sich einst vor langer Zeit eine zufällige Begegnung zweier Bürger eines Ortes nicht weit von hier entfernt oder auch ganz nah. Beide – von Beruf und Ehrenamt ausgehend – an der Mitgestaltung öffentlichen Lebens beteiligt, und – wenn es sich zuweilen ergab – gern einen Plausch miteinander machend. Und das ist bis heute so geblieben. Nun ist jedoch ein solches Kurzgespräch am Wegesrand oder anderswo nicht immer von großer Bedeutung mit Nachhaltigkeit, jedoch sollte diesmal etwas zur Sprache kommen, was einer der Gesprächspartner so noch nie aus anderem Munde vernommen hatte, und was ihm über die inzwischen vielen vergangenen Jahr hinweg noch immer sehr eindrücklich erscheint und deshalb eine kleine legendenhafte Geschichte daraus machte.
Bevor sie beginnt, sei noch darauf hingewiesen, dass die beiden erwähnten Männer anonym bleiben, weil Rede und Handlungen in dieser Erzählung nur zu einem geringen Teil kompatibel sind mit der Wirklichkeit, die ihr zugrunde liegt. Im Mittelpunkt der Handlungen steht einer der beiden, dem wir hier den Namen Theodor geben, und den Erzähler nennen wir Franz, obwohl beide genauso gut auch Otto oder Paul heißen könnten.
„Tschüss, Leute!“, rief Theodor seinen bisherigen Mitstreitern noch einmal zu und wollte gehen.
Seine Lehre – so nannte man früher die Azubi-Zeit – hatte er mit Bravour absolviert und war also nun ein tüchtiger junger Gärtnergeselle. Somit könnte nun das ins Auge gefasste Studium seinen Lauf nehmen, aber T. hatte es sich zunächst vorgenommen, vorher noch für ein oder zwei Jahre auf die „Walz“ zu gehen.
„Warte, mein Lieber, und komm' noch mal zurück“!, rief sein Lehrmeister - ein sach- u. fachkundiger, gläubiger und hilfsbereiter Mann - ihm nach.
„Komm und nimm Platz, Theodor! Bevor sich unsere Wege heute leider trennen, möchte ich dir noch einen Ratschlag mitgeben“, hob der Meister an und fuhr fort: „Wenn du auf deiner 'Walz' in fremde Gegenden kommst, suche bitte immer zuerst den Weg zu einem dortigen Friedhof!“
„Zum Friedhof?“
„Ja, zum Friedhof!, denn was dir dort begegnet, was du dort siehst und empfindest, kann so etwas wie ein Spiegelbild für die Leute sein, mit denen du es in dortiger Gegend zu tun bekommen wirst. Und wie es im Leben so ist, nicht immer und überall begegnet einem Vertrautes sondern auch so manch Seltsames und Widerliches, womit man zurechtzukommen üben muss. Auf einem Friedhof kannst du dich darauf einstimmen.“
Theodor war sehr angetan von diesem Ratschlag und wollte ihn gern beherzigen auf seiner beruflichen Wanderschaft, bedankte sich vielmals beim alten Meister und zog von dannen.
Nicht lange danach hatten ihn seine Füße über „sieben Hügel“ hinweg in eine Gegend gebracht, die zum vorübergehenden Verweilen einzuladen schien. Jedoch, bevor er den nächstliegenden Ort betrat, fiel sein Blick auf etwas sehr Verwunderliches: „Puh“, stand auf dem dortigen Ortseingangsschild zu lesen. Und es handelte sich dabei offensichtlich nicht etwa um eine vandalistische Schmiererei sondern um einen tatsächlichen Ortsnamen, den die Bewohner – aus welchen Gründen auch immer – ihrem Dorf dereinst gegeben hatten.
„Puh“, dachte Theodor und überlegte, - „soll ich einen Bogen machen um diese nichts versprechende Ortschaft, um mich auf hier lauernde verächtliche Rohheiten oder andere Grausamkeiten nicht einlassen zu müssen? 'Puh` sollte mir ein Warnhinweis sein! Aber wie hatte es mir mein alter Meister in der Heimat mit auf den Weg gegeben?: Es wird dir in der Fremde nicht nur Vertrautes widerfahren, und du wirst es lernen müssen, damit zurecht zu kommen!“
Also suchte Theodor – wie empfohlen – zuerst den Weg zum Friedhof. Vorbei an unbeachtet gebliebenen Anwesen schlängelte sich der kleine Pfad hinauf zum Gottesacker, in dessen Mitte Spitze und Dach einer alten Kirche wahrnehmbar wurden. Das große hölzerne zweiflüglige Friedhofstor war geschlossen aber nicht verriegelt. Eine schmiedeeiserne Türklinke ließ sich nach unten drücken und der rechte schwere Torflügel langsam und behutsam nach innen schieben. Als auf diese Weise der Blick zum Friedhof mehr und mehr freigegeben wurde, traute Theodor seinen Augen nicht, mit welcher Kulisse sie ihn damit zu konfrontieren begannen.
Fortsetzung folgt in nächster „WB“– Ausgabe.