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Neumarker Wochenblatt
Ausgabe 3/2026
Vereinsnachrichten
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Friedhof als Spiegelbild

Fragmente zu einer wahren und zugleich fiktiven Geschichte

(1. Fortsetzung)

Zur Erinnerung: Der junge Gärtner geselle Theodor, - ein heutzutage in seinem Ort sehr angesehener Bürger - begab sich einst nach seiner Lehrzeit auf Wanderschaft. Sein bisheriger Lehrmeister gab ihm den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg, in fremden Orten immer zuerst den dortigen Friedhof aufzusuchen, denn Friedhöfe können das Spiegelbild einer Gesellschaft sein. Angekommen in „Puh“ traute er seinen Augen nicht, welche Kulisse sich beim vorsichtigen Öffnen des Friedhoftores zu bieten begann.

„Puh“!? Das bekannte „nomen est omen“ schien hier absolut

n i c h t zu stimmen, - zumindest nicht auf diesem Areal des ehrwürdigen Gedenkens.

- (Was sich später im noch unbekannten Dorf zeigen wird, bleibt vorerst abzuwarten.) -

Der Friedhof samt des kleinen Kirchleins romanischen Baustiles – eine wahre Augenweide in Erahnung paradiesischer Vorstellungen! Die kreisförmige Anordnung der Grabstätten sowie das gesamte Freigelände waren augenscheinlich von einem außergewöhnlich begabten Landschaftsgestalter geplant und sowohl architektonisch als auch kerygmatisch gut durchdacht. Das gesamte parkähnliche Gelände präsentierte sich wie eine wundervolle Kulisse aus einer anderen Welt: Im Zentrum des lichtdurchfluteten Prachtparks liebevoll bepflanzte und gepflegte Grabstätten, die in gewollt unregelmäßiger Linienführung kreisförmig die kleine Kirche umgaben. In mehreren angedeuteten Halbkreisen, die an ihren jeweiligen Enden links und rechts miteinander verwoben schienen, war – mit etwas Phantasie – ein sanfter, Frohgemut stimmender Wirbelwind, der sich wie ein luftiger Schleier in zart bunten Farben behutsam langsam um die eigene Achse dreht zu erkennen. Und wer bei dieser beglückenden Betrachtung das kleine Kirchlein samt seiner christlichen Botschaften mit einbezog, konnte in dieser überaus gut gelungenen Symbolik den Kreislauf von Werden – Vergehen – Neuwerden und Ewigkeit entdecken.

Dem jungen Gärtner war es eine helle Freude, Derartiges gefunden zu haben und genießen zu dürfen.

Auf diesem Friedhof war einfach alles perfekt, - auch außerhalb dieses Zentrums der Grabstätten samt Kirche: saubere Wege, einladende Parkbänke, gepflegte Wiesen in sattem Grün und üppigen Wiesenblumen-Oasen. Abfallbehältnisse hatte man wohlweislich zwischen Busch- und Baumgruppen hinter einer aus frischem Lärchenholz errichteten Palisade untergebracht.

Der Friedhof von „Puh“, ein würdiger Ort des ehrenden Gedenkens, ein Ort der Trauer und Hoffnung zugleich, - ja sogar auch ein willkommener Raum für äußere und innere Ruhe, die trotz des verhalten wahrnehmbaren Lebens auf Wegen, Wiesen und Parkbänken durch nichts gestört werden konnte. Das Summen der Bienen in blühenden Linden und zwischen zahlreich verlockenden Wiesenblumen setzte dem erholsamen Ruheempfinden noch einen zusätzlichen I – Punkt. Hier zu verweilen, kann Trost für Gemüt und Erholung für Körper, Geist und Seele zugleich sein!

„Was aber wird mir widerfahren, wenn ich nun mit den hiesigen Dorfbewohnern Bekanntschaft zu machen wage?!“, fragte sich Theodor und begab sich daraufhin zögernd hinunter ins Dorf. Die kleineren und größeren gut erhaltenen Anwesen sowie auch die spielenden Kinder hatte er beim Aufstieg zum Friedhof am Wegesrand gar nicht wahrgenommen. Erst jetzt fielen sie ihm auf, und dabei keimte in ihm die vage Hoffnung auf eine angenehme Bleibe hier. Daneben stand aber immer noch die heimliche Frage auf Identität zwischen Friedhofs–Niveau und Dorfbevölkerung. Und dieser Gedanke stimmte ihn an diesem späten Nachmittag trotz aller bewegender und beglückender Eindrücke etwas missmutig aber auch zunehmend neugieriger.

Fortsetzung im nächsten „WB“.

Reiner Bätz