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Neumarker Wochenblatt
Ausgabe 6/2026
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„Nicht das Wasser reichen“ (Alte Weisheit)

Wenn jemand in seinen geistigen oder körperlichen Fähigkeiten und Leistungen hinter einem anderen sehr zurückbleibt, ihm an Tüchtigkeit bei weitem nicht gleichkommt, dann urteilen manche abfällig: „Der kann ihm nicht das Wasser reichen!“. Diese Redensart stammt aus dem Mittelalter, als bei Ritterfesten der Gebrauch von Messern und Gabeln selten war und man zum Essen meistens die Finger nehmen musste. Die Sitte verlangte, dass man sich vor dem Essen die Hände wusch. Bei großen Gastmählern wurde mit einer Fanfare das Zeichen gegeben, dass jeder der Gäste an seinen Platz gehen und dort warten sollte, bis er mit dem Händewaschen an der Reihe war. Den Tischgästen das Wasser reichen zu lassen, war Sache des Kämmerers. Unter seiner Leitung besorgten dies die Edelknappen, die dem Gast eine Schüssel vorhielten und ihm aus einem Gefäß Wasser über die Hände gossen. Ein Handtuch zum Trocknen der Hände hatten sie dabei um die Schulter hängen, oder es wurde von einem zweiten Knappen gereicht. Nach der Mahlzeit wurde das Waschen wiederholt. Die auf diesem Brauch beruhende volkstümliche Redensart bedeutet eigentlich: Er ist nicht wert, ihm das Wasser zu reichen. Er steht so tief unter ihm, dass er nicht einmal würdig ist, Knappen - oder Knechtsdienste bei ihm zu verrichten.

Peter Gruschwitz