Peter Gruschwitz
Unsere Neumarker Kirchenrechnungsbücher und die alten Gemeinderechnungen aus vergangenen Jahrhunderten geben eine Menge Hinweise darauf, dass man früher auch bei uns zu leben wusste. Im 17. Jahrhundert waren gemeinsame Mahlzeiten und Trinkgelage ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Fast jede wichtige Handlung – wie Vertragsabschlüsse, Käufe, Rechnungslegungen oder Besichtigungen – wurde mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert. Das gemeinsame Trinken hatte dabei eine rechtliche und soziale Bedeutung: Es besiegelte Verträge und zeigte die Einigkeit der Beteiligten. Heute gibt es solche Bräuche kaum noch, höchstens in Form eines symbolischen Anstoßens bei Vertragsabschlüssen oder Feiern.
Hierfür nur einige Beispiele: 1623 wurden für die Rechnungslegung zwei alte Schock für 10 Kannen Bier ausgegeben, das war mehr wert als der Lohn des Schulmeisters für die gesamte Jahresrechnung. Er erhielt für die Anfertigung nur 8 Groschen, das ist rund der fünfte Teil des Bierpreises. Bei der Ausschreibung des Kuhgeldes und der Erbzinsen vertrank Johann Pelz vier Groschen, der Wert eines Groschens betrug 1,80 Mark. Als gar einige Abgeordnete die Badpfanne zu Waltersdorf vor dem Kauf besichtigten, verzehrten sie 1 Schock und 3 Groschen, während die kupferne Badepfanne 32 Schock kostete. Beim Leikauf des Gemeindeackers wurden 18 Groschen vertrunken.
Der Leikauf ist ein feierlicher Trunk, der im älteren deutschen Recht zur Besiegelung eines Vertrages getrunken wurde. Er diente als symbolische Handlung, um die Einigung und Gültigkeit des Geschäfts zu bekräftigen. Durch das gemeinsame Trinken bezeugten die Vertragspartner ihren Willen zur Einhaltung der Vereinbarung. Der Leikauf hatte somit eine rechtliche und soziale Bedeutung als Zeichen der Verbindlichkeit. Heutzutage ist diese Tradition jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten.
Wenn der Gemeindemeister die Jahresrechnung dem Gottesvater, den Richtern und Schöppen, dem Gerichtsverwalter und dem Superintendenten vorlegte, ging es meist hoch her. Für Bier, Fleisch und Brot wurden durchschnittlich 4 bis 6 alte Schock ausgegeben. Man bedenke, dass 1670 eine gute Kuh 7 Schock und 7 Groschen kostete. Wenn heute eine kleine Gesellschaft fast den Geldwert einer Kuh verspeist und vertrinkt, dann hat sie sich wirklich etwas Besonderes geleistet und geht nicht nüchtern nach Hause. Unsere Vorfahren waren bei Speis und Trank nicht sparsam.
Im Vergleich zu heute war das Alltagsleben damals oft eintönig. Deshalb nutzten die Menschen jede Gelegenheit, um gemeinsam zu essen und zu trinken. Heute sind große Festessen meist besonderen Anlässen vorbehalten, und die rechtliche Bedeutung gemeinsamer Mahlzeiten ist verschwunden. Dennoch gibt es Parallelen: Auch heute noch wird bei Feiern, Hochzeiten oder Jubiläen gemeinsam gegessen und getrunken, allerdings meist ohne rechtliche Funktion. Besonders bei großen Feierlichkeiten, wie der Einsetzung eines neuen Pfarrers, wurde üppig aufgetischt.
Die Gäste kamen nicht nur aus dem eigenen Dorf, sondern auch aus Nachbargemeinden und dem Adel. Die Mengen an Speisen und Getränken waren beeindruckend und zeigten, wie wichtig das gemeinsame Feiern war. Es genügte dabei die Kochkunst der Baderin keineswegs. Zur Einsetzung des Pfarrers 1645 hatte man eine Köchin aus Werdau geholt. Welche Mengen dort verkonsumiert wurden, ist genau verbucht: Ein Lämmel, ein halbes Schöps, 2 Gänse aus Greiz, 2 Füllhühner, 1 alte Henne, 3 Hähne, auch einige Vögel, Heringe (damals eine Rarität), 2 Pfund Karpfen, 4 Schock Rind- und Schweinefleisch, 4 Pfund Speck, 31 Eier, dazu Korn und Weizenmehl und viel Butter zum Backen.
An Getränken wurden 24 Kannen Wein und 1 Viertel Bier aus Greiz getrunken. Da diese Menge bei Weitem nicht reichte, brauchte man noch 6 Fässer Bier hiesigen Gebräus. Alles in allem kostete die Einsetzung rund 30 alte Schock, das waren rund 400 bis 600 Mark. Dabei ist es nur fraglich, wo man gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges den Mut und das Geld zu solchen Feierlichkeiten hernahm.
Aus der Reichenbacher Zeitung, Küchenzettel um 1935
| Montag: | Makkaroni mit Schinken |
| Dienstag: | Prinzesskartoffeln |
| Mittwoch: | Gebratene Leber mit Kartoffelmus |
| Donnerstag: | Reis mit Rindfleisch |
| Freitag: | Marinierte Heringe mit Kartoffeln |
| Sonnabend: | Speckerbsen mit Sauerkraut |
| Sonntag: | Tomatensuppe mit Sahne abgezogen, Rebhühner mit gemischtem Gemüse und Kartoffeln, geschmorte Pflaumen. |