Ein Personenzug nach Ebersbach mit einer sächsischen IIIb als Zuglok im Oberdorf. Um 1900
Zugunglück 1921 auf der Bahnstrecke Dürrhennersdorf - Ebersbach
Was geschah an diesem sehr heißen Juni Tag 1921. Oskar Schwär erzählt uns in einem Kapitel seiner Chronik „Lebensgeschichte eines Dorfes“ wie er diesen Tag erlebte. Eine Unruhe machte sich im Ort breit, als der Eins-Zug ausblieb. Dann machten schon die ersten Gerüchte die Runde.
„An Aberschbächer – Busche. – Glei hintern irschten Boahnwarterhäusel soll`s poassiert senn. – Mein Gutt, und tut senn se? – An Äberdorfe hoan sie`s krachen hieren. Wie a kurzer Schlag is gewast.“
Auch Oskar Schwär eilte wie so viele in`s Oberdorf um Näheres zu erfahren. An einer Kurve der Strecke, ein kurzes Stück im Walde, zwischen dem Bahnwärterhaus und der Brücke war es geschehen.
Was geschah nun am 25. Juli 1921. In einem Artikel vom Sächsischen Erzähler Bischofswerda vom 27. Juli 1921 lesen wir „ Schwerer Eisenbahnunfall. Auf der Strecke Ebersbach – Löbau ereignete sich Montag Nachmittag ein schwerer Eisenbahnunfall, der in seinen Folgen bedeutend schwerwiegender ist, als es bei dem Eisenbahnunfall bei Taubenheim der Fall war, der erst vor zehn Tagen, also ebenfalls unweit Ebersbach, eintrat. Bei dem Unfall am Montag erlitt ein Lokomotivführer den Tod und ein Heizer wurde schwer verwundet. Der Vorgang ist folgender: Eine Vorspann-Lokomotive, die von Ebersbach nach Löbau zurückfahren wollte, stieß auf offener Strecke, ungefähr in der Mitte zwischen den Stationen Ebersbach und Dürrhennersdorf in voller Fahrt mit einem ihm entgegenkommenden sogenannten Prüfungszug, der nur aus einer Lokomotive und einem Personenwagen bestand, zusammen. Die Mitglieder der Prüfungskommission der Dresdner Eisenbahngeneraldirektion hatten den Personenwagen auf einer der zurückliegenden Stationen verlassen, so dass sich auf dem Zuge im ganzen nur drei Personen, und zwar der Lokomotivführer, der Heizer und der Zugführer befanden. Die Vorspannlokomotive war mit einem Lokomotivführer und einem Heizer besetzt. Der Zusammenstoß muss in ziemlich scharfer Fahrt erfolgt sein. Besonders schwer beschädigt wurde der Personenwagen des Prüfungszuges. Der Lockomotivführer der Vorspannlokomotive, Otto Nietzold aus Löbau ist tot und der Heizer dieser Maschine, G.Rönsch aus Löbau, ist schwer verwundet; ärztliche Hilfe war alsbald zur Stelle. Das Personal des Prüfungszuges erlitt glücklicherweise nur leichte Verletzungen. Der Materialschaden ist bedeutend. Die Untersuchung über die Ursache und die Schuldfrage des Unglücks sind noch nicht abgeschlossen.“
Bereits am nächsten Tag am 28. Juli stand ein weiterer Artikel im Sächsischen Erzähler. „ Das Eisenbahnunglück, worüber wir bereits gestern kurz berichteten, hat noch ein zweites Opfer gefordert. Der schwerverletzte Heizer G. Rönsch aus Löbau, der in der Klinik des Herrn Dr. Wanke in Ebersbach Aufnahme gefunden hatte, ist in der Nacht zum Mittwoch gestorben. Er hatte einen Kniescheiben- und einen Unterschenkelbruch erlitten. Auch wurde ihm der rechte Arm ausgerenkt; am linken Arm und am Kopf hatte er ebenfalls Verletzungen davongetragen. Der tödlich verunglückte Führer der Vorspannlokomotive, der 56jährige Otto Nietzold aus Löbau, der bei dem Zusammenstoß der Maschinen erdrückt wurde, erlitt ferner durch Ausströmen des Wasserdampfes am ganzen Körper furchtbare Verbrühungen. Beide Verunglückte sind verheiratet; sie sollen, wie verlautet, schon 21 Jahre meist gemeinsam auf einer Lokomotive Dienst getan haben. Als Ursache des Unfalles wurde vorläufig die Nichtbeachtung eines Signals festgestellt. Der Revisionszug fuhr gegen ¼ 1 Uhr in Ebersbach weg und kreuzte in Dürrhennersdorf mit dem gemischten Zuge 8665, der täglich von Löbau kommt und in der Regel eine Vorspannmaschine hat. Diese fährt bis Ebersbach und kehrt sofort nach Löbau zurück. Da die Insassen des Prüfungszuges diesen in Dürrhennersdorf verließen und ihre Reise mit der Kleinbahn bis Taubenheim fortsetzten, sollte der leere Prüfungszug nach Ebersbach bzw. über Ebersbach nach Taubenheim fahren, um dort die Herren der Direktion wieder aufzunehmen. Die von Ebersbach nach Löbau zurückzusendende Vorspannmaschine des Zuges 8665 hätte also in Ebersbach warten müssen, bis der leere Prüfungszug dort einlief. Das hat sie nicht getan. Sie ist vielmehr nach Löbau zurückgekehrt und unterwegs mit dem Leerzug zusammengestoßen. Welcher Irrtum den Führer der Maschine oder den Stellwerkswärter auf Bahnhof Ebersbach veranlasst haben, ohne vorschriftsmäßige Abfahrtserlaubnis fortzufahren, wird wohl die Untersuchung ergeben. Die Aufräumungsarbeiten, zu denen auch ein Hilfszug mit Eisenbahnpersonal aus Zittau hinzugezogen worden war, konnten erst abends um 17 Uhr beendet werden.“
Am nächsten Tage verkehrten wieder die Züge auf der Strecke. Oskar Schwär erzählt in seiner Geschichte, wie er am folgenden Sonntag die Angehörigen der zwei Verunglückten aus Löbau traf. Es war die Witwe des Lokomotivführers und die Witwe des Heizers mit ihren zwei Töchtern. Sie baten Oskar Schwär, das er ihnen den Weg zu dem Unglücksort erklären sollte. Er begleitete sie lieber, da er meinte, dass sie schwer den Weg finden würden. Unterwegs sprachen sie viel über die unglücklichen Opfer. Nicht nur über den Tod der beiden Männer, auch über die ersten Ergebnisse der Untersuchung der Ursachen des Unglücks und über voreilige, falsche Mitteilungen der Zeitung sprachen die Witwen; denn sie waren überzeugt, und die Untersuchung hatte es auch bestätigt, dass die Männer bis zum letzten Augenblick ihre Pflicht getan hatten, und sie wollten verhüten, dass etwa ein Makel auf dem Andenken der Toten haftet.
Ein Eisenbahner aus Ebersbach, der viele Jahre auf dieser Strecke gearbeitet hatte, erzählte mir, das an der Strecke ein Gedenkstein zu diesem schrecklichen Unglück gestanden hat. Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, ihn zu finden.