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Amtsblatt der Verwaltungsgemeinschaft für die Stadt Neusalza-Spremberg
Ausgabe 9/2019
Stadt Neusalza-Spremberg
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Interessengemeinschaft Ortsgeschichte Neusalza-Spremberg (IGO)

Was vor 160 Jahren in der Zeitung stand:

Erschienen in: „Oberlausitzer Stadt- und Land-Zeitung“

Amtsblatt für die Gerichtsamts-Bezirke Neusalza und Ebersbach sowie für den Stadtgemeinderath zu Neusalza.

-August 1859- (Verlagshandlung von Louis Oeser, Neusalza)

„*Neusalza. Ein trauriges Ereignis hat hier dieser Tage stattgefunden, welches die größte Theilnahme erregte. Ein in verschiedenen Kreisen der Gesellschaft hier allgemein geachteter und beliebter Mensch im kräftigen Mannesalter, welcher, ein Ausländer von Geburt, sich nach vielen Mühen das Heimathsrecht erworben und nächstens mit seiner verlobten Braut, der Tochter einer hiesigen achtbaren Bürgerfamilie, vor den Altar treten wollte, wurde am Montag den 8. D. M. plötzlich von einer gefährlichen Krankheit befallen und zwar vom Unterleibstyphus, begleitet von heftigen Fieberanfällen. In der Nacht zum Sonnabend, in einem Augenblick, wo den Wächter der Schlaf überwältigt hatte, hat der Unglückliche im Parorismus sich ein Leid angetan und den Tod gefunden. Wie allgemein schon die Theilnahme bei der Nachricht von dem erfolgten Tode sich kund gab, so wurde der Schmerz fast überwältigend, als die Art und Weise des Dahinscheidens bekannt wurde. Doch nicht genug damit. Der Betreffende*) Geistliche glaubte bei dem Begräbnis die kirchlichen Ehren versagen zu müssen. – Am vor. Montag früh 5 Uhr fand das Begräbnis statt. Eine außerordentlich zahlreiche Schaar hatte sich, trotz der frühen Morgenstunde, eingefunden, um dem auf so bedauernswerthe Weise aus diesem Leben Geschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. In feierlicher Stille folgte der lange Zug dem schön geschmückten Sarge, kein Glockenton war zu hören und das Symbol der christlichen Liebe, welches hier sonst jedem Entschlafenen vorangetragen wird, war nicht zu sehen. – Am Grabe sprach einer seiner Freunde einige herzliche und innige Worte zum Troste der Leidtragenden und zur Beruhigung seiner Freunde. – Nach dem Begräbnis ist nun von höherer Stelle die genugthuende Eröffnung gemacht worden, daß die Berechtigung vorgelegen, ein ganz „ehrenvolles“ Begräbnis verlangen zu können, so daß nun wenigstens die Ausschmückung des Grabes erfolgen kann und dieselbe geduldet und – geschützt werden muß.

*) Der Verstorbene fungierte als Werkführer in einer Fabrik, welche auf Sopremberger Boden steht und in welcher er auch seine Wohnung hatte.“

Anmerkungen:

Lange Zeit war es üblich, dass „Selbstmördern“ kirchliche Ehren verwehrt wurden.

Unter Parorismus ist eine Verschärfung der Krankheit mit sich wiederholenden Anfällen usw. zu verstehen.

Der Verstorbene war Belgier und hieß Henri Petit. Er war Werkführer der „Flachsbereitungs-Anstalt nach Belgischer Methode v. Adolph Tuchatsch in Neusalza“. Dieser Betrieb befand sich auf dem Gelände des heutigen „plastic concept GmbH Neusalza-Spremberg“ in Neuspremberg.

Horst Wagner, IGO