Hermann Freund
Gleichstrommonteure um 1898 -1899 in Dürrhennersdorf
Wie und wann kam der Strom zu uns nach Dürrhennersdorf?
Diese Frage bewegte mich schon lange. Aber in alten Aufzeichnungen und auch in den alten Niederschriften von früheren Gemeinderatssitzungen kann man leider nichts darüber lesen. So ist uns zwar von Oskar Schwär´s Aufzeichnungen bekannt, dass 1879 ein gewisser Anton Hummel eine Bauernwirtschaft gekauft hatte. Heute ist es das Grundstück Straße des Friedens 168, früher Nr. 15 bei Bitterlich, Zabel. Er war zur See gefahren und hatte in der weiten Welt, Amerika und Australien viele Neuerungen gesehen. So ließ er bald auf seiner Scheune eine Windturbine aufstellen und deckte das Gebäude mit Blech ab. Auf den anderen Höfen mussten Pferde oder Kühe den Göpel ziehen.Hummel benutzte zum Dreschen die Kraft des Windes. Auch zeigten alte Aufnahmen vom Bahnhof, dass der Bahnübergang mit Laternen beleuchtet wurde. Es waren Gaslaternen. Neben dem Bahnübergang war ein Schuppen in dem ein Entwickler für Karbid stand. Auch wissen wir, das 1902 als Ernst Jähne bei uns die Weberei eröffnete, die Dampfmaschine in Gang gesetzt und auch der Dynamo - Generator in Betrieb genommen wurde. Das war für den eigenen Betrieb, aber was war im Ort. Ein genaues Jahr, wann nun der Strom zu uns in den Ort kam, können wir nicht benennen. So vermerkte Oskar Schwär nur, das es am Anfang des Jahrhunderts viel neues gab. „ In den meisten Häusern war man bereit zu einem bedeutsamen Wandel in der Beleuchtung: die Petroleumlampe diente als Notbehelf, in den Stuben und Fluren, ja auch in Ställen knipste man das elektrische Licht an. S kleene Lampel, dass auf dem Hausfenster das schwache Licht aus der Tulpe scheinen ließ, verschwand. Es leuchtete heller aus den Fenstern“
Zeitlich eingrenzen konnten wir den Zeitraum, als Dieter Wenzel eine Postkarte und Bilder von seinem Großvater Hermann Freund fand. Die Postkarte war 1900 in Kratzau in Böhmen abgestempelt. Geschrieben hatte sie ein ehemaliger Kollege, Georg Wünsche, an den „Gleichstrommonteur „ Hermann Freund. Alwin Hermann wurde am 25. Februar 1879 in Dürrhennersdorf Nr. 106 geboren. Er wurde nur 35 Jahre alt, denn am 12. Oktober 1914 fiel er im I. Weltkrieg. Er baute mit anderen Gleichstrom - Monteuren aus Sachsen und der damaligen K.u.K. Österreich das Stromnetz von Neusalza mit auf ( Damals war Neusalza noch nicht mit Spremberg vereint ). Die ersten Kraftwerke in der Oberlausitz entstanden bereits 1894 in Oderwitz und Eibau. 1896 dann in Ebersbach und Hirschfelde. Allerdings waren deren Leistungen sehr gering. Günter Hensel von der Neusalza-Spremberg Interessengemeinschaft Ortsgeschichte teilte mir viel über die Geschichte des Neusalzaer Elektrizitätswerke mit. Am 1.Oktober 1898 nimmt in Neusalza auf dem Grundstück in der Zittauer Straße gegenüber dem Spremberger Pfarramt das erste Elektrizitätswerk der Oberlausitz seinen Betrieb auf. Auf diesem Gelände befand sich einst die Produktionsstätte der Donathschen und später Oeserschen Druckerei Neusalza. Als dieses Gebäude zu klein für die gestiegene Produktion wurde und sie in die Bautzener Straße umzog kaufte es das Kgr. Sachsen. Es wurde Sitz des Königlichen Gerichts bis 1888. Am 01. März 1897 kaufte nun die „Union-Elektrizitätsgesellschaft Berlin das Grundstück. Im Juli 1897 wurde bereits ein entsprechender Vertrag über das E-Werk unterschrieben. Die Leistung dieses „Elektrizitätswerk Oberlausitz“ lies sich nicht mit den bis dahin kleineren Elektrizitätswerken vergleichen. So bezeichnet man zu Recht dieses als erstes Kraftwerk Ostsachsens. Da die Union-Elektrizitätsgesellschaft Berlin auch im damaligen K.u.K. Österreich-Ungarn aktiv war, entschied man durch die geographische Lage auch Orte in Böhmen ( Schluckenauer Zipfel ) mit anzubinden. ( Diese Leitungen wurden Ende des I.Welkrieges durch die neu gegründete 1. Tschechische Republik gekappt.) Das erklärt auch die Zusammensetzung der Bautrupps aus Sachsen und Böhmen.
Auf Basis der Kohleverbrennung erzeugte dieses Werk bereits Drehstrom ( 3 KV ) und Gleichstrom ( 2 x 110V ) Der Strom wurde mit vier Dampfmaschinen unterschiedlicher Leistung erzeugt. Das Schwungrad der größten Dampfmaschine besaß einen Durchmesser von 4 m. Dazu kamen auch Akkumulatoren, die dazu dienten um in Spitzenzeiten auf Stromreserven zurückgreifen zu können. 1909 waren 28 Ortschaften an das 3-kV- Netz angeschlossen. Davon lagen acht Orte in Böhmen. In dieser Zeit lag die Maschinenleistung bei 990 kW und die Akkumulatorenleistung bei 162 kW. Die maximale Belastung im Netz betrug 850 kW. Es zeigte sich, dass die Erzeugung der Energie durch den steigenden Strombedarf bald nicht zu schaffen war. Es gab keine Erweiterungsmöglichkeiten im Standort Neusalza. Auch der umständliche Kohlentransport war dafür verantwortlich. Die Kohlelieferungen erfolgten nämlich mit der Eisenbahn bis zum Bahnhof Neusalza – Spremberg und dann mit Pferdefuhrwerken zum Kraftwerk. Auch im Jahre 1909 beschlossen deswegen die Verantwortlichen der „Elektrizitätswerke Oberlausitz Neusalza“ den Bau der Kraftstation Hirschfelde. Diese wurde am 13. April 1908 in Betrieb genommen. Dieser Standort konnte wirtschaftlich durch die Nähe der Neiße (Wasser zur Kühlung) und vor allem durch den schon 1907 aufgeschlossenen und in unmittelbarer Nähe befindlichen Tagebau „ Herkules“ (nach dem II. Weltkrieg in Polen) mit Kohle versorgt werden. Nach 1911 erfolgte schließlich die Verlegung der gesamten Elektrizitätserzeugung nach Hirschfelde. Das Kraftwerk in Neusalza wurde 1912 stillgelegt. Das Werk diente noch einige Zeit als Umspannstation. So waren ab 1912 das 40-kV-UW Oberoderwitz und ab 1913 das 40/6-kV-UW Neusalza in Betrieb. Die 40-kV-seitige Einspeisung erfolgte aus der 1912 gebauten 40-kV Leitung KW Hirschfelde – UW Wehrsdorf.
So können wir heute mit Sicherheit sagen, dass 1899 bzw. 1900 bei uns in Dürrhennersdorf der Strom angekommen war.