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Peitzer LandEcho - Beilage: Amtsblatt für das Amt Peitz mit seinen Gemeinden
Ausgabe 2/2026
Nichtamtlicher Teil
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Hotel „Stadt Frankfurt“ in der Kaiserzeit

Abb. 1: → Kegelbahn und Kegelhaus vor dem großen Garten neben dem Gast- und Wohnhaus „Stadt Frankfurt“ → um die Jahrhundertwende, Postkartenausschnitt.

Abb. 2 Blick in den für eine Hochzeitsfeier hergerichteten Saal, Postkartenausschnitt

Abb. 3: Baustelle am Hotel „Stadt Frankfurt“ Anfang Juni 1912

Abb. 4: Hotel „Stadt Frankfurt“ an der Straßenecke Um die Halbe Stadt und Neue Bahnhofstraße. An der nördlichen Hauswand ist der Vorbau zu sehen, in dem Getränke über die Straße verkauft wurden.

Nachdem der Restauranteur Carl HÜBENER aus Brandenburg an der Havel vom Cottbuser Kreisausschuss die Konzession zum Gast- und Schankbetrieb des „Gasthof Stadt Frankfurt“, (ehemaliger „Gasthof Louisenruh“) und des zuständigen Amtes erhalten hat, kauft er am 23.06.1890 das Grundstück vom Rentier Hermann ZAHL mit einer Resthypothek von 15 000 Mark bei einem ausgewiesenen Wert von 26 000 Mark. Bereits nach einem Jahr wechselt erneut der Besitzer.

Am 09.07.1891 erhält der Gastwirt Carl ILLING (1856-1913) aus der Nähe von Magdeburg die Konzession. Die Startbedingungen für den Familienbetrieb sind ungünstig. Ein Peitzer Sommerhochwasser steht in den Niederungen 10 Monate, senkt die Erträge auf ein Drittel und erhöht die Lebensmittelpreise. Eine landesweite Überproduktion senkt die Tuchpreise und die Löhne und leitet den Zerfall der Peitzer Tuchmacherinnung ein. Carl ILLING setzt sein Geschäftsmodell erfolgreich um. Einerseits hält er sein schattiges Gartenlokal mit einer Bühne ab 1892 der sogenannten „besseren Gesellschaft“ vor und bietet neben Konzerten der Peitzer Stadtmusikanten und des Turner-Gesangsvereins auch Auftritte des Peitzer Theatervereins „Thalia“ an. Andererseits dient der Saal wie vor zehn Jahren zu Zeiten des Gastwirts SCHENK Versammlungen des Sozialdemokratischen Arbeitervereins. Unter regem Zuspruch gründet 1894 der aus Guben zugezogene Schlosser PETZOLD einen Peitzer Ortsverein, der unter Polizeiaufsicht steht. PETZOLD arbeitet in der Schuhfabrik Riccius am ehemaligen Lieberoser Tor. Als den vierzehntägigen Vereinsversammlungen und Agitationsveranstaltungen Vergnügungsabende mit weiblicher Gesellschaft folgen, erhöht sich die Attraktivität weiter. Dagegen machen die bürgerlichen Parteien mobil und der Verein findet, nachdem auch führende Mitglieder ihren Arbeitsplatz verloren haben, für seine Veranstaltungen in Peitz kein Lokal mehr. Die Ottendorfer Feuerwehr, der Handwerkerverein, Lehrerkonferenzen des Landkreises Cottbus und Tagungen der Forstvereinigungen füllen die Gästeliste für größere Veranstaltungen der neunziger Jahre. Die Peitzer Stadtkapelle unter der Leitung von Musikdirektor Adolf BINGANG (1857-1930) lädt im Sommerhalbjahr an den Wochenenden ein. Zum Kaffee werden Kuchen und Plinse angeboten. Besondere Höhepunkte für Jung und Alt sind in jedem Jahr die drei Pfingstfeiertage.

1901 sind neben dem Wohnhaus/Gasthof und dem Kegelhaus mit der Bahn und dem großen Garten (mit dem Hofraum 2 960 qm) des Carl ILLING auch die Brauerei/Wohnhaus mit Anbau (mit einem Nutzwert von 651 Mark), die Scheune mit Remise und Stall auf dem benachbarten Grundstück des Rentier Hermann ZAHL ausgewiesen (August-Bebel-Straße 7).

Im Konkurrenzkampf um Peitzer Gäste profilieren sich neben „Stadt Frankfurt“ das „Schützenhaus“, das „Bergschlösschen“, die „Maustmühle“ und eingeschränkt das „Deutsche Haus“ am Markt. Unter ihnen gibt es aber Beispiele solidarischen Handelns. Die kleineren Gaststätten mit Saal („Goldenes Schiffchen“, „Stadt Berlin“, „Ruff“ in der Hauptstraße und „Dietrich“ am Hirtenplatz) und viele aus der Peitzer Umgebung schließen sich 1899 unter Führung des Gastwirt Wilhelm BERTH von der „Veste Peitz“ in einem Verein zusammen. „Ruff“ wird aufgeben, „Fürst Pückler“ und das „Goldene Schiffchen“ gleiten ins Kneipenmilieu ab. Die Lokale der Vorstädte konzentrieren sich auf ihre Kunden aus der Nachbarschaft. Unter ihnen profiliert sich vor dem ersten Weltkrieg vor allem Hermann LEHMANN am Hirtenplatz in der Cottbuser Vorstadt.

Carl ILLING führt seinen Gasthof nicht nur ertragreich und kann ab 1904 aufgenommene Hypothekenanteile tilgen, sondern auch vorbildlich den Vorschriften entsprechend, denn in den Polizeiberichten gibt es im Gegensatz zu vielen anderen in seinem Lokal nichts zu beanstanden.

Vom Stadtbahnhof kommen immer mehr Geschäftsreisende und Touristen und Carl ILLING erhält 1907 auch die Konzession zum Betrieb des „Hotel Stadt Frankfurt“. Beliebt ist der Saal auch als Hochzeitssaal. Er hat die Größe von 110 qm.

Für die Vielfalt der Veranstaltungen seien weitere Beispiele genannt. Seit 1902 organisiert die Diakonie für ihre 50-60 Kleinkinder der Kinderverwahranstalt/Kleinkinderschule in der ehemaligen alten Fabrik des Tuchfabrikanten BOYDE in der Schulstraße 5a Gartenfeste mit ihren Eltern bei ILLING. Das wird bis zum Einzug in das Gemeindehaus in der Schulstraße 5 wahrgenommen. Die Kleinkinderschule feiert jährlich auch den Geburtstag der Kaiserin mit Trinkschokolade und Kuchen. Aus diesem Anlass marschieren die Mädchen mit Kopfkränzen und die Jungen mit Helmen, lärmenden Trompeten und wehenden Fahnen durch die Stadt zum Hotel. Die Strickschule (Jungfrauenverein) führt Festspiele durch. Der gemischte Chor unter Organist ENGLER oder der Männerchor unter Kantor KÖPPEN bieten gut besuchte Wohltätigkeitskonzerte an, die zwischen 60 und 120 Mark Reinertrag bringen. Ab 1908 tagt die Kreislehrerkonferenz unter Leitung des Kreisschulinspektors HOHMANN im Saal. Dabei sind aus Peitz beispielsweise die Lehrerin Fräulein PRALLE mit dem Vortrag „Hauswirtschaftliche Unterweisungen der gesamten weiblichen Jugend“ und Lehrer KRÜGER aus Bärenbrück mit dem Thema „Turnen und Turnspiele“ vertreten oder Herr Lehrer PIRKE aus Peitz stellt ein neues Lesebuch vor. Zum Angebot gehören auch Militärkonzerte, bei denen sogar zwei Kapellen zum Tanz aufspielen. Auch haben die Turnvereine aus Spremberg, Werben und Neupetershain bei ILLING ihre Standquartiere. Typisch für diese Zeit sind Festessen, die aus den verschiedensten familiären und betrieblichen Anlässen stattfinden.

Die Leistungsfähigkeit der Küche mögen zwei Beispiele belegen. Der Kreisverband der Frauenhülfe Cottbus organisiert im Juni 1909 ein Wanderfest und 600 (!) Gäste erscheinen im Hotelgarten zu Kaffee und Kuchen. Aus der Hotelküche kommen 800 Tassen Kaffee. Beim Festessen anlässlich der Weihe des Gemeindehauses in der Schulstraße (Diakonie) am 4. Mai 1911 werden 84 Gäste bedient. Über die Anzahl der Bedienungskräfte in dem Familienbetrieb sind in den gesichteten Dokumenten keine Angaben gefunden.

Der rege Betriebsablauf und die hohe Auslastung fordern bauliche Veränderungen. Folgerichtig plant der Hotelier ILLING einen Umbau im Gasthaus und einen Anbau am Westgiebel zwecks Erweiterung der Gästezimmer. Dies wird 1912 umgesetzt. Der Peitzer Maurer- und Zimmerermeister Franz DAEHN erhält Ende Februar den Auftrag, plant im Bereich der alten Wohnung an der Gartenseite zwei neue Gastzimmer und verlegt den Wohnbereich hinter die alte Gaststube rechts, die bestehen bleibt und einen neuen Eingang erhält. Die Schlafstube befindet sich bereits im Anbau vor einer durch den Neubau führenden Durchfahrt in den Hof. Straßenseitig vorgesetzt ist an der Schlafstube ein kleiner Vorbau für den Straßenverkauf von Getränken. Hinter der Durchfahrt ist im Erdgeschoss eine Destille.

Der Rohbau kann im Juni fertig gestellt und abgenommen werden. Der Innenausbau ist im Oktober geschafft und der Polizeisergeant WERNER kontrolliert die Zimmereiarbeit an den Treppen zu den Gästezimmern in der oberen Etage. Bereits in der Vorweihnachtszeit soll das Hotel voll ausgebucht gewesen sein und erlebt vor dem ersten Weltkrieg als „erstes Haus am Platz“ seine Blütezeit.

Einem außergewöhnlichen Zweck dient das Hotel am 18. und 19. März 1913. Ab 7 Uhr sind junge Männer aus Peitz und am nächsten Tag aus umliegenden Gemeinden zur Musterung einbestellt. Das sehr arbeitsreiche letzte Jahr forderte seinen Tribut. Carl ILLING bekam einen Schlaganfall, dem er am 18. Juni 1913 erlag. Seine Witwe Agnes ILLING (31.10.1865- 02.08.1925) führt mit ihren Töchtern Johanna und Gertrud das Hotel weiter. Den Terminkalender für Veranstaltungen füllten weiterhin die Vereine. Neu hinzugekommen war der Landwirtschaftliche Verein für Peitz und Umgebung (Vorsitz: Hauptmann ROEMELT aus Turnow), der ab November im Winterhalbjahr auch Fortbildungsvorträge anbot.

1913

Mit Ausbruch des Krieges wurde der allgemeine Geschäftsbetrieb gedrosselt. Aber die Gemeindeabende mit dem Oberpfarrer, Vorträge mit Lichtbildern aus aller Welt oder Skatrunden fanden weiterhin statt. Auch lädt die Peitzer Frauenhilfe unter Leitung von Clara BOYDE zu Kaffee und Kriegskuchen Bedürftige ein. Im September 1918 wählt die Frauenhilfe während der Generalversammlung in ihrem Stammlokal Frau STILLE zur neuen Vorsitzenden, die untertänigst noch im Oktober ein Huldigungstelegramm an den Kaiser auf den Weg bringt.

Zusammengestellt von Friedrich Bange
Freundeskreis Peitzer Regionalgeschichte