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Peitzer LandEcho - Beilage: Amtsblatt für das Amt Peitz mit seinen Gemeinden
Ausgabe 9/2026
Nichtamtlicher Teil
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Wenn der müde Tod auf den ausgeblasenen Ofen scheint

 

Ein Hochofen, der nicht mehr brennt, hat etwas ungemein Geduldiges. Er steht da, kalt seit Generationen - „ausgeblasen" nennt das der Hüttenmann in seiner erfreulich unsentimentalen Fachsprache - und wartet offenkundig auf kein Feuer mehr, sondern auf Museumsgäste. Fünf Mal haben wir ihm bereits etwas Flackerndes auf seiner Haut zu dulden gegeben; kein Feuer mehr, nur Licht aus einem Projektor, das sich in seinem grobschlächtigen Putz verfängt und dort tut, was keine steril ordentliche Leinwand je erlauben würde: Es wandert, es zerläuft, es nimmt die Wand mindestens so ernst wie die Szene. Und noch immer, nach vier Abenden, hat das nicht an Reiz verloren, wenn es sich bei der Szene um jene eines Stummfilmklassikers handelt.

Inzwischen hat sich die Sache eingespielt. Zweimal im Jahr, jeweils zur horologischen Rolle rückwärts oder vorwärts, treffen wir uns unter dem Dach der Bohlenbinderhalle. Beim herbstlichen Sonntag reden wir sonst eigentlich vom „Abfischensonntag“ und alle wissen Bescheid. In diesem Jahr allerdings fällt der Abfischensonntag auf den 1. November, sodass die große herbstliche Stundenrückgabe eine Woche früher stattfindet, also am 25. Oktober. Dann wird jedem eine zusätzliche Stunde in die Hand gedrückt, mit der viele Menschen nichts Vernünftiges anzufangen wissen. Wir schon!

Merken Sie sich also den 25. Oktober 2026, wenn es zum fünften Mal heißt: HochofenStummfilmOrgel – diesmal mit Fritz Langs „Der müde Tod" und Jack Day an der Orgel

Der Film, 1921 entstanden und von seinem Regisseur trotzig als „deutsches Volkslied in sechs Versen" untertitelt, erzählt von einer jungen Frau, die ihren Bräutigam vom Tod zurückverlangt. Der Tod ist hier kein Sensenmann mit Effekten, sondern ein erschöpfter Beamter des Unvermeidlichen, der ein Grundstück am Friedhof gekauft und mit einer Mauer ohne Fenster und ohne Türen umgeben hat – und der der Frau schließlich gesteht, dass er des Tötens längst überdrüssig, aber leider weisungsgebunden sei. Hinter der Mauer liegt eine dunkle Halle, in der die Lebenslichter der Menschen brennen, flackern und verlöschen, wenn ihre Stunde gekommen ist.

 

 

An die Schuke-Werksorgel auf der oberen Gichtbühne setzt sich diesmal der Berliner Kantor und Konzertorganist Jack Day, Jahrgang 1979, ausgebildet in Manchester, Cambridge, Tübingen, Trossingen und Stuttgart, seit 2017 an der Luisenkirche in Berlin-Charlottenburg und ausgezeichnet unter anderem in Biberach und bei der Internationalen Sommerakademie Ochsenhausen. Die Vertonung von Stummfilmen ist bei ihm keine Gelegenheitsarbeit, sondern Spezialität – „Der müde Tod" stand bereits auf dem Programm seines Berlinale-Off-Events an der Luisenkirche. Er wird also nicht zum ersten Mal mit diesem Film ringen, wohl aber zum ersten Mal auf einem Instrument, das seinen Wind mit einem Bauwerk teilen muss, dem man den seinen genommen hat.

Wenn sich die Nacht über die hölzernen Gerippe der Bohlenbinderhalle senkt.

Wenn die Fassade des Hochofens noch einmal zur Leinwand wird und dabei kein bisschen so tut, als wäre sie eine.

Wenn die Lebenslichter in Fritz Langs dunkler Halle zu flackern beginnen, hoch über uns.

Wenn Jack Day an einer am denkbar ungewöhnlichsten Ort aufgestellten Orgel jene Musik erfindet, die es zu diesem Film nie gegeben hat und die es nach diesem Abend auch nie wieder geben wird.

Wenn die Frau am Ende vor der Wahl steht, ein fremdes Kind dem Tod zu überlassen oder ihren Geliebten zu verlieren.

Und wenn die Zeit sich in dieser Nacht ohnehin um eine Stunde zurückwirft, was für einen Film, dessen Heldin genau das vergeblich versucht, von einer beinahe schon unhöflichen Passgenauigkeit ist.

 

 

Klingt das nach Ihrer Definition eines mit Kulturromantik vollgestopften Abends? Dann ziehen Sie sich etwas wärmer an, als Sie es für nötig halten – der Ofen heizt seit 1858 nicht mehr –, und kommen Sie zum üblichen Eintrittspreis von 10,00 Euro in die Hochofenhalle des königlichen Hüttenwerks zu Peitz.

Mirko Huhle