Hühnerblind (Schlüsselblume)
Mäusekutteln (Vogelmiere)
Brauner Wiesenknopf
Altes Sprachgut in unserer Umgangssprache
Von Lehrer Hunger, Costewitz
Immer wieder muss man beklagen, dass unsere schnelllebige Zeit manches gute alte hinwegfegt; und unsere Heimatblätter sind ja mit dazu berufen, Wertvolles in der Erinnerung festzuhalten, das zu verschwinden droht. Wir trauern alten malerischen Fachwerkhäusern nach, die heute häufig durch kalte Steinmauern ersetzt werden, unsere Aue wird in ihrem Baumbestand immer ärmer, gute, echte Sitten werden vergessen oder erstarren zu formlosen und unverstandenen Äußerlichkeiten.
Zum Glück gibt es noch etwas, das altes Leben bewahrt und auch neues hervorzaubert: das ist unsere Sprache, vor allem die Umgangssprache. Unsere Schriftsprache wird immer abstrakter, aber die Mundart weist noch eine Fülle bildhaften Sprachgutes auf, das wohl kaum durch die Einflüsse des Gelesenen, der Schulbildung, des Rundfunks usw. verdrängt werden wird. Dazu kommt, dass unsere Bewohner, vor allem der Dörfer, noch fest genug mit ihrer Scholle verbunden sind.
Man könnte einmal besondere Eigentümlichkeiten unserer Pegauer Umgangssprache untersuchen und ihren Ursachen nachspüren; man denke an die abweichenden Geschlechtsbestimmungen (die Schacht, das Gürtel, der Gift, der Vergißmeinnicht, das Hirsch, der Nuß, das Ast) oder die auffallenden Kürzungen (die Naddel (Nadel), der Budden (Boden), das Wissel (Wiesel), die Hasselnuß (Hasel) oder die Nasallaute Kenger (Kinder), hängne (hinten), ungne (unten), bängen (binden) oder an das Althochdeutsch erinnernde Dehnungen Bruch (Bruch).
Welch schlagfertigen Humor hören wir oft von einfachsten Leuten! Wer weiß, was ein Filzschuhgießer, was ein Distelpfropper ist? Und wie treffend wird der Kirchendiener als „geistliches Sackband“ bezeichnet.
Wie schöpferisch ist auch unsere Jugend, wenn manche Wortbildung auch nicht gerade glücklich ist. Da prasselt der Lenz oder Laura (Sonne), man nimmt sich Zahn und Gurke (Zeit), man baut eine Sülze, klaviert, fußballert, ziegelt (stellt sich auf die Zehenspitzen).
Die folgenden Ausführungen wollen einmal einiges aus dem Sonderwortschatz bringen, der unserer Umgangssprache noch eigen, aber im Hochdeutschen zum guten Teil verschwunden ist oder nicht mehr verstanden wird. Manch „Gebildeter“ schämt sich vielleicht ihres Gebrauchs; aber das ist es ja, daß manches Wort gleich einem verachtetem Blümlein sich ins Verborgene zurückgezogen hat, man muß erst Geröll und Gestrüpp beiseite schaffen, um es in seinem wahren Wert und Glanz zu erfassen. Sehr oft verbergen sich hinter solchen Worten uralte Anschauungen, längst vergessene Sitten, Abstammungen aus den Anfängen unserer Sprache.
„In die Zeiten jenseits des Beginns der deutschen Sprachquellen geht ein guter Teil unserer Mundartlichen Unterschiede zurück. Es ist also ein arger Irrtum, wenn man früher geglaubt hat und wenn der Glaube noch heute vereinzelte Anhänger findet, als ob die Mundart verdorbene Schriftsprache sei. Sie ist die Angeborene, Urwüchsige, zu aller Zeit Vorhandene, während die Schriftsprache das Spätere darstellt, das erst auf einer bestimmten Stufe der Kultur sich entfalten konnte.“ (Behaghel, die deutsche Sprache.)
Mancher Ausdruck wurde in althochdeutscher Sprache geprägt (ahd. bis etwa 1100), und dann in der folgenden mittelhochdeutschen Sprachperiode umgewandelt (mhd. etwa 1100-1500). Unsere Mundart hat häufig dieses alte Wortbild bewahrt, während es später in neuhochdeutscher Zeit (nhd. etwa seit 1500) noch eine Umwandlung in der Schriftsprache durchmachte. Mancher Ausdruck kam als Lehnwort aus fremden Sprache zu uns (lateinisch, jüdisch, slawisch, französisch) und der Volksmund gestaltete sich die Wörter zurecht, indem sie anderen Wörtern angeglichen und unverstandene Wortteile durch bekannte ersetzt wurden.
Jede Gegend hat ihre Besonderheiten in der Sprache, und ich habe seit Jahren viele Wörter und Wortbilder gesammelt, die mir ganz fremd oder mindestens in ihrem Sinn unverständlich waren. Freilich muß man, um mit Luther zu reden, „dem gemeinen Mann aufs Maul sehen“, zumal gerade die ältere Generation noch Wortprägungen kennt, die auch den jüngeren Einheimischen schon fremd werden. (Z.B. Kosent, Biermärte, Quehle).
Ich benutze dazu Karl Müller-Fraureuth, Wörterbuch der obersächsischen und erzgebirgischen Mundarten und Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.
Zunächst will ich eine kleine Auswahl der gesammelten Wörter in eine kurze Plauderei kleiden und dann einige Wörter sprachgeschichtlich erklären.
Sonnabend Nachmittag ists. Die Bauersfrau geht in den Krätzgarten, um ein bißchen zu kräpeln. In der Hand trägt sie einen Bänert, denn sie will Mäusekutteln für ihre Hühner sammeln, die unlustig im Hofe zofen. Ein Mauertswulf hat die Beete durchwühlt, gerade dort, wo im Frühjahr der Hühnerblind so schön blüht. Die Frau fühlt die Wäsche auf der Leine an. Trotzdem der Lenz prasselt, sind einige Stücke noch glauch. Die Hitze hat das Regenfaß zerlechzt, und die Frau rollt es in einen Wassertümpel, damit es wieder verbient. In der Gartenlaube liegen eine ganze Schwiet Weiden, die der Vater braucht, um die Obstschwingen auszubessern.
Während die Mutter im Garten rumkräbelt, ist die große Tochter im Hause nicht müßig.
Sie hat das Vieh beschickt und die Milchlasen gereinigt. Nun will sie schnell noch ihr alte Arbeitsjacke aufdrieseln, dann muß sie sich um das Essen bekümmern, heute gibt’s bloß Biermärte, aber auch kräftigen Schiewickenkäse stellt sie auf den Tisch. Dann eilt sie in die Vorratskammer, ein kleines Käfter, und schneidet den Kuchen zurecht, der auf der Fertigwäre steht, denn heute Abend kommen die Nachbarn zur Schlapperrunde. Die Mutter kommt dazu. „Haste den Müller Rieken eingeladen? Sonst treten mar me bei der ins Fettnäpfchen! Na hinte Abend wird’s widder enn Paßprich geben! Nachtens bei Meier Selmann haben wir uns so richtig ausgemärt!“ – Da klappern darußen auf dem Hoiste ein Paar Holzlatschen und herein bernscht der kleine Bruder, der fünfjährige Fritze, er hat fast keine Mägse mehr. Er riecht den guten Kuchen und quengelt die Mutter um ein Stück. Er prankelt so lange, bis er endlich ein Stück in das dreckige Mäulchen schieben kann. Dann geht das Erzählen los, wie er mit einer Herd Jungen auf der Purscheune und im Bansen sich rumgesielt und bärnsch gemacht hat. Er hat dabei den großen Paul vom Nachbar so richtig gemeiert. „Na, mach keine Kinkerlitzchen“ meint dir Mutter, „schieb wieder ab und quärgel uns nicht so vor den Beinen rum, man wird ja ganz meeßeldrächtig.“ Der Junge saust ab, um 5 Uhr muß er doch auf dem Kirchturm sein, um den Sonntag einläuten helfen. Der erste Pulsen ist schon vorbei.
Der Vater tritt in die Stube, er hat den alten Kufdemahd umgehauen, den der Sturm vor einigen Tagen arg mitgenommen hatte. Er wäscht sich die Hände und trocknet sie an der Quehle. Durch einen Schister im Hoftor hat er seinen Jüngsten schon beobachtet und von seinen Schandtaten auf dem Scheunenpansel gehört. Der muß mal Sänge krein, so denkt der Bauer, dieweil der Sprößling den dritten Pulsen läutet.
Erklärungen:
1. Bänert, von slaw. Bané (Flechtkorb), lat. Panarium (Brotkorb), benna (Korbwagen). Heute wird der grobe, runde Handkorb aus ungeschälter Weide besonders zum Kartoffellesen verwendet.
2. Mäusekutteln, Mäusegedärm, die Vogelmiere (Stellaria media), die schwachen, zum Teil niederliegenden Stengeln verschlingen sich darmartig. Kuttel (Kaldaune, Eingeweide), auch sehniges und häutiges Fleisch übertragen auf lottrige Kleidung: sie schleppt die Kutteln (Rockteile).
3. zofen, die Hühner stehen unlustig im Hofe herum, mhd. slufzen (seufzen). Dazu gehört zieserig (frieren), frösteln, vor Kälte zittern.
4. Mauertswulf, Maulwurf. Ahd. Muwerf, mhd. moltwerf: molt (Erde, Staub (Müll!)) „Das Tier, das Erde aufwirft“).
5. Hühnerblind, Hinnerblend, so wird das gemeine gelbe Himmelschlüssel (Primuö elatior) im Gegensatz zum duftenden dunkleren Hühnerblind genannt. Vielleicht ist der Name von den Hühnern, die nach Sonnenuntergang schlecht sehen, übertragen: Hühnerblind, also Blume die man in der Dunkelheit nicht erkennt (? Mü.-Fr.).
6. glauch (feucht) Wäsche ist glauch, vom Getreide, Mehl, Salz (Dumpfig). Mhd geluch (glänzend, geschwollen, gedunsen).
7. zerlechzen, das Regenfaß wird durch Trockenheit undicht. Luther schreibt Pred. Sal. 12,6 der Eimer zerleche an der Quelle. Das Wort stammt vom ahd. Lecchan, mhd. lechen (tröpfeln). Die Schriftsprache kennt nur die junge niederdeutsche Form: leck.
8. drieseln, aufdrieseln, aufdröseln (auftrennen, aufdrehen) mhd. trasme (der Faden).
9. Mären, von mhd. maeren (weitläufig erzählen, ungeorndet, langweilig berichten). Die ursprüngliche Bedeutung ist eintunken, einweichen, eine weiche Masse umrühren. Davon stammt unser Märte (Suppe), ahd. merot, merata, merda (Gemisch, Suppe). Heute lebt der Sinn noch in Biermärte (Bierkaltschale, Dünnbier mit eingebrocktem Brot) fort. Der braune Wiesenknopf wird auch Biermärte genannt, vielleich wegen der rötlichbraunen Farbe seiner Blüten.
10. Schiewicke, die Blütendolden des Holunders (Sambucus nigra), auch der ganze Baum wird so genannt. Besonders bekannt Schiewickenkäse, mit Holunderblüten gewürzter Käse. Von sorb. dziwiboz (wilder Flieder)?
11. Käster, kleiner enger Raum, ahd. chasteri (Bienenkorb); lat. Cavea.
12. me, von meinen, wird im Satz eingeschoben in der Bedeutung: das meine, glaube ich, das ist selbstverständlich, z. B.: er soll me krank sein, er will me schon in Pegau gewesen sein, bei dem Wetter nehme ich me den Regenschirm mit.
13. ins Fettnäpfchen treten, es mit jemanden verderben, bei ihm Anstoß erregen, es ‚verschütten‘. Es gibt verschiedenen Erklärungen dafür. Man hat an die frühere Sitte gedacht, den Braten an dem Spieß herzurichten. Das herabträufelnde Fett wurde in einem Napfe aufgefangen. Wer in diesen hineintrat, konnte wohl den Brateneigentümer in Zorn versetzen.
14. Paßprich, Paßplich, eigentlich Paßbrief, von franz. Passeport, bedeutende gerichtliche oder behördliche Zuschrift, lange, umständliche Beschreibung, daraus unnötiges, unklares Gerede. Redensart: er macht einen langen oder großen Paßprich.
15. nachten, gestern Abend, an anderen Orten auch allgemein: gestern, mdd. Nehten (in der vorhergehenden Nacht). Die Germanen rechneten nicht nach Tagen, sondern nach Nächten.
16. Mägse, ich habe keine Mägse mehr, die Kraft versagt (nach einer Anstrengung). Das Wort gehört zu mögen, etwas vermögen, ahd. magan, mhd. magenkraft (große Kraft).
17. quengeln, mit kleinlichen Bitten peinigen, drängen, nicht in Ruhe lassen, von mhd. twengen (drücken, zwängen).
18. Pur-(Por) scheune. Im ahd. bedeutet bor der obere Raum, empor (in die Höhe), aus in und bor; Empore, früher Emporkirche, Vorkirche; entboren, empoören (erheben machen).
19. Bansen, Banse, Bansel, der Raum neben der Tenne in der Scheune; gotisch bansts (Scheune), eigentlich ein durch Flechtwerk abgegrenzter Raum.
20. sielen, die ursprüngliche Bedeutung mhd. süln (sich im Kote wälzen), von sol Suhle (Kotlache, in der sich das Wild wälzt). In übertragenem Sinne: herumsielen (herumtreiben), versielen (unachtsam verlegen, verlieren).
21. pärn’sch machen, sich wild und toll geberden, sich wild und toll geberden, dummes Zeug treiben. Das Wort ist eine jüngere Bildung, eigentlich pirnaisch, von der Stadt Pirna abgeleitet mit Beziehung auf die dort befindliche Irrenanstalt (Sonnenstein).
22. meiern, anführen, betrügen, übervorteilen. Ein wichtiges Amt war im Mittelalter der major domus (Gutsverwalter), der im Auftrage des Gutsherrn die Aufsichtung über die Bewirtschaftung der Güter führte. Unsere Maier, Meier, Mayer nebst vielen Zusammensetzungen stammen von dieser Bezeichnung. Erfüllte der major seine Pflicht nicht, so konnte ihn sein Herr seines Amtes entsetzen oder abmeiern, er war dann der „Gemeierte“.
23. Kinkerlitzchen, Umstände, Umschweife, faule Ausreden, auch alberne Witze machen. Die Erklärung ist schwierig. Einige Forscher führen den ersten Teil auf Kinker (Flitter, Putz, Tand, nichtige Dinge) zurück; vielleicht vom französischen Lehnwort requinquer (sich mit Flitterstaat herausputzen).
24. quärgeln, sich unnötigerweise umher bewegen, mhd. twern (quirlen), gehört zu twer (quer), twirhen (verkehrt gehen).
25. meßeldrehtig, meßeldrähtig. Dieses Wort, daß schriftdeutsch kaum wiedergegeben werden kann, hat eine interessante Geschichte. Zugrunde liegt mhd. meizel (zerzupfte Leinwand); meißeldrähtig ist eigentlich ein gedrehter Faden. Wenn bei der Handspinnerei das Spinnrad zu schnell gedreht wurde, wurde der Faden nicht glatt, sondern spiralig auf die Spule gedreht, es entstand Meißeldraht (verwirrtes, verdrehtes Garn). Auf den Menschen übertragen: wirr im Denken, wirbelig, aufgebracht, ratlos, zerfahren.
26. Kufdemahd, Huppufdemahd als Bezeichnung für Flieder, seltener Holunder gebraucht. Das verstümmelte Wort bedeutet: Hupp auf die Magd. (Offenbar wurden die einander aufsitzenden Fliederblüten mit den Kindern verglichen, die sich von der Magd Huckepack tragen lassen). Nach anderer Erklärung soll der Geruch von Flieder den Geschlechtstrieb anregen.
27. Pulsen, in drei Pulsen läuten, in drei Absätzen die Glocken läuten, von lat. Pulsus (Stoß).
28. Quehle, Handtuch (nur noch von älteren Leuten gebraucht), mhd. twehele, derselbe sprachliche Vorgang, wie aus twarc Quark, aus twirl Quirl geworden ist.
Vielleicht trägt diese kleine Auslese dazu bei, manchem Leser etwas Achtung vor den Sprachdenkmälern in unserer Mundart einzuflößen und ihn zu weiterem Suchen an zu regen. Bearb.: hhk