Titel Logo
Mitteilungsblatt Radeberg - Ihre Heimat- und Bürgerzeitung
Ausgabe 16/2020
Titelseite
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe
-

Historische Kulturlandschaften im Keulenberggebiet: 8. Hutebäume und Hutungen

Huteeiche mit gedrehter Stammwuchsform auf einer Rinderweide in der Nähe von Reichenbach

Bewegt sich der Naturfreund vom Keulenbergwald in Richtung Festscheune Reichenbach entlang der Großnaundorfer Straße, sieht er linksseitig schon von weitem einen alten, mächtigen, einzeln stehenden Baum auf der Weide. Die Krone der Huteeiche ist so ausladend, dass eine kleine Rinderherde bequem Platz darunter findet. Es handelt sich um das Naturdenkmal Koppeleiche. Auch dieser Hutebaum ist ein historisches Dokument, Relikt und Zeuge einer alten Weideform, der dem Druck der jahrhundertelangen Beweidung standgehalten hat.

Hutewälder bzw. Hutungen sind Viehweiden insbesondere für die Schweinemast im Wald, in denen vorrangig Eichen und Buchen standen. Daher rührt der noch heute gebräuchliche Begriff Vollmast her. Bei einer Vollmast von Eichen, Buchen oder Kastanien fruchten alle Bäume eines Bestandes stark. Durch die Beweidung lichteten sich die Wälder auf und erhielten einen parkähnlichen Charakter mit einem krautig-grasigen Unterwuchs. Die Bäume stehen in großem Abstand zueinander, wodurch sie weit ausladende Baumkronen und kräftige bzw. stark verzweigte Äste besitzen. Weil in historischer Zeit Hute- bzw. Weiderechte existierten, mussten die Waldeigentümer das Eintreiben von Vieh dulden. Dorn- oder stachelbewehrte Pflanzen, Heidekraut oder Giftpflanzen weisen neben der gedrehten Wuchsform der Bäume auf die einstige Nutzung als Waldweide hin. Das Huterecht hatte in Deutschland als bäuerliches Urrecht am Wald bis in die 1930er Jahre alle politischen Umwälzungen überlebt. Ab der Zeit der Karolinger erhoben die grundherrlichen Waldeigentümer Abgaben für die Waldweidenutzung, meist in Form von Naturalien wie Weidekorn oder Forsthühner. Die von den Bauern gemeinsam genutzten Wälder waren frei, d. h. sie durften unentgeltlich genutzt werden. Die Waldweide verlor nicht nur infolge der neuen Forstgesetze an Bedeutung. Auch geänderte Landbauweisen und Fruchtfolgen ab dem 19. Jahrhundert trugen dazu bei. Der Anbau von Luzerne, Klee und anderen Futterpflanzen ermöglichte es, Rinder und Schweine nun in Ställen zu halten.

Im Keulenberggebiet sind charakteristische Waldbilder von Hutungen kaum noch auszumachen. Sie wurden durch die forstliche Intensivnutzung mit zumeist Fichtenpflanzungen überformt. Fatalerweise sind diese Fichtenbestände schon von Weitem zu lokalisieren. Infolge Sturm, Trockenstress und Borkenkäfer sind sie abgestorben oder bereits abgeholzt. Auf der anderen Seite sind aufgelichtete Hutewälder wieder zugewachsen. Nur Flurbezeichnungen erlauben eine Ortung. Die Hutung am Gräfenhainer Bach nahe der Wanderhütte vom Gräfenhainer Wanderschuh wird hingegen immer noch als Grünland genutzt. Diese Hutewiese ist gekennzeichnet durch einen imposanten, hoch aufragenden Stein.

Quelle: „Historische Kulturlandschaftselemente in Sachsen“, LfULG-Schriftenreihe Heft 18/2014

Sebastian W. Klotsche
www.medien-scheune.de/keulenberg