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Ausgabe 26/2018
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Welcher Gockel kräht am meisten?

58 Hähne suchten beim Wettbewerb die fleißigsten Kräher – die Züchter zählten in den 60 Minuten gewissenhaft die Kikerikis

Wer davon nicht richtig munter wurde, musste es in der Nacht vorher doch arg übertrieben haben. Am vergangenen Sonntag traten 58 stolze Hähne, natürlich gemeinsam mit ihren Züchtern, in Oberlichtenau – oder besser in Niederlichtenau – zum Wettbewerb um den fleißigsten Kräher an. Bereits zum 27. Mal hatte der Rassegeflügelzuchtverein Oberlichtenau und Umgebung dazu eingeladen – Zuchtfreunde aus dem eigenen Verein, aber auch aus Lichtenberg, Reichenbach oder Kamenz waren gekommen. Der Vereinsvorsitzende Knut Zschieschank zeigte sich mit der Resonanz zufrieden, schließlich hatte man sich auch in bewährter Form ein kleines Rahmenprogramm einfallen lassen. Nach dem eigentlichen Wettkampf spielten die Senioren des Spielmannszuges Oberlichtenau ein schwungvolles Ständchen, für das leibliche Wohl war ebenfalls bestens gesorgt. So war alles bereit für einen Frühschoppen mit der Pflege ländlicher Traditionen.

Ganz früh, zum Sonnenaufgang, wenn vielleicht sonst das erste Kikeriki die Nachbarn ärgert und man auf dem Dorf beschwingt in den Tag startet, mussten die Züchter mit ihrem Federvieh aber nicht antreten – wäre schließlich schon kurz vor 5 Uhr gewesen. Pünktlich 9 Uhr waren 58 Boxen mit je einem kleinen oder großen Gockel besetzt, die Züchter starteten ihren „Dienst“. Denn traditionell erhält jeder Stift und Zählkarte – natürlich wegen der Objektivität nicht für sein Tier – und muss eine Stunde lang Striche für jedes echte „Kikeriki“ machen. Dabei reiche es nicht, wenn mal kurz gegackert oder nur angesetzt wird. Schnell war klar – nicht jeder Hahn hat immer Lust aufs Krähen, und nicht jeder der Teilnehmer ist ein echter Wettkampftyp. Während der eine oder andere Züchter – natürlich beobachtet man neben dem gewissenhaften Zählen auch die eigenen Hähne – staunte, dass sein sonst nicht so fleißiger Kräher sich zum Sonntagmorgen echt animieren ließ von den anderen Tieren, war der andere Tierfreund ebenso überrascht, dass sein Gockel auf dem eigenen Hühnerhof viel lautstärker das Kommando schwingt. Denn deshalb krähen sie ja eigentlich – um zu imponieren, ihr Revier abzustecken, eventuellen Rivalen Stärke zu signalisieren und den eigenen Hennen zu zeigen, wie toll sie sind. Daher kommt es wohl auch das geflügelte Wort vom „Verhalten wie ein stolzer Gockel“. Dass sich Hähne aber auch von Artgenossen zum Krähen animieren lassen, ist wissenschaftlich längst bewiesen und soll bei einem solchen Wettbewerb von möglichst allen Teilnehmern unter Beweis gestellt werden. Zu 100 Prozent klappte das am Sonntag nicht, denn nicht jeder Hahn musste sich im Pulsnitzer Ortsteil unbedingt als krähender Macho beweisen – vielleicht hatte er längst geschnallt, dass ihm seine Stimme auf dem eigenen Hühnerhof viel mehr nutzt, wer weiß das schon … 17 der 58 Hähne hoben auf jeden Fall nicht zu einem einzigen Kikeriki an.

Die Sieger krähten sich hingegen in der einen Stunde fast heiser und waren im Durchschnitt häufiger als zweimal pro Minute aktiv. Der goldene Hahn bei den großen Hähnen ging am Ende mit 157 Kikerikis an Reimut Riehle, dessen Hahn sonst einen Hühnerhof in Lichtenberg im Griff hat. Bei den Zwerghähnen dominierte die Rasse der Bartzwerge, die die ersten drei Plätze unter sich ausmachte. 153 Kikerikis bedeuteten am Ende den Sieg für Wolfgang Müller, dessen Hühnervolk in einer Voliere in Kamenz lebt. Der Lessingstädter nahm außer dem goldenen auch den bronzenen Hahn mit nach Hause. Er freute sich über diesen Erfolg und erzählte, schon in der Vorwoche im Lauterbacher Tal, als viele der Züchter ihre Tiere ebenfalls zum Wettkrähen an den Start brachten, Podestplätze erreicht zu haben – allerdings mit anderen Hähnen. Wer also in Kamenz an der Ecke Saarstraße, Jesauer Straße einen kräftig krähenden Hahn hört, vernimmt die Rufe der stolzen und hochdekorierten Gockel von Wolfgang Müller. Der Kamenzer hofft sehr, dass er weiterhin die Bedingungen für seine Kleintierzucht auch in der Stadt vorfindet, denn auf dieses schöne Hobby möchte er niemals verzichten. Es sei doch wunderschön, natürlich und keinesfalls störend, am Morgen vom Hähnekrähen geweckt zu werden. Hoffentlich gibt es nicht jetzt bereits Kinder, die dieses Geräusch und das dazugehörende Tier nur noch aus dem Fernsehen kennen.

ku