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Rosenthal-Bielataler Dorfblatt
Ausgabe 10/2026
Klatsche
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Vom „Bodenbacher Austriabräu“ und seinen Folgen

Der Weiler „Waldhaus“ um 1910

„Waldhaus“ und Zollhaus mit Zollbeamten 1914

von Hans-Georg Hering

 

Zum einstmals regen „kleinen Grenzverkehr“ zwischen Rosenthal und seinen böhmischen Nachbarn mag früher auch das gute und billige „Böhmische“, wie das süffige Getränk der Einfachheit halber kurz genannt wurde, seinen Teil beigetragen haben.

Als vor dem 1. Weltkrieg in den böhmischen Grenzgasthäusern so mancher Liter „Böhmisch hell und dunkel“ durch die Kehlen der reichsdeutschen Grenzgänger floss, wurde natürlich auch so manchem Rosenthaler Zecher die Rückkehr in´s heimatliche Dorf erheblich erschwert.

Als hübsches Beispiel hier eine wahre Geschichte, welche sich vor dem 1. Weltkrieg zugetragen hat:

Es war damals ein Rosenthaler Bauer (sicher einer von vielen), der dem guten böhmischen Bier mehr als zugetan war, und deshalb seine Schritte mit besonderer Vorliebe in’s bekannte und beliebte „Schneeberger Waldhaus“ kurz hinter der Grenze lenkte.

 

 

 

 

 

 

 

  

 

So war er an einem nebeligen Herbsttag wieder einmal dort gelandet und sprach in der kleinen gemütlichen Schankstube seinem geliebten „Böhmischen“ eifrig zu. Als erfahrener und trinkfester Zecher vergaß er auch nicht, wie es Sitte war, zwischen jedem Glas Bier wegen der besseren Bekömmlichkeit und Verdauung, einen „Slivowitz“ dazwischen zu schieben.

Dieser Schnaps, der aus Pflaumenkernen bereitet wurde, war damals so hochprozentig, dass er sich anzünden ließ!

Und so war es nicht verwunderlich, dass selbst diesem erprobten „Kampftrinker“ das Gehen recht unsicher und schwankend ausfiel, als er zu später Nachtstunde in pechschwarzer Finsternis den weiten Heimweg ´gen Rosenthal antrat und so nichtsahnend einem für ihn sonderbaren und erschreckenden Abenteuer entgegen torkelte.

Zu gleicher Zeit gingen zwei Rosenthaler Zollbeamte auf ihrer Dienststreife Richtung Grenze.

 

 

 

 

 

 

 

Plötzlich drangen aus der nebeltriefenden Finsternis ferne laute angsterfüllte Schreie an ihre Ohren! Erschrocken eilten sie schnellstens in die Richtung der Schreie grenzwärts.

Beim Näherkommen konnten sie nun schon einzelne Worte und Sätze verstehen wie: „Mach das du fortkommst, du Hund, so lass mich doch los!“ Dazwischen Hilferufe, dann wieder bettelnd: „Ach lass mich doch laufen!“ So ging es in Einem fort – mal drohendes Geschrei, dann wieder flehendes Gejammer.

 

Nun erkannten die beiden Zöllner den Verursacher schon an der bekannten Stimme und bald schälte sich im milchigen Schein ihrer Blendlaternen seine massige Gestalt aus Finsternis und Nebel. Er schien mit jemandem heftig zu ringen. Mit entsicherten Gewehren schritten die Beamten hinzu und brachen gleich darauf in schallendes Gelächter aus, als sie den wahren Sachverhalt erkannten!

Folgendes war geschehen: Die erhebliche Flüssigkeitsmenge, die das Bäuerlein im gastlichen „Waldhaus“ zu sich genommen hatte, zwang ihn auf dem Heimweg zu mehrfachem Verweilen ob der gewaltig drückenden Blase an Straßenbäumen.

Und so geschah es, dass er in einem Falle an einen etwas dünneren Stamm geriet, den er dann in Folge seines stark umnebelten Zustandes versehentlich und unbemerkt mit in seinen weiten Schafspelzmantel einknöpfte.

Da sein Geist nicht mehr klar und aufnahmefähig genug war, um diese tatsächliche Lage überschauen zu können, glaubte er, ein Wegelagerer habe ihn überfallen und hielt ihn nun fest!

Die beiden Zollbeamten befreiten ihn mit Lachtränen in den Augen aus seiner selbstverschuldeten urkomischen Lage und begleiteten den verstörten „Schluckspecht“ noch ein Stück des Weges zurück Richtung Rosenthal.

Es blieb natürlich nicht aus, dass dieser erheiternde und komische Vorfall nicht geheim blieb und so lange Zeit beiderseits der Grenze für Gesprächsstoff und Gelächter sorgte.

(Quelle: Nach einer Niederschrift des Rosenthaler Lehrers und Ortschronisten Kurt Baumert, 1938)

 

 

 

 

 

 

  

 

Nachtrag: Das böhmische Bier war schon immer auch ein bedeutendes Exportgut. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde z.B. mindestens die Hälfte des in Dresden getrunkenen Lagerbieres aus Böhmen importiert. Das Pilsener wurde, wie umgekehrt deutsche Produkte jenseits der Grenze auch, immer mal wieder zum Gegenstand von Boykottaufrufen deutsch-national gesinnter Kreise, obwohl auch das sächsische Bier sehr oft mit Hopfen und gemälzter Gerste aus Böhmen gebraut wurde.