Die ständige Öffnung eines touristischen Grenzüberganges im Süden von Rosenthal auf der alten einstigen Staatsstraße Pirna-Bodenbach vor dreißig Jahren am 1.März 1996 soll hier Anlass sein, dieses wichtigen Ereignisses zu gedenken und die Historie dieser Örtlichkeit im Rückblick zu beleuchten.
Die „Sächsische Zeitung“ titelte am 16. Februar 1996 (Zitat): „Grenze: Vier neue Übergänge öffnen am 1. März. In Rosenthal, Sebnitz, Steinigtwolmsdorf und Walthersdorf öffnen am 1. März neue Grenzübergänge. Sie sind jedoch Wanderern und Radfahrern vorbehalten…“ Rosenthal erhielt bereits seit 1992 regelmäßig die Erlaubnis, die Grenze an Feiertagen zu öffnen. „Auch für Ostern hatten wir schon wieder den Antrag gestellt, aber das hat sich ja nun glücklicherweise erübrigt“, sagte Bürgermeister Bernd Gottschald.“ (Zitat Ende)
Am Grenzübergang im März 1996
Am 28. Februar ‘96 konnte man in der „SZ“ lesen (Zitat): „Auch beim grenzenlosen Wandern sind gültige Papiere erforderlich – das Zollamt Pirna informiert über aktuelle Bestimmungen zur Ein- und Ausreise.
Pirna – Zwei neue Grenzübergänge für Wanderer werden morgen in unserem Landkreis eröffnet. Im Raum Sebnitz betrifft das den Wanderweg an der „Forellenschänke“ nach Mukulasovice. Ein weiterer grenzüberschreitender Wanderweg wird in Rosenthal nach Snežnik (Schneeberg), Gemeinde Jílové, eröffnet. Diese Übergänge unterliegen aber zollrechtlichen Bestimmungen.“ (Zitat Ende)
So soll nun die ständige Öffnung dieses alten Grenzüberganges vor nunmehr schon wieder dreißig Jahren hier Anlass sein, die Örtlichkeit des Straßenüberganges und seiner Umgebung sowie dessen Bedeutung für die Beziehungen Rosenthals zu seinen Grenznachbarn nach geschichtlichen Spuren zu „durchforsten“: Der alte Flurname „Eulenthor“ tritt uns als „Eylenweg“ bereits auf der Oeder’schen Landesaufnahme von 1592/93 entgegen. Doch schon über 130 Jahre vorher wird dieses Waldgebiet 1456 in einer Grenzbeschreibung erwähnt, als man dort den Standort eines Steinkreuzes beschreibt, übersetzt in unsere heutige Sprache: „Zwischen der Fuchsbach und dem Reichenauer Floss auf Cunzen Kreuz an der Eulauer Straße“.
Das Kartenwerk von Matthias Oeder vom Ende des 16. Jahrhunderts verzeichnet dieses Steinkreuz, nun „Fleischers Kreuz“ genannt, unmittelbar in Straßennähe beim Grenzübergang. Später wird das Kreuz nirgends mehr erwähnt. Der alte „Schneeberger Kirch- und Leichenweg“, auf dem die Schneeberger Einwohner im 16. Jahrhundert Kirche und Friedhof in Rosenthal aufsuchten, entsprach in etwa dem Verlauf der 1864 gebauten Staatsstraße, wie wir sie heute vorfinden. 1928 ließ ein Generaldirektor Franz Vogt, ein jüdischer Unternehmer aus Krischwitz bei Bodenbach, zwischen Grenzübergang und Dorf Schneeberg ein etwa 300 ha großes umzäuntes Versuchs- Wildgatter anlegen. Dieses Wildgatter erlangte in den 1930er und vierziger Jahren weltweite Berühmtheit ob seiner prächtigen Rothirsche.
Mit dem Kriegsende 1945 kam auch das Ende für das berühmte Wildgatter.
Unweit des heutigen Grenzüberganges Richtung Snežnik bemerkt der aufmerksame Wanderer am rechten Straßenrand überwachsene Steine und Trümmerschutt. Dies‘ sind verbliebene Zeugen des einstigen Weilers „Waldhaus“, zum Dorf Schneeberg gehörig.
1756 baute man hier, fast unmittelbar an der sächsischen Grenze, ein Forsthaus, zu dem 1844 noch das „Mautamt“ (Zollhaus), bis dahin in Vorder-Schneeberg befindlich, hinzukam.
Dieser kleine, etwas abgelegene Grenzweiler erhielt bereits früh eine eigene Wasserleitung aus Eichenholzrohren, um 1930 gegen Eisenrohre ausgetauscht.
In den 1930er Jahren wohnten in den zwei Häusern 14 Menschen. Der Wirt des inzwischen als „Waldhaus“ bekannten und beliebten Gasthauses hieß Püschel, die Anschrift lautete Waldhaus Nr. 93.
Mit der Einrichtung einer ständigen Autobuslinie von Dresden ins Dorf Schneeberg 1934, die 1936 bis Tetschen erweitert wurde, erlangte das „Waldhaus“, vor dem sich eine Bushaltestelle befand, als beliebtes und gut besuchtes Ausflugs- und Einkehrziel gewisse Berühmtheit.
Das Gasthaus „Waldhaus“ mit dem Zollhaus in den 1930er Jahren
Im Mai 1945 kam dann leider das „Aus“ auch für dieses idyllisch gelegene Fleckchen – die Bewohner mussten die Häuser verlassen, welche in den Folgejahren abgerissen wurden – nur noch traurige Trümmerreste verblieben. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass erst 1934 der letzte Holzkohlemeiler unweit des „Waldhauses“ erlosch, der letzte Köhler war Franz Hietel, Schneeberg Nr. 18, auch Posthalter und Ortschronist, gest. 1969.
Die Grenze beim „Eulentor“ erlebte den Durchmarsch von Wehrmachtsverbänden zur Besetzung des Sudetenlandes im Herbst 1938 – 7 Jahre später fluteten Reste von Wehrmachts- und SS-Einheiten auf dem Rückzug über die Grenze bei Rosenthal, verfolgt von Panzern der Roten Armee.
Der einstige Grenzübergang in den 1960er Jahren
Nach dem Krieg trennten für Jahrzehnte einsame Schlagbäume an der anfangs aufgerissenen Straße beim „Eulentor“ die Orte Rosenthal und Schneeberg, nun Snežnik. Nur einmal öffneten sich die Sperren: In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 durchbrachen wieder sowjetische Panzer die Grenze zur damaligen ČSSR bei Rosenthal, um die Reformbestrebungen im Nachbarland „Prager Frühling“ genannt, niederzuschlagen. Nach diesen bedrückenden Ereignissen mussten wieder 24 Jahre vergehen, ehe unser Grenzübergang am 21.–23. April 1992 erstmalig wieder für einen „kleinen Grenzverkehr“ geöffnet wurde.
Erstmalige Grenzöffnung am 21. April 1992
Danach erfolgten in den Jahren 1992–95 tageweise Erlaubnisse zum Überqueren der Grenze an Feiertagen, bis schließlich die ständige Öffnung ab März 1996 erfolgte. Ermöglicht durch das sogenannte „Schengener Abkommen“.